© Joee Mejias
Nusasonic Notizen aus Myanmar

Der neue Geist des Rangun-Underground

Von Wok The Rock und Joee Mejias, 2020

Seit Nusasonic 2018 mit einem Festival im indonesischen Yogyakarta begonnen hatte, haben wir unsere Reise in verschiedenen Formaten fortgeführt: Es wurden Nusasonic-Auftritte, -Künstler*innenresidenzen, -Workshops und -Diskussionsrunden beim CTM Festival in Berlin, dem Playfreely/BlackKaji in Singapur, im Yes No Klub in Yogyakarta und schließlich Ende 2019 in Manila beim WSK X Festival organisiert. Zwei Tage vor dem Ende des WSK Festivals traf sich das Nusasonic-Team in einem Café, um unsere Ziele für 2020 zu besprechen. Welche Formen von Festivals und Veranstaltungen konnten wir uns vorstellen, die nicht nur gute Musik bieten, sondern auch daran teilhaben, progressives Wissen zu entwickeln und Netzwerke in Südostasien, Europa und darüber hinaus aufzubauen? Wir glauben, dass wir mithilfe einer organischen, beidseitigen und nachhaltigen Zusammenarbeit voneinander lernen und unsere jeweiligen grundlegenden Unterschiede besser verstehen können, um unsere Gemeinsamkeiten zu stärken und ein kreatives Ökosystem zwischen Regionen und existierenden Netzwerken zu unterstützen.

Bei unserem Treffen entschieden wir uns dazu, eine Serie von Workshop- und gesprächsbasierten Programmen in Myanmar, Thailand und Vietnam zu produzieren, und zusätzlich eine Musiker*innenresidenz in Singapur zu organisieren sowie eine Reihe von Essays in Auftrag zu geben, die auf der Nusasonic-Website veröffentlicht werden. Jedes dieser Programme beginnt mit einer kurzen Recherche-Reise von zwei Personen aus dem Nusasonic-Team, um lokale Akteure und den soziokulturellen Kontext in den jeweiligen Ländern kennenlernen zu können. Die Verbindungen und der Austausch, der mit diesen Recherche-Reisen in Gang gesetzt wird, soll es uns ermöglichen, gemeinsame Veranstaltungen mit lokalen Partner*innen zu planen, die den Bedürfnissen und Wünschen der einheimischen Szenen entsprechen. In Zusammenarbeit mit den lokalen Partner*innen wollen wir ein workshopbasiertes Kreativprogramm mit Diskussionsrunden und kleinen Performances entwerfen, das einen Zeitraum von bis zu einem Monat umfassen kann. Die erste Recherche-Reise wurde von uns, der Autorin und dem Autor dieses Essays (Joee Meijas und Wok The Rock) vom 16. bis zum 22. März 2020 nach Rangun, Myanmar, unternommen – just als die Coronavirus-Pandemie begann, sich in den Ländern Südostasiens auszubreiten.

Das ganze Nusasonic-Team hatte wegen unserer Reise gezögert, insbesondere weil Lockdowns kurz bevorstanden oder bereits in Gange waren – sowohl in unserem Reiseziel Myanmar als auch in unseren Heimatländern Indonesien und den Philippinen. Am Ende entschlossen wir uns dazu, die Reise dennoch anzutreten, da die Umstände in Rangun ziemlich sicher schienen, auch wenn wir bei Treffen und Besuchen besondere Gesundheitsvorkehrungen beachten mussten.

Niemand von uns war vertraut mit Myanmar bis auf ein paar Fetzen Allgemeinwissen wie das Wirken und die Regierung von Aung San Suu Kyi, die autoritäre Vergangenheit des Landes und die rassistischen Ausschreitungen gegen die muslimischen Rohingya. Das einzige, was wir von Myanmars Musikszene kannten, waren das Kollektiv Noise In Yangon und die Punkband/Kollektiv Rebel Riot. Wir kamen mit einer Liste mit Namen und Kontakten an, die wir von unserem Nusasonic-Mitkurator Yuen Chee Wai erhalten hatten und von ein paar Freunden, die Künstler*innen in Myanmar besucht oder getroffen hatten, sowie den Ergebnissen einer kurzen Online-Suche auf SoundCloud, Bandcamp und YouTube.

