Vorkoloniale Wissensproduktion zwischen Afrika und Europa „Sie schlossen uns einen Weltteil auf“

Dekolonisierung – Ankunft Heinrich Barths in Timbuktu, 1853 (aus: Heinrich Barth, 1857-58: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentral-Afrika in den Jahren 1849-1855. Bd. IV. Gotha: Justus Perthes Verlag)
Ankunft Heinrich Barths in Timbuktu, 1853, aus: Heinrich Barth, 1857/58 „Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentral-Afrika in den Jahren 1849–1855“, Band IV, Gotha, Justus Perthes Verlag | Abbildung (Detail): © Justus Perthes Verlag

Heinrich Barths Entdeckungen waren ein Schlag ins Gesicht zeitgenössischer europäischer Vorstellungen, das vorkoloniale Afrika sei ein Kontinent ohne Staat, Schrift und Geschichte, schreibt Achim von Oppen.

Von Achim von Oppen

Am 28. Mai 1853 kam es in der Hauptstadt des Sultanats Sokoto, im heutigen Nord-Nigeria, zu einer folgenreichen Begegnung. Der deutsche Forschungsreisende Heinrich Barth begegnete dem Gelehrten ‘Abd el Kāder dan Taffa. „Er stattete mir auch gleich am Abend einen Besuch ab, wobei er mir unverzüglich einige positive Data in Bezug auf die … Herrscher von Sonrhay mitteilte ... Diese … waren für mich von der höchsten Bedeutung …“ (Barth 1857/58, IV, Seite 185) Es ging um wesentlich neue Einsichten in die Geschichte afrikanischer Reiche, die sich ab der Zeit des frühen europäischen „Mittelalters“ südlich der Sahara gebildet hatten.

Auf seiner Reise vom Tschadsee nach Timbuktu (1853/54) durchquerte Barth diesen historisch als Westlicher Sudan bezeichneten Raum. Er bewegte sich dabei entlang eines weitgespannten Netzwerks einheimischer Gelehrter, bei denen er Interesse und sogar Freundschaft fand. Dadurch erhielt er dann auch Zugang zu einer bis dato in Europa völlig unbekannten einheimischen Geschichtsschreibung: Es waren umfangreiche, teils sehr alte Handschriften in arabischer Sprache, die in der Region zirkulierten. Dekolonisierung – Die Bibliothek der Kunta in Timbuktu, Achim von Oppen 2004 mit Nachkommen von Sidi Ahmed el-Bakáy, Barths gelehrtem Beschützer und Freund Achim von Oppen 2004 mit Nachkommen von Sidi Ahmed el-Bakáy, Barths gelehrtem Beschützer und Freund in der Bibliothek der Kunta in Timbuktu | © Achim von Oppen Sie erzählten die Entstehung und lange Geschichte der dortigen großen afrikanischer Staaten und Zivilisationen: Ghana, Tekrur, Mali und Songhai bis hin zu den damals noch jungen Jihad-Staaten der Fulbe mit Zentrum in Sokoto. Diese Werke eröffneten Barth „eine ganz neue Einsicht in die geschichtliche Entwicklung der Landschaften …, denen ich meine Schritte zuwandte“. (Barth 1857/58, IV, Seite 202) Barth begann, geliehene Kopien von Bänden mit vielversprechenden Titeln wie Die Geschichte des Landes der Schwarzen [tarih es Sudan) oder Die Schmückung der [Schreib-]Blätter durch einige meiner Verse (tazyīn al warakāt …) in aller Eile durchzusehen und zu exzerpieren. Dekolonisierung – Auszüge und Übersetzungen aus dem tazyīn al warakāt in einem Notizbuch Barths (jetzt in der Bibliothèque Nationale de France, Paris, SG MS8-47 (1321,1)) Auszüge und Übersetzungen aus dem tazyīn al warakāt in einem Notizbuch Barths, jetzt in der Bibliothèque Nationale de France, Paris, SG MS8-47 (1321,1) | © Heinrich Barth

