Tulong Anakpawis Küche in Manila, 7. Juli 2020. Tulong Anakpawis Küche in Manila, 7. Juli 2020. | Foto von Ina Palacio.
Großzügigkeit als Widerstand

Hilfenetzwerke in Südostasien

Von Sara Rivera, 2020

Als ich vor Monaten mit diesem Essay begann, strömten noch Überraschung und naive Ungläubigkeit durch mich. Damals schien es so, als ob man keine Sekunde dem furchtbaren Unglück der sich entfaltenden Covid-19-Krise entkommen konnte, ohne dabei die gleiche Frustration wie ein Käfer zu spüren, der auf dem Rücken liegt und nicht mehr hochkommt. Tage, die man zuvor damit verbracht hatte, relativ gedankenlos seinen gewohnten Routinen nachzugehen, waren wieder von schwerer Nachtatmung, Seufzern und leichtem Rasseln in Beschlag genommen. Für die meisten, die sich mit dem rumplagen, was im Kapitalismus und der modernen Gesellschaft als Leben durchgeht, wurde das Leben härter, musste aber weitergehen. Wie Walter Benjamin schreibt: „Dass es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“

Über den Augenblick zu schreiben, diesen Augenblick, erfordert, die zahlreichen Voraussetzungen und Widersprüche zu hinterfragen, die zu ihm geführt haben. Man kann nicht anfangen, die eigene ängstliche Erfahrung von der größeren Frage zu trennen, was dieser Augenblick bedeutet – und noch beängstigender: Was der Augenblick von einem verlangt. Ich habe die vergangenen Monate damit verbracht, E-Mails mit verschiedenen Kultur-Akteur*innen aus Südostasien auszutauschen: Alyana Cabral von den Philippinen, Rully Shabara aus Indonesien, Suiko Takahara aus Malaysia und Maneerut Singhanart aus Thailand. Wir haben uns über die Pandemie-Situation in ihren jeweiligen Teilen der Welt unterhalten, über die unterschiedliche Art und Weise, wie sie ihre Arbeit als Künstler*innen beeinflusst hat, über die Maßnahmen, die es in ihren Gemeinschaften gibt, und wir haben darüber gesprochen, was ihnen am meisten Hoffnung macht.

Alyana Cabral, Musikerin (Teenage Granny), Autorin und Filmmusik-Komponistin aus Manila, ist erst vor Kurzem von einer Künstlerinnen-Residenz aus Indonesien zurückgekehrt. Bevor Covid-19 ausbrach, „hatte ich [auf den Philippinen] wieder Verbindungen und Netzwerke hergestellt, meine Rollen in diversen Projekten wieder aufgenommen und viele Pläne für das bevorstehende Jahr gemacht. Ich befand mich außerdem im Bewerbungsprozess für ein Stipendium in Indonesien. Ich bereitete mich also schon darauf vor, dorthin zurückzukehren, bis ich dann herausfand, dass das Programm aufgrund der Pandemie gestrichen worden war.“

Der an verschiedenen Musikprojekten arbeitende Rully Shabara erzählt mir von seinen Plänen, die er für 2020 hatte. „Von Januar bis Anfang März haben wir mit meiner Band Senyawa hintereinander zwei Touren in Indonesien gespielt, um unser zehnjähriges Bestehen zu feiern – ein neues Kapitel unserer musikalischen Reise. Leider haben wir den Großteil unseres Bandgeldes für diese beiden Touren ausgegeben und unsere ganzen Pläne für danach mussten entweder abgesagt oder verschoben werden.“

Suiko Takahara, die als Bedroom-Singer-Songwriterin angefangen und die malaysischen Band The Venopian Solitude gegründet hat, erzählt von ihren Plänen und beschreibt, was sie vor dem Ausbruch der Pandemie gemacht hat: „Wir [meine Band] trafen uns jede Woche zum Proben und bereiteten uns auf die anstehenden Shows im Jahr vor. Wir hatten auch den Plan, eine EP zu veröffentlichen und während des Fastenmonats aufzunehmen, irgendwann im April oder Mai.“