Unsere Reise begannen wir damit, die Personen, Communities und Orte auf unserer Liste zu besuchen. Dies waren unsere Ankerpunkte. Wir einigten uns außerdem darauf, uns nicht nur auf experimentelle Musik zu beschränken. Stattdessen wollten wir versuchen, verschiedene alternative Kunstformen kennenzulernen, die sich in Rangun entwickelt haben, und auch die gesellschaftlichen Beziehungen, die sie beeinflussen. Mit nur sieben Tagen war die Dauer unseres Aufenthalts sehr kurz und von den Alltags-Einschränkungen geprägt, die nach und nach durchgesetzt wurden. Jeden Tag trafen wir maximal drei Menschen, um mehr Zeit zu haben, sie besser kennenzulernen und tiefer gehende Gespräche zu führen. Aufgrund der Hygienebestimmungen konnten wir allerdings nicht alle Personen auf unserer Liste treffen.

Leonard Krüger vom Goethe-Institut Myanmar gab uns eine kurze hilfreiche Einführung in die gesellschaftliche, kulturelle und politische Situation Myanmars. Er stellte uns Zon Sapal Phyu (Zoncy) vor, eine einheimische Künstlerin, die ihn gerade als Programmleiterin beim Cultural Department abgelöst hatte. Zoncy bat den jungen Produzenten/Techno DJ Wai-Yan, uns die Woche über zu unterstützen.
 

Das erste Treffen, aber nicht das letzte: Wir haben Htet und Slyne von Noise In Yangon (dritter und vierter von links) kennengelernt und leckere Shan-Küche gegessen. Das erste Treffen, aber nicht das letzte: Wir haben Htet und Slyne von Noise In Yangon (dritter und vierter von links) kennengelernt und leckere Shan-Küche gegessen. | Foto mit freundlicher Genehmigung von Joee Mejias.

An Tag eins bekamen wir bereits ein klares Bild von der experimentellen Musikszene durch Musica Htet und Slyne von Noise In Yangon vermittelt. Sie luden uns zum Mittagessen im Shan Kitchen ein, einem Restaurant im Zentrum Ranguns, das traditionelle Gerichte der Shan serviert (die Shan sind die größte ethnische Minderheit in Myanmar). Das Essen war sehr köstlich und scharf. Wir hatten erwartet, dass burmesische Speisen nah an indischer Küche wären, doch stattdessen schmeckt es sehr ähnlich wie thailändisches, malaysisches und natürlich chinesisches Essen. Und nicht zu vergessen: díe Biere. Sie sind stark, erfrischend und superlecker. Wir waren wie hypnotisiert! Aber zum Glück waren wir noch in der Lage, einige unserer ersten Fragen über ihre Arbeit und die experimentelle Musikszene in Myanmar zu stellen.

Das Kollektiv Noise In Yangon entstand 2017, als Musica Htet nach seinem Abschluss aus Singapur zurückkehrte, wo er Sound-Engineering an der Lasalle University studiert hatte. Durch seinen Dozenten Brian O’Reilly hatte er Sound-Art und experimentelle/improvisierte Musik kennengelernt. Er spielt Noise und Bass (auch Kontrabass) in einer Free-Impro Jazz-Combo. Außerdem arbeitet er als freier Sounddesigner, als Audio-Ingenieur für Yamaha und betreibt dazu mit Epic Clouds einen PA-Verleih und Dienstleister für Foley-Arbeiten. Htet nahm an einer Jogja Noise Bombing Performance in Indonesien und am Asian Meeting Festival in Japan teil.



Als Htet aus Singapur zurückkehrte, traf er seinen alten Freund Slyne (Crazy Eels Society), der sich ebenfalls für experimentelle Musik interessierte. Sie begannen, unter dem Namen Noise In Yangon Underground-Konzerte zu veranstalten. Slyne ist eine ruhige und stille Person, aber er ist derjenige, der immer alle zur Produktivität antreibt, obwohl er selbst mit seiner Arbeit als Sounddesigner sehr beschäftigt ist. Wie andere Mitglieder von Noise In Yangon kommt auch Slyne aus der Jazz-Community. Er macht experimentelle elektronische Musik.
 