Offenbarung eines anderen Afrikas

Barths Entdeckungen waren ein Schlag ins Gesicht zeitgenössischer europäischer Vorstellungen, das vorkoloniale Afrika sei ein Kontinent ohne Staat, Schrift und Geschichte. Diese Behauptung war in den Jahrzehnten zuvor, gerade in Deutschland, von einflussreichen Philosophen wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel verbreitet worden. In dessen Sichtweise hieß Geschichtslosigkeit vor allem, sich angeblich nicht aus eigener Kraft zu höherer Zivilisation entwickeln zu können. Auch Barths eigene akademische Lehrer, so der bekannte Geograf Carl Ritter, waren überzeugt von der Rückständigkeit Afrikas, vor allem im Vergleich zu Europa. Barth selbst aber kam zu ganz anderen Einsichten.
Dekolonisierung – Heinrich Barth, aus: Gustav von Schubert 1897 „Heinrich Barth, der Bahnbrecher der deutschen Afrikaforschung“. Berlin: Reimer Heinrich Barth, aus: Gustav von Schubert 1897 „Heinrich Barth, der Bahnbrecher der deutschen Afrikaforschung“. Berlin: Reimer | © Reimer Verlag Berlin „Er schloss uns einen Weltteil auf“, sagte Alexander von Humboldt später über Barth. Das muss allerdings differenziert werden. Zum einen erschloss Barth das vorkoloniale Innere Afrikas nicht nur als Raum, wie die anderen europäischen Reisenden der Zeit, sondern auch in dessen historischen Tiefe und Dynamik. Zweitens kamen seine Erkenntnisse nicht nur „uns“ Europäer*innen zugute: er erkannte das vorkoloniale Afrika als bemerkenswerten Teil der Weltgeschichte insgesamt. Und drittens erschloss er dieses Wissen nicht im Alleingang, sondern indem er einheimischen Gelehrten zuhörte, ihre Werke las, mit ihnen diskutierte und seine Einsichten explizit auf deren Wissen stützte. Der mehr als 3.300 Seiten umfassende Reisebericht Barths von 1857/58 ist (auch) das Dokument einer kooperativen Produktion von Weltwissen zwischen Afrika und Europa. Das ist umso mehr bemerkenswerter, als zu dieser Zeit bereits die ideologische Vorbereitung, bald darauf auch die praktische Umsetzung, der Unterwerfung fast ganz Afrikas unter europäische Herrschaft bereits in vollem Gange war.

Kooperative Wissensproduktion

Wie wurde diese Kooperation möglich und wie wirkte sie? Alle europäischen Reisenden, die seit etwa 1800 in rasch steigender Zahl ins Innere Afrikas vordrangen, waren in starkem Maße abhängig vom Wissen ihrer einheimischen Führer, Begleiter, Gastgeber und Beschützer. Diese waren ja selbst oft als Reisende unterwegs und mit den Routen, Ländern und Orten, die die Europäer suchten, bestens vertraut. Ihr Wissen und selbst ihre Sichtweisen hatten einen deutlichen Einfluss auf die Erkenntnisse der Europäer*innen. Anders als die meisten seiner Kollegen spielte Barth die Bedeutung dieser Akteure nicht im Nachhinein herunter. Vielmehr schrieb er ausführlich über die Personen, die er unterwegs kennenlernte. Deren Wissen ging explizit in den ersten umfassenden Bericht und die Karten zum Westlichen Sudan ein, die er Europa und der Welt lieferte.

Entscheidende Voraussetzungen dafür waren eine ungewöhnliche Sprachbegabung, ein breites Interesse, Vorwissen und Respekt gegenüber anderen Kulturen und ihrer Geschichte, sein diplomatisches Geschick angesichts lokaler Machtkämpfe, in die er wiederholt geriet; und schließlich seine Methode, Informationen unterschiedlicher Quellen aus ihrem Kontext heraus zu verstehen und ständig kritisch miteinander abzugleichen. Diese Vorgehensweise trug Züge moderner ethnologischer Feldforschung und historischer Quellenanalyse.

Barths Methoden der Wissensproduktion waren offenbar recht gut vereinbar mit den Dialogen und Disputen einer islamisch-afrikanischen Gelehrtenkultur, die stark auf überlieferte Texte bezogen war. Tiefere Übereinstimmungen scheint es auch auf der Ebene des Geschichts- und Zukunftsbildes gegeben zu haben.

​„Aus dem zeitgenössischen Deutschland waren Barth die Narrative, die aus den Chroniken des Westlichen Sudan sprechen, nicht fremd: Erinnerung an vergangene Größe und nationaler Zusammenhalt als Quellen der Hoffnung auf eine künftige Erneuerung, im Angesicht imperialer Ansprüche mächtiger äußerer Feinde.“


In den 1850er‑Jahren waren die Vorzeichen europäischer Expansion in Nord- und Westafrika bereits zu spüren. Dennoch fand Barth – ein Fremder, Christ und Europäer – bei vielen Gelehrten und gelehrten Herrschern im Westlichen Sudan freundliche Aufnahme. Ihnen waren weitgereiste Erfahrung und Gelehrtheit grundsätzlich willkommen; Barths Vorwissen über Islam und Christentum oder über die Interessen der europäischen Mächte boten Ansatzpunkte für intensive Gespräche und freundschaftliche Auseinandersetzungen.

