Überwindung von Stereotypen in der Museumsgestaltung Aus der Vitrine in den freien Raum

Im Bau: das Lesotho National Museum, das 2021 eröffnet werden soll.
Im Bau: das Lesotho National Museum, das 2021 eröffnet werden soll. | © Jon Weinberg

Lesotho plant, mit der Eröffnung eines Komplexes aus Nationalmuseum und Kunstgalerie (Lesotho National Museum and Art Gallery) im Jahr 2021 ein neues Kapitel der Museumswissenschaft in Afrika aufzuschlagen. Es soll das erste zeitgenössische Museum in Afrika südlich der Sahara sein, das Sammlungen aus den Bereichen Naturkunde, Sozialgeschichte und Kunst unter einem Dach vereint und mithilfe digitaler Technologien eine Ko-Kuratierung mit den Museumsbesucher*innen fördert. Jon Weinberg, leitender Entwickler des neuen Museums, sprach mit „Latitude“ über die Umsetzung eines der Vorzeigeprojekte auf dem Kontinent.

Museen waren ursprünglich von Expert*innen entwickelte und geführte Orte für Spezialist*innen. Wie sollte die Vision des modernen Museums aussehen?
 
Das moderne Museum hat eine umfassende Umgestaltung und damit einen Prozess durchlaufen, der an anderen Orten noch nicht abgeschlossen ist. Dank des weit verbreiteten Einsatzes digitaler Technologien sind die Besucher*innen bereits vor dem Museumsbesuch besser informiert. Dadurch können sie einen stärkeren Bezug zu den Sammlungen aufbauen und nehmen das Museumsgebäude nicht mehr als einschüchternd oder abschreckend wahr. Außerdem können sich die Museumsmitarbeiter*innen weltweit mit anderen Fachkolleg*innen auf einer völlig neuen Ebene austauschen. Mehr Interaktion mit anderen Fachgebieten und interdisziplinäres Engagement haben mehr Experimentierfreude, Innovation und die Entwicklung neuer Konzepte zur Folge.
 
Wie können Museen in echte Gemeinschaftszentren und Orte der Selbstentdeckung verwandelt werden, die eine Anziehungskraft auf unterschiedliche Besucher*innengruppen ausüben?