Bandcamp
Htet und Slyne fragten andere Musiker*innen, die ebenfalls experimentelle Musik machen, ob sie ihrem Kollektiv beitreten wollen. Ein weiteres interessantes Mitglied des Kollektivs ist Ito. Eine außerordentliche Person. Sein Vater ist der Sänger einer berühmten burmesischen Heavy-Metal-Band, Emperor, und Ito selbst war im Teenageralter ein Popstar. Ito ließ den Ruhm hinter sich und wechselte zu Indie-Pop und experimenteller Musik. Er verwandelte das Musikstudio seines Vaters, GYS Studio, in eine Anlaufstelle für die Underground-Szene, inklusive Künstler*innenresidenzen, öffentlichen Veranstaltungen und kostenlosen Bildungsinitiativen für die Nachbarschaft. Seine experimentellen Arbeiten erschafft Ito mit elektronischen Instrumenten und Gitarre. Als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie experimentierte er momentan mit einem Orgonakkumulator (Orgon ist ein pseudowissenschaftliches Konzept des „Chi“, oder der „Lebensenergie“). In diesem einzigartigen Projekt kanalisiert Ito sein Wissen über Chi, Yoga, Reflexologie und Akkupressurtherapie mit Geräten wie einem Experimental Life Meter und einem selbstgebauten Orgonakkumulator, um mit musikalischen Formen des Heilens und des Umgangs mit Krankheiten zu experimentieren. Wenn möglich, würde er gerne bei diesem Projekt insbesondere mit COVID-19-Patinent*innen arbeiten wollen.

Pinky (Htet Myo Htut Aung) ist das einzige aktive weibliche Mitglied des Kollektivs und seit 2013 als Musikerin und Künstlerin aktiv. Im Mittelpunkt ihres Schaffens stehen Malerei, Kurzfilme und Installationen, allerdings hat sie vor Kurzem damit begonnen, ihre Arbeit mit Klang zu begleiten. Pinky stammt aus einer Familie von Musiker*innen und hat das Gitameit Music Center und die Academy of Rock in Rangun besucht. Sie ist Itos Cousine und ihr Vater ist ebenfalls Mitglied der Band Emperor. Pinky hat Geige für eine Impro-Musik-Combo gespielt. Sie ist Mitglied und Managerin von Noise In Yangon und Museumkoordinatorin beim U-Thant-House-Museum.

Der künstlerische Schwerpunkt von Noise In Yangon liegt nicht nur im Noise, sondern bewegt sich auch in darüber hinaus reichende Experimente in den Bereichen Klang und Musik. Das Kollektiv hat Veranstaltungen an verschiedenen Orten organisiert, darunter auf einem Hausdach, in einer Bibliothek, einer Kunstgalerie und einer Musikschule. An den Auftritten sind jeweils fünf bis zehn lokale Musiker*innen beteiligt. Da die drei (Htet, Slyne, Ito) viel mit ihrer Arbeit als Sounddesigner für die Filmindustrie, Soundingenieure oder der Leitung von Musikunternehmen beschäftigt sind, ist ihre Zusammenarbeit organisch und locker. Trotz dieser entspannten Struktur arbeiten sie als Veranstalter*innen sehr professionell. Aktuell sind sie auf der Suche nach zwei Personen, die ihnen bei der Kommunikation helfen sollen (Grafikdesigner*in und Social-Media-Admin).

Nach dem Mittagessen trafen wir uns mit Ito, der das GYS Studio in einen gemeinschaftlichen Kunstraum umbaut. Das Studio besteht aus drei Gebäuden und einem Hof. Es verfügt über drei Studios für Proben, Aufnahmen und Postproduktion. In Zukunft wird es einige Räume für Künstler*innenresidenzen geben. Auf dem gemütlichen Balkon des GYS Studio gibt uns Ito einen kurzen Abriss über alternative Musik in Myanmar und von seinen Plan, die Szene zu stärken.

Dann entschieden wir uns, unseren Fokus zu erweitern, um die neuen Initiativen und/oder künstlerischen Ausdrucksformen in allen Genres in Myanmar kennenzulernen und zu verstehen, insbesondere die in Rangun. Wai-Yan, Noise In Yangon und Zoncy stellten uns interessante Schlüsselfiguren der Szene vor, insbesondere Darko von der bekannten Indie-Rock-Band Side Effect und Thar Soe (Thxa Soe), einen HipHop-Pionier der späten 90er Jahre, der auch berühmt für seine House-Musik war.