Die Konzert-Tontechnikerin und Gründerin der Ting A Tong Group Maneerut Singhanart sagt: „Ich hatte viele Projekte geplant, Konzerte, ein Percussion-Workshop-Camp und ich sollte beim Grasstraw Festival in Taiwan auftreten.“

Auch wenn sich Künstler*innen und Musiker*innen schon lange vor der Pandemie am Rande der Prekarität befanden, lässt sich nicht leugnen – und wird von aktuellen Daten gestützt –, wie sehr diese prekären Zustände von der aktuellen Gesundheitskrise weiter verstärkt werden. Die meisten Künstler*innen sind auf Auftritte, Touren, Residenzen und Stipendien angewiesen, um ihr Wissen und ihre Netzwerke zu erweitern sowie ihre Ressourcen zu vermehren. Angesichts von Reise- und Kontaktbeschränkungen sowie geschlossenen Veranstaltungsorten sind diese Möglichkeiten momentan kaum noch gegeben.

Indizien weisen auf einen erwarteten Anstieg der Streaming- und Abo-Economy hin. Musiker*innen strömen jetzt mehr denn je auf Online-Plattformen, damit ändern sich auch die Hörgewohnheiten. Das beschränkt sich auf Kreative, die bereits eine signifikante Online-Gefolgschaft haben und es sich leisten können, ihre kreative Arbeit im Internet zu präsentieren. Maneerut sagt mir: „Ich muss mehr über Musiktechnologie lernen als je zuvor.“

In Ländern, in denen die Kulturförderung und Infrastruktur fehlt, wie zum Beispiel auf den Philippinen, sind es Künstler*innen und Kulturproduzent*innen gewohnt, ihre kreativen Projekte mit Vollzeitjobs (manchmal auch außerhalb der Musikindustrie) auszubalancieren. Da Live-Musik und Promo-Veranstaltungen nicht stattfinden, müssen sich auch andere Menschen aus dem Musikgeschäft wie Soundtechniker*innen, Roadies, Konzessionsinhaber*innen und so weiter alternative Einkommensquellen suchen. Diejenigen, die beurlaubt oder gefeuert wurden, deren Gehalt gekürzt wurde oder die nur noch auf Abruf arbeiten, sind unter anderem auf Online-Handel, Logistikdienstleistungen oder Arbeit für Lebensmittel- und Getränkeunternehmen umgestiegen, um über die Runden zu kommen. Alyana spricht mit mir darüber, wie sie langsam akzeptiert, dass man sich nicht wirklich von seiner eigenen Kunst ernähren kann, insbesondere jetzt: „Ich musste meine Energie auf Prioritäten richten, die mir beim Überleben helfen: Essen machen und verkaufen, meine Familie unterstützen, Freund*innen Unterstützung zukommen lassen und mich an Gemeinschaftsprojekten beteiligen.“

Auf die Frage, mit welchen großen Veränderungen oder Anpassungen er sich schon angesichts der aktuellen Situation auseinandersetzen musste, antwortet Rully Shabara: „Normalerweise singe ich mindestens einmal pro Woche auf der Bühne oder im Studio. Das ist jetzt die längste Zeit, die ich kein Mikrofon angefasst habe. Also musste ich mich anpassen, indem ich mir andere Formen gesucht habe, um mich auszudrücken, wie Schreiben oder Zeichnen.“