Die Umgestaltung von Museen in Orte des Lernens und der Interaktion ist ein komplexer Prozess, der sich auf zwei Ebenen vollzieht. Zum einen auf Ebene der Menschen, die im Museum arbeiten und das Museum führen. Auf ihrer Seite ist ein grundlegendes Umdenken erforderlich, damit sie ihre Arbeit als Beitrag zu einem größeren Ganzen begreifen – das Museum als Rädchen im Uhrwerk der Wissensproduktion und -vermittlung. Die Museumsmitarbeiter*innen sollten sich aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien zeigen und bereit sein, die Gestaltung des musealen Raums aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten. Außerdem sollten sie sich von der Vorstellung lösen, dass Kurator*innen über das Wissensmonopol verfügen, und die Besucher*innen als Ko-Kurator*innen begreifen, die einen Mehrwert für die Arbeit der Museumsexpert*innen schaffen können. Auf der anderen Ebene können sich die Besucher*innen mihilfe neuer Technologien aktiver an der Museumsarbeit beteiligen, Fachwissen einbringen, Vorschläge zur Verbesserung der Dienstleistungsqualität unterbreiten und zur Erweiterung der Museumssammlungen beitragen, indem sie zusätzliche Informationen zu bestimmten Objekten oder Sammlungen liefern, die den Kurator*innen möglicherweise nicht bekannt sind. 
  • Traditionelle Rundhütte in Lesotho Foto: F. Scholz © picture alliance / Arco Images GmbH
    Traditionelle Rundhütte in Lesotho
  • Der Rundbau greift die typische Häuserform der indigenen Basothos auf © Jon Weinberg
    Der Rundbau greift die typische Häuserform der indigenen Basothos auf
  • Lesotho zählt zu den ärmsten der Ländern der Welt Foto (Detail): F. Scholz © picture alliance /Arco Images
    Lesotho zählt zu den ärmsten der Ländern der Welt
  • Gänzlich umschlossen von Südafrika: das Bergland Lesotho. Die höchste Erhebung der Drakensberge misst 3.482 Meter. Foto: Dirk Bleyer © picture alliance / imageBROKER
    Gänzlich umschlossen von Südafrika: das Bergland Lesotho. Die höchste Erhebung der Drakensberge misst 3.482 Meter.
  • AIDS ist das Hauptproblem im heutigen Lesotho, der britische Prinz Harry unterstützt den Kampf gegen HIV. Hier im Gespräch mit Lesothos Prinz Seeiso, dessen Frau Prinzessin Mabereng Seeiso und Tochter Prinzessin Masentle Tabitha Seeiso während eines Empfangs vor einem Konzert der Wohltätigkeitsorganisation Sentebale im Hampton Court Palace in London, Dienstag, 11. Juni 2019, die von Prinz Harry und Lesothos Prinz Seeiso gegründet wurde, um von HIV und AIDS betroffene Kinder und Jugendliche in Lesotho, Botswana und Malawi zu unterstützen. Foto (Detail): Matt Dunham © picture alliance / AP Photo
    AIDS ist das Hauptproblem im heutigen Lesotho, der britische Prinz Harry unterstützt den Kampf gegen HIV. Hier im Gespräch mit Lesothos Prinz Seeiso, dessen Frau Prinzessin Mabereng Seeiso und Tochter Prinzessin Masentle Tabitha Seeiso während eines Empfangs vor einem Konzert der Wohltätigkeitsorganisation Sentebale im Hampton Court Palace in London, Dienstag, 11. Juni 2019, die von Prinz Harry und Lesothos Prinz Seeiso gegründet wurde, um von HIV und AIDS betroffene Kinder und Jugendliche in Lesotho, Botswana und Malawi zu unterstützen.
  • Der Widerstand gegen die Kolonialisierung begann früh: Angriff der indigenen Basothos 1880 auf Fort Bell, seit 1868 Kolonie Basutoland Foto (Detail): Liszt Collection © picture alliance
    Der Widerstand gegen die Kolonialisierung begann früh: Angriff der indigenen Basothos 1880 auf Fort Bell, seit 1868 Kolonie Basutoland
  • Sie regierte schon zu Zeiten der britischen Kronkolonie Basutoland: Queen Elisabeth empfängt Rethabile Mahlompho Mokaeane, die Hochkommissarin für Lesotho, 2019 im Buckingham-Palast in London Foto (Detail): Yui Mok © picture alliance /empics
    Sie regierte schon zu Zeiten der britischen Kronkolonie Basutoland: Queen Elisabeth empfängt Rethabile Mahlompho Mokaeane, die Hochkommissarin für Lesotho, 2019 im Buckingham-Palast in London
Dank der technologischen Möglichkeiten erhalten Museumsbesucher*innen Gelegenheit, als Ko‑Kurator*innen aufzutreten. Wissen sollte vor allem durch Mitgestaltung, Austausch und Interaktion und weniger durch eine einseitige Produktion und Vermittlung erzeugt werden. Der neue Ansatz könnte sich dadurch auszeichnen, dass die Objekte aus den Vitrinen in den Raum bewegt werden, um Platz für mehr Interaktion und damit für eine Aneignung der ausgestellten Objekte durch die Besucher*innen zu schaffen. Besucher*innen erhalten die Möglichkeit, das vorhandene Wissen auf Grundlage eigener Erfahrungen, Vorstellungen und Auffassungen von der inhaltlichen Substanz der Sammlungen zu überarbeiten.
 
Worin unterscheiden sich die neuen Ansätze des Nationalmuseums Lesotho von den bisherigen Konzepten anderer Museen auf dem afrikanischen Kontinent?
 
Zunächst einmal hat es in Lesotho noch nie ein Museum gegeben. Es gab Ausstellungen in Missionszentren und ähnlichen Einrichtungen, deren Konzepte alles andere als partizipativ und an den Besucher*innen ausgerichtet waren. Die dort ausgestellten Sammlungen waren stark von westlichen Afrika-Klischees und kirchlichen Lehren geprägt. Mit diesem Projekt erhält das Land daher die einmalige Gelegenheit, einen Neuanfang zu wagen und einen völlig neuen Ansatz zu erproben. Lesotho verfügt nebenbei gesagt über einen reichen Wissensschatz. Die Herausforderung bestand darin, dass die Menschen in Lesotho keine Erfahrung mit Museumsbesuchen haben, weil ihnen das Museumskonzept in seiner bisherigen Form völlig fremd war.

Nun bietet sich uns endlich die Gelegenheit, gemeinsam mit den Menschen in Lesotho an einem völlig neuen Museumskonzept zu arbeiten, damit die Menschen ihre Geschichte selbst erzählen können: Anstatt ein Gebäude mit alten, auf Grundlage von kolonialen Stereotypen ausgewählten Ausstellungstücken zu errichten können die Menschen in Lesotho selbst entscheiden, was sie in die Sammlungen aufnehmen und ausstellen wollen und wie diese Objekte präsentiert werden sollen. Die Museumssammlungen sollen vor allem auch lokales Wissen sowie persönliche Erfahrungen und Berichte umfassen. In einem alten, seit vielen Jahren bestehenden Museum hätten diese neuen Konzepte der musealen Gestaltung nur schwer verwirklicht werden können.

 
Das Interview führte Eliphas Nyamogo, Online-Redakteur am Goethe-Institut in München.

Das vollständige Interview können Sie hier anhören:
 
Interview mit Jon Weinberg: Afrika braucht dringend neue Museumskonzepte