Es gab auch im globalen Süden gerade in dieser späten vorkolonialen Zeit ein ausgeprägtes Interesse an „Entdeckungen“, aber in umgekehrter Richtung, also an mehr Wissen über Europa und die Europäer*innen. Selbstbestimmte Reisen von Afrika nach Europa waren aber selten und schwierig. Einer der wenigen Berichte über eine solche Reise stammt ausgerechnet aus Barths eigenem Umfeld: von seinem Diener Dorugu (Dyrregu), einem freigelassenen Sklaven aus dem Haussagebiet.
Dekolonisierung – Dorugu und Abbega, 1855, auf dem Weg nach Europa, in nordafrikanischer Kleidung Dorugu und Abbega, 1855, auf dem Weg nach Europa, in nordafrikanischer Kleidung, Gemälde bis 1999 im Besitz der Familie von Achim von Oppen, danach Schenkung an das damalige Museum für Völkerkunde Hamburg, heutige MARKK Museum | © MARKK Museum am Rothenbaum Zusammen mit einem Kollegen begleitete er Barth seit 1850 auf der gesamten Reise, am Ende (1855) sogar nach Hamburg, Berlin und England. Sein Bericht liefert eine frische Alltagsperspektive auf Barths Reise und die besuchten Orte.

Vermittler eines differenzierten Afrikabilds

Seit Barths frühem Tod (1865) ist das von ihm transportierte Wissen von sehr unterschiedlichen Seiten idealisiert und instrumentalisiert worden: Bis 1945 galt er als Pionier deutscher imperialer Ansprüche in Afrika. Nach der Unabhängigkeit wurde Barth besonders in Afrika und auch in beiden deutschen Staaten als Botschafter eines postkolonialen Afrikabildes gesehen, das auf Selbstbestimmung und früherer Größe aufbaut. Zweifellos war auch Barth beeinflusst von seiner kulturellen Identität, seiner bürgerlichen Herkunft mit ihren Aufstiegsambitionen, von den Paradigmen der damaligen Forschung und vom Auftraggeber der Reise, dem es vor allem um den britischen Handel ging (noch nicht um Eroberung). Aber auch Barths afrikanische Partner gehörten zu den gebildeten und herrschenden Eliten ihres Landes; und sie blickten mit großer Selbstverständlichkeit auf untergeordnete Schichten und „heidnische“ Völker herab. Auch hier waren Gelehrte damals fast ausschließlich Männer. Die Begegnung der Gelehrten fand also in einem sozialen Raum statt, der nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika eng begrenzt war.

Kolonialeuphorie versus Wissensaustausch

Die eigentliche Begrenzung dieser Wissensproduktion lag aber woanders. Barths Bericht erreichte jenseits der wissenschaftlichen Forschung kaum noch die Regierungen und Öffentlichkeiten Europas. Deren Interesse verschob sich in dieser Zeit von „Entdeckung“ und Freihandel zunehmend auf koloniale Bestrebungen. Dass es im Inneren Afrikas große Staaten, Schrift- und Geschichtskulturen gab oder gegeben hatte, passte nicht mehr in die neue Kolonialeuphorie. Schon 1894 – und nicht erst 2012, nach der islamistischen Machtübernahme in Timbuktu – wurden Exemplare der bedeutendsten von ihm konsultierten Geschichtswerke zur Beute gewaltsamer Eroberer. Damals landeten sie in den Nationalbibliotheken in Paris und London. Erst in neuerer Zeit wird die Begegnung zwischen afrikanischen und europäischen Gelehrt*innen auf Augenhöhe wieder zur realen Chance – nicht nur zum Austausch von Wissen über eine Region, sondern zur gemeinsamen Produktion von Weltwissen.
 
Literaturhinweise:

Heinrich Barth, 1857/58: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentral-Afrika in den Jahren 1849–1855. Tagebuch seiner im Auftrag der Britischen Regierung unternommenen Reise. 5 Bände. Gotha: Justus Perthes Verlag. Online verfügbar unter https://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV023897295

Mamadou Diawara u. a. (Herausgeber), 2006: Heinrich Barth et l'Afrique. Köln: Köppe Verlag, 2006 (Beiträge in englischer und französischer Sprache)

Charlie English, 2018: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes. Hamburg: Hoffmann und Campe

John O. Hunwick u. a., 2009: Timbuktu und seine verborgenen Schätze. München: Frederking & Thaler

Anthony Kirk-Greene, Paul Newman (Herausgeber), 1971: West African travels and adventures. Two autobiographical narratives from Northern Nigeria. New Haven and London: Yale University Press.

Christoph Marx, 1988: Heinrich Barth. In: Derselbe: Völker ohne Schrift und Geschichte. Zur historischen Erfassung des vorkolonialen Schwarzafrika in der deutschen Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Steiner, S. 8–39.