Die alternative Musikkultur in Myanmar ist seit den frühen 2000ern aktiv. Sie ist sehr neu, weil sich die Meinungsfreiheit im Land erst vor Kurzem ausgeweitet hat, als 2011 das Militärregime fiel und das Land 2015 ‚fast‘ vollständig demokratisch wurde. Sehr wenige Menschen sind in der Szene aktiv, aber sie sind sehr fortschrittlich eingestellt, wissen sehr genau über neue globale Trends Bescheid, sind voll von positiven Absichten, Ideen zu entwickeln und mit ihnen zu experimentieren. Vor allem unterstützen sie sich gegenseitig, indem sie gute verfügbare Räumlichkeiten miteinander teilen. Diese Situation erinnerte Wok an die Independent-Bewegung in Indonesien in den späten 90er Jahren, vor und nach den politischen Reformen – abgesehen von den hochwertigen Räumlichkeiten und der Präsenz des Internets natürlich. Obwohl die Szene in Myanmar sehr neu ist, hat sie sich in den vergangenen fünf Jahren rasant entwickelt.

Beginnen wir mit Thar Soe. Er stammt aus einer Familie von Demokratie-Aktivist*innen, die zur gleichen Zeit aktiv waren, wie Aung San Suu Kyi. Anfang 2000 wurde sein Bandkollege, ein HipHop-Rapper, vom Militär verhaftet, was ihn dazu veranlasste, nach London zu ziehen und Musikproduktion zu studieren. In London lernte er Drum’n’Bass, Grime, Techno, House und andere elektronische Musikstile kennen, die in Großbritannien populär war. An diesen Genres interessiert stellte sich Soe vor, wie sich House im burmesischen Stil anhören würde. Und so studierte er die längst vergessene burmesische Musikarchive in einer Londoner Bibliothek. 2005 kehrte er nach Myanmar zurück und begann ein neues Projekt, das House, traditionelle Musik und Rap miteinander vermischte. Das Resultat ist ähnlich wie indonesischer Funkot aus den 90ern, seine Arbeit hat jedoch einen weitaus kritischeren Inhalt.

Thar Soes Alben wurden große Hits und er trat bei zahlreichen großen Festivals auf, insbesondere bei einer kulturellen Zeremonie namens „Thingyan“, auch bekannt als Wasserfest. 2015 hörte er auf, Musik zu machen und aufzutreten, nachdem er aufgrund von Zensur und Auflagen Probleme mit der Regierung hatte – das heißt, sowohl mit Mitgliedern des früheren Militärregimes als auch Repräsentant*innen der neuen demokratischen Regierung. Er behauptete auch, dass er trotz seines Mainstreamerfolgs nicht viel Geld verdient habe. Wegen der Komplexität seiner Musik braucht er viel Zeit und Mühen, um sie zu produzieren. Ein weiteres Problem, mit dem er sich auseinandersetzen musste, waren der Schutz von Rechtsansprüchen und Urheberrechtsverletzungen; der Großteil seiner erfolgreichsten Songs sind Bootleg-Versionen westlicher Musik. Es gibt keinen klaren Leitfaden für den Umgang mit Konzepten wie Remixen oder Coversongs, da momentan kein Konsens bei den Regeln für die Remix- und Sample Culture besteht. Myanmar verfügt über ein (von 1914) aktualisiertes Urheberrechtsgesetz, das im Mai 2019 erlassen wurde, aber die vollständige Durchsetzung des Gesetzes befindet sich noch in Arbeit.

Thar Soe erzählte uns, dass er vor ein paar Jahren für eine Musikveranstaltung nach Bali und Yogyakarta gereist war (er erinnert sich nicht mehr daran, in welchem Jahr, welche Veranstaltung es war oder wen er dort getroffen hat). Wok fragte sich, ob er vielleicht den in Yogyakarta lebenden Weltmusik-Maestro Djaduk Ferianto getroffen hat. Wer weiß? Er findet, dass seine Musik ein großer Hit in Indonesien sein könnte, da er darin Ähnlichkeiten zu House Dangdut hört. Yeah!

Thxa Soe spielt seinen berühmtesten Song „Nar Pan“ vom Album Yaw Chin Yaw Ma Yaw Chin Nay.