Suiko reagiert auf die finanzielle Notlage, indem sie Songs schreibt, die die Pandemie thematisieren: Sie hat es geschafft, während des Lockdowns rund 25 Lieder zu schreiben, fast täglich eins: „17 davon waren über die Pandemie; sei es über egoistische Jogger, die sich weigern zu Hause zu bleiben, oder darüber, dass das Brot überall knapp wird, oder über bestimmte Regierungsstrategien, die ohne sorgfältige Prüfung oder Diskussion beschlossen wurden.“ Durch ihr Projekt bekommt sie sogar etwas finanzielle Unterstützung: „Ich habe es geschafft, ein bisschen mit den Songs zu verdienen, die ich gemacht habe – die Leute kaufen sie bei Bandcamp und unterstützen mich bei Patreon. Aber das hat seine Grenzen. Ich überlege immer noch, wie ich meine Fähigkeiten in diesen schwierigen Zeiten besser einsetzen kann.“ Außerdem habe ihre eigene Gesundheit und Erschöpfung dazu geführt, dass sie heute weniger schreibt, ergänzt sie. „Es hat schon früh meine mentale Gesundheit beeinflusst, ohne dass ich es gemerkt habe. Es ist anstrengend, die tägliche Wut im Netz zu verarbeiten und in Songs zu verwandeln.“

„it’s corona time“ – eine Playlist mit Songs von Suiko Takahara

Mit der Ankunft der Pandemie ging ein Stillhalteabkommen über Krach um den Globus. Das erinnert mich an eine Stelle aus einem Buch, das ich gelesen habe, als ich eingepfercht allein in meinem Haus hockte und nirgendwohin konnte: „Die Welt könnte nicht so brüchig werden, so ernst und gigantisch und still, ohne damit etwas anzukündigen“ (Galatea 2.2, ein Roman von Richard Powers). Da Alyana, Rully, Suiko und Maneerut alle großen Wert auf Sound legen, frage ich sie, was sie von der globalen Stille halten, da nun alle zu Hause bleiben müssen. „Als ich die Gelegenheit hatte, Lebensmittel für meine Familie zu kaufen (in Malaysia durfte zwischenzeitlich nur ein Familienmitglied das Haus verlassen), war es sehr ruhig auf den Straßen. Die normalerweise vollen Einkaufszentren waren still und dunkel, abgesehen von den Supermärkten“, sagt Suiko. „Online passierte viel mehr. Alle interagierten viel mehr in den sozialen Medien miteinander, weil es sonst keine Alternativen gab.“

Cabral sagt: „Ich stelle mir das als eine andere Form von Nicht-Stille vor, ein lautes Geräusch, das sich spitz aus der Stille dieser Pandemie erhebt. Für das menschliche Ohr mag es unhörbar sein, aber die Ohren meines Unterbewusstseins hören es laut und deutlich: ‚Wir sind müde‘, sagt die Bevölkerung.“ Auf den Philippinen wurden verschiedene Proteste organisiert, nicht nur als Reaktion auf die unfassbare Fahrlässigkeit und Inkompetenz der Regierung angesichts von Covid-19, sondern auch aufgrund der vielfachen Menschenrechtsverletzungen, die der Gesundheitskrise vorangegangen sind und trotz ihr weiter anhalten. Die Menschen verlangen von der Politik einen besseren Umgang mit der Krise, sie fordern, dass das aufgeblasene Geheimdienst-Budget, das für die Militarisierung und für zeitlich unpassende sowie belanglose kosmetische Projekte verschwendet wird, auf die Virusbekämpfung und die Unterstützung der Menschen im Gesundheitswesen umverteilt wird. Die Regierung auf den Philippinen hat immer noch keine Strategie für Massentests entwickelt. „Massenlockdown ohne Massentests ist nur Massen-Inhaftierung!“, ruft die Bevölkerung. „Wir sind dieses Unterdrückungssystem leid“, fährt Cabral fort. „Ich höre das alles unter der Stille und ich weigere mich, dieser Stille nachzugeben. Während die Regierung Anordnungen erlässt, um uns zum Schweigen zu bringen, und die Fabriken verstummen, werden die Menschen laut. Und um gegen die Abbauhämmer anzukämpfen, summen die Berge weiter.“

Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, warum die Massenproteste trotz Infektionsgefahr andauern. Es ist deutlich geworden, dass die Gewalt der modernen Gesellschaft in der Realität der Menschen, die von Regierungen alleingelassen und von Unternehmen hundemüde gemacht wurden, die Gefahren der Krankheit überwiegt.

In Thailand sind die von jungen Menschen angeführten Proteste zahlenmäßig immer größer geworden. Ihre Forderungen: Auflösung des Parlaments, Überarbeitung der Verfassung und ein Ende der Verfolgungen von Staatskritiker*innen.
 
National Heroes Day Protest in Bantayog ng mga Bayani, Philippines / August 31, 2020. Protest sign reads: »Tulong Hindi Kulong (Relief Not Detention) Mass Testing Not Mass Arrest.« Photo by Geela Garcia.Photo: Geela Garcia.
Die Demonstration am Nationalen Heldengedenktag am Bantayog ng mag Baynai, Philippinen / 31. August, 2020. Auf dem Schild steht: „Tulong Hindi Kulong (Erleichterung Nicht Arrest) Mass Testing Not Mass Arrest.“ Foto: Geela Garcia.

Wichtig ist es, darauf hinzuweisen, warum die Massenproteste trotz Infektionsgefahr andauern. Es ist deutlich geworden, dass die Gewalt der modernen Gesellschaft in der Realität der Menschen, die von Regierungen alleingelassen und von Unternehmen hundemüde gemacht wurden, die Gefahren der Krankheit überwiegt. Wie können wir überhaupt über unsere gesunden Körper reden, ohne dass sich dort das Wirrwarr um Kapital und Produktivität einschleicht? Der Kapitalismus hat uns längst von unseren Körpern gelöst – sie auf Profitmaximierung ausgerichtet. Während der aktuellen Gesundheitskrise sind viele Menschen unter mehr als fragwürdigen Bedingungen zurück zur Arbeit gezwungen worden, insbesondere jene aus den Bevölkerungsschichten, die auch zuvor schon von Staat und Regierung vernachlässigt wurden. Mit dem globalen Schuldenwachstum, auf den Philippinen haben sie bereits die zehn-Billionen-Pesos-Marke überschritten, ist zu erwarten, dass sich diese prekären Zustände noch verschlimmern. Die Niedriglohnarbeiter*innen in Südostasien, inklusive die, die im kreativen Bereich tätig sind, werden sich auf die Jobs stürzen, die die exportorientierte Wirtschaft der Region bereitstellt.

Wenn es darum geht, inwiefern sich die aktuelle Pandemie von anderen globalen Krisen unterscheidet, kommen die meisten Künstler*innen darauf zu sprechen, wie das Internet unsere Art zu interagieren verändert hat. Suiko weist darauf hin, wie dieses Mal selbst unser Sozialleben betroffen ist: „Familien können sich nicht mehr gegenseitig umarmen, letzte Abschiede sind schmerzhaft und dazu kommt noch, dass alle sich gerade so über Wasser halten können.“ Ich fragte Maneerut, was sie am meisten an der aktuellen Krise überrascht hat: „Dass die Pandemie zu lange anhält und die Wirtschaft weltweit eingebrochen ist.“ Diese Gefühle der Unbestimmtheit – wann wird das enden? – und Panik zwingen uns, die Systeme zu hinterfragen, die uns an diesen Punkt gebracht haben. Wem nutzen diese Systeme überhaupt? Man verfängt sich leicht in diesem Wunschdenken, ‚zur Normalität zurückzukehren‘, aber gegenüber den Schwachen und Ausgeschlossenen ist ‚normal‘ nie wirklich gütig gewesen. Wenn wir sagen, dass die Welt untergeht, sollten wir auch fragen: Für wen geht sie unter? Obwohl manche immer noch dem bestehenden System vertrauen, hallt bei den meisten anderen eine kollektive Suche nach Veränderung wider.

Im Vergleich zu früheren Pandemien scheint sich auch während dieser Pandemie verändert zu haben, wie wir miteinander interagieren und Informationen austauschen. Rully sagt: „Dieses Mal machen es alle auf dem Planeten gemeinsam durch und Social Media ermöglicht einem überall auf der Welt mehr Zugang zu persönlichen Kontakten und Informationen.“ Es gibt einiges darüber zu sagen, wie dieses unerbittliche Informiertsein Körper zu einem gefährlichen Grad auf Daten reduziert hat.

Jeden Tag werden neue Infektionszahlen und Todesfälle gemeldet – viele weitere bleiben im Dunkeln. Tausende haben durch diese Pandemie ihre Arbeit verloren, ihr Zuhause und sie haben Menschen verloren, die ihnen nahestanden. Während ich das hier schreibe, haben die Philippinen über 400.000 Covid-19-Fällen gemeldet. Die Zahl dürfte höher liegen, wenn dieser Artikel erscheint. Diese Pandemie zu verstehen, heißt Daten zu verstehen: was Dinge kosten, Fallzahlen, Todeszahlen, Arbeitslosenquoten, Überlebenschancen, die epidemiologische Kurve. Weitaus schwieriger zu messen, und vielleicht noch wichtiger, ist, was diese Krise hinterlässt und was sie nimmt. Was sie (neben anderen Dingen) hinterlässt: Trauma, Trauer, Dysmorphie, Armut und in manchen Fällen (neu gefundene) Frömmigkeit. Auf die Frage, was ihr die meiste Hoffnung gebe, antwortet Maneerut überzeugt: „Der Glaube an Gott, das ist meine größte Hoffnung.“ Wenn man fragt, was die Krise wegnimmt: Zeit, Lebenskraft, vielleicht auch Frömmigkeit. Es stellt sich die Frage: Was nehmen wir aus der Krise mit? Das Bedürfnis, sich etwas (neu) vorzustellen, Wissen und Widerstand. Für Suiko, Alyana und Rully sind es die Menschen, die ihnen die größte Hoffnung geben. „Es gibt eine Menge guter Menschen da draußen. Ich habe sie aufstehen und anderen helfen sehen, sobald etwas Schlimmes passiert“, sagt Rully.

Das Versagen von Regierungen im Umgang mit der Pandemie hat auf der ganzen Welt Hilfsinitiativen angestoßen. Ich frage die Künstler*innen nach den lokalen Initiativen in ihren jeweiligen Ländern und welche Beispiele gesellschaftlicher Solidarität ihnen besonders aufgefallen sind. „Vom ersten Tag an haben die lokalen Initiativen viel effektiver gearbeitet als jedes Programm, das von Unternehmen oder der Regierung unterstützt wurde. Indonesier*innen sind mit einem Überlebensinstinkt gesegnet. Zu überleben, heißt zu verstehen, wie Graswurzelstrukturen funktionieren und dass lokale Werte schon immer der richtige Weg waren. Das sollte das Modell für zukünftige Maßnahmen sein“, sagt Rully. Diese Aussage unterstützend betont Alyana, dass die Gesundheitspflege vor Ort, lokale Initiativen und Solidaritätsarbeit echte Frontarbeit seien, „auch wenn der Großteil dieser Arbeit ungesehen im Hintergrund, hinter den sinnlosen Hilfsprogrammen der Regierung stattfindet.“

Allzu oft sind Unterhaltungen, die sich um „Pflege“ drehen, konservativ. Pflege wird als private Angelegenheit angesehen und nicht als eine des gemeinsamen Handelns und Verantwortung. Während einer globalen Pandemie hat dies die Tore für neoliberale Ansätze und politische Strategien weit geöffnet, die die Verantwortung der Bürokrat*innen des Gesundheitswesens minimieren und die Aufgaben von Pflege und Krisenmanagement an die verwundbare Öffentlichkeit übertragen wollen. In der Krise erfreuen sich Kampagnen von Verwaltungsorganen und wirtschaftlichen Akteuren, die die Bevölkerung „ermuntern“ sollen, einer wachsenden Beliebtheit. Anzeigen wie „Back to normal is up to you“ von McCann Health oder „Heroes stay at home” von H2O Media moralisieren die persönliche Verantwortung.
 

„Social Distancing muss mit gesellschaftlicher Solidarität ausbalanciert werden. Wir müssen so gut füreinander da sein, wie wir das als Gemeinschaft können“

Solche Kampagnen scheren sich nicht um die Probleme, die dem Virus vorangegangen sind, und sie scheren sich genauso wenig darum, dass es sich nicht jeder leisten kann gesund zu bleiben. Soziale Sicherheit, Nahrung, sauberes Wasser, Medikamente und Gebrauchsgegenstände, Sanitärprodukte, Gesichtsmasken, Visiere und zu Hause zu bleiben sind für diejenigen, die weniger als den Mindestlohn verdienen, unerreichbar. „Social Distancing muss mit gesellschaftlicher Solidarität ausbalanciert werden. Wir müssen so gut füreinander da sein, wie wir das als Gemeinschaft können“, sagt Alyana.

„History changes. Heroes stay.“ Von H20 Media. Werbung des Betten- und Sofaherstellers Sherlock.

Rully Shabara erzählt, wie er selbst auf die Krise in Indonesien reagiert hat. „Ich habe im April meine eigene Initiative #FeedYourNeighbours gestartet, bei der ich umsonst Menschen zeichne. Im Gegenzug müssen sie für ihre Nachbarn oder Menschen in ihrem Umfeld sorgen, die finanziell beeinträchtigt sind. Bislang habe ich über 200 Zeichnungen gemacht und ein paar andere Illustrator*innen inspiriert, ähnliche Aktionen zu machen. Außerdem haben wir in Yogyakarta zusammen mit anderen Künstler*innen ein Programm mit dem Namen #Sama2Makan gestartet, bei dem wir die Daten von Menschen aus der örtlichen Kreativbranche gesammelt haben, die aufgrund der Pandemie kein Einkommen mehr haben. Wir haben dann zweimal am Tag Mahlzeiten an sie und ihre Familien geliefert. Ein anderes Programm von #Sama2Makan umfasst auch wöchentliche Werbung für kleine lokale Gastronomien.“
 

„Mit meiner Band Senyawa haben wir eine laufende Initiative mit dem Namen: Design Your Own Senyawa Merch. Dabei erlauben wir jedem unabhängigen Kollektiv, sein eigenes Senyawa-Merchandise zu entwerfen, produzieren und vertreiben. Sie können das verdiente Geld anderen Initiativen spenden und einen Teil davon in das Programm ihres Kollektivs stecken.“

Alyana Cabral ist Mitglied von SAKA (Sama-samang Artista para sa Kilusang Agraryo), einer Künstler*innenvereinigung auf den Philippinen, die sich für grundlegende Agrarreformen und die Entwicklung des ländlichen Raums einsetzt. Sie arbeitet vor Ort, um Gemeinden zu helfen, die schwer von der Krise getroffen wurden. „Ich bin auch an mehreren Fundraising-Initiativen beteiligt, wie Online-Konzerten, bei denen ich auftrete, die Kampagnen unterstütze und zum Spenden aufrufe.“ SAKA fordert in all seinen Programmen unermüdlich Ernährungssicherheit für die Philippinen, welche nur durch eine tiefgreifende Landreform möglich werden würde. Wie kann eine Bevölkerung, die ausgehungert ist, gesund bleiben? Schließlich braucht es für den Kampf gesunde und muntere Kämpfer*innen.

Alyana erzählt mir, wie es ihr Hoffnung macht zu beobachten, dass soziale Bewegungen in verschiedenen Teilen der Welt stärker werden, „zu sehen, dass Liebe in ihren vielen Formen noch existiert. Einen Blick auf das Licht am Ende des Tunnels zu erhaschen, aber, was noch wichtiger ist, zu sehen, dass sich so viele von uns gegenseitig dabei helfen, den Weg in dieses Licht zu finden.“ Ich spiele diese Unterhaltungen wieder und wieder in meinem Kopf durch, rezitiere sie wie Gedichte der Solidarität. All diese Konversationen enden auf die gleiche Weise, tragen den gleichen eigensinnigen und beständigen Optimismus in sich.

Während sich das Jahr dem Ende nähert, schauen wir zurück auf die Leben, die weltweit verloren und zerstört wurden, und wir sehen, dass der Bedarf für Linderung und Abhilfe ein kritisches Ausmaß erreicht hat. Gemeinschaften haben sich zusammengetan und verschiedene Arten des Zusammenlebens und füreinander Einstehens gezeigt – sei es durch Spendenaktionen, Gemeinschaftsküchen oder Solidaritätskampagnen. Es ist allerdings notwendig, dass wir unsere Genesungspläne an die Dringlichkeit und den politischen Willen koppeln, das zu ändern, was der breiten Masse schon immer geschadet hat. Auf den Philippinen waren die tieferliegenden Ursachen für Armut, die die Bevölkerung krank, hungrig und notleidend machen, schon vor Covid-19 da – und sie werden durch die Pandemie nur noch verabscheuungswürdiger. Letzten Endes müssen wir die materiellen Umstände und Produktionsweisen auch abseits von dieser aktuellen Notlage ändern – und uns ihnen nicht einfach nur anpassen.

Gemeindearbeit ist eine Form der Produktion, die Autarkie und eine Stärkung des Kollektivs fördert. Es gibt zahllose Bestrebungen, sich einen endlosen Quell der Großzügigkeit und Solidarität, die unter den Verletzlichen, Kranken, Ausgenutzten und Diskriminierten geteilt werden, vorzustellen.
 

Gemeindearbeit schützt uns und erneuert uns.

Zusammen bauen Gemeinschaften Kameradschaftlichkeit auf und erschaffen ein Netzwerk der Führsorge und des Gepflegtwerdens. Gemeindearbeit schützt uns und erneuert uns. In ihrem Buch Immun schreibt Eula Biss „Vielleicht sollten wir ihn als Wildnis bezeichnen. Vielleicht reicht aber der Begriff Lebensgemeinschaft. Wie auch immer wir uns entscheiden, in welchen Bildern auch immer wir über das Gesamtgesellschaftliche denken: Wir alle sind Umwelt füreinander. Immunität ist ein gemeinschaftlich geteilter Raum – ein Garten, den wir gemeinsam hegen und pflegen.“ Am Ende geht es nicht darum, was du nicht machen kannst, sondern darum, was wir zusammen machen können.

An einem Tag nehme ich mir die Zeit und helfe beim Marktbesuch für die nächste Gemeinschaftsküche. Ich verbringe die nächsten zwei Stunden mit einem Messer in der Hand. Um mich herum sind andere Frauen, Dichter*innen, Tänzer*innen, Künstler*innen, die mit mir Knoblauch schneiden und Zwiebeln schälen. Wir hören Musik und reden darüber, dass wir nicht krank werden wollen – wegen unseren Familien, wegen uns selbst, wegen der zweihundert Familien, die wir am nächsten Tag satt machen wollen. Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen finden sich oft mitten im kollektiven Handeln wieder – anstatt einfach die Zukunft abzuwarten, gestalten sie sie mit. Eine Zukunft, die jede*n ermächtigt und ausstattet, auch sie selbst, damit sie kreieren, experimentieren und die kollektiven Ideale von Menschen ausdrücken können, die gemeinsam kämpfen. Ich stelle mir oft vor, wie ich in einer langen Schlange von erschöpften Menschen stehe, die sich selbst um die Erschöpften gekümmert haben. Und dann denke ich mir, „ich bin nicht allein“, und erhebe meine Faust. Zusammen werden wir dafür kämpfen, die Zukunft voranzutreiben, durchzuhalten und um am Ende nicht nur diejenigen zu überleben, die von unserer Erschöpfung profitieren, sondern auch die Erschöpfung selbst.