Da wir auch etwas über die Mainstream-Musikindustrie in Myanmar erfahren wollten, stellte uns Wai-Yan seinem Freund Steph Koko vor, der das große digitale Musikunternehmen Legacy Music Network leitet. Die Firma vertreibt Musik jedes Genres an die großen Musiknetzwerk-Plattformen. Durch Steph erfuhren wir einiges über Myanmars Musikindustrie. Sie bemüht sich, nicht mit ‚illegalen‘ Coversongs zu arbeiten, auch wenn das inzwischen immer seltener zum Problem wird, da Indie-Musiker*innen, die ihr eigenes Material schreiben, immer populärer werden. Dieser Trend ähnelt dem, was Ito uns zuvor im GYS Studio berichtet hatte. Sowohl Steph als auch Ito waren neugierig, als wir ihnen von Creative Commons Digitallizenzen erzählten. Sie bieten uns allen eine Möglichkeit, uns über Urheberrechtsprobleme zu informieren und Methoden zu finden, mit denen wir in diesem Internetzeitalter mit dem Urheberrecht umgehen.

Der Name Darko klingelte uns seit Beginn unserer Recherchen im Hinterkopf. Schließlich trafen wir ihn, der auch Mitglied einer der bekanntesten Indie-Bands, Side Effect, ist, in seinem Büro, Turning Tables. Side Effekt begannen in den frühen 2000ern als Punkband und entwickelten sich langsam zum Indie-Rock. 2009 startete er mit seinem Schlagzeug Tser Htoo das experimentelle Musikprojekt Burmélange. Dieses Projekt war wahrscheinlich landesweit der erste Vorstoß in den Bereich der experimentellen Musik.

Als progressiver Künstler, der eine alternative Kulturbewegung aufbauen wollte, gründete Darko die Kulturorganisationen Turning Tables, um seine großen Ideen zu aktivieren. Die Non-Profit-Organisation fördert junge Menschen in der Musik und im Film. Sie verbessert aktiv demokratische Werte (freie Rede, Einheit in religiöser/ethnischer Diversität, Gleichheit, kritisches Denken) und zeitgenössische Kultur unter jungen Menschen. Einmal im Jahr organisiert sie das große Musikfestival Voice Of The Youth und ist außerdem Heimat von WOMYN, einem Künstlerinnenkollektiv, das die die WOMYN NOW Performance Art Show organisiert. Seit ihrer Gründung unterstützen Noise In Yangon Turning Tables, indem sie das monatliche Experimentalkonzert Unrest in den Räumlichkeiten der Organisation organisieren.

Wir erfuhren auch von einer anderen wichtigen, von Künstler*innen geleiteten Gruppe bzw. Bewegung mit dem Namen Jam It!, die aus einer älteren Generation stammt. Ähnlich wie Turning Tables begann die Gruppe als kleine Bewegung für Underground Musik und Street Art und wurde zu einem aktiven Indie-Label, das verschiedenste Musikstile von Indie-Pop, über HipHop, bis hin zu Hardcore/Punk veröffentlichte. Sie haben mit dem Wathann Film Festival zusammengearbeitet, Myanmars erstem Filmfestival, und mit dem Yangon Street Art Festival, das inzwischen landesweit bekannt ist. Leider konnten wir uns nicht mit ihnen treffen.

Eine interessante Verbindung, die wir feststellten, war, dass die meisten jungen Künstler*innen, die wir trafen, Musik an der Gitameit studiert hatten, einer Privatschule, die wir hier zuvor bereits erwähnt haben. Htet, Slyne, Darko und Thar Soe haben alle diese Schule besucht, um Musik zu studieren, Workshops zu besuchen oder einfach nur abzuhängen. Ihr Interesse an Jazz nahm dort seinen Anfang, da die Schule ‚freie‘ Musikformen unterrichtet. Gitameit gilt als die erste private Musikschule in Rangun und wurde von den angesehenen Komponisten/Ethnomusikologen Ne Myo Aung und Htun Htun gegründet. Während ihre Studierenden jetzt eine neue unabhängige Musikbewegung starten, unterstützen Gitameit und ihre Gründer*innen sie, indem sie eng mit ihnen zusammen an Bildungsprojekten arbeiten und Zugang zu Gitameits Konzertraum für experimentelle Musik bereitstellen.
 
Von links nach rechts: Gitameit Mitbegründer Htun Htun, Wok The Rock, Joee Mejias, unser Forschungsassistent Wai-Yan und Zoncy vom Goethe Institut Myanmar. Von links nach rechts: Gitameit Mitbegründer Htun Htun, Wok The Rock, Joee Mejias, unser Forschungsassistent Wai-Yan und Zoncy vom Goethe Institut Myanmar. | Foto mit freundlicher Genehmigung von Joee Mejias.

Da wir uns immer mehr für die musikalische Bildung des Landes interessierten, schlug Zoncy vor, dass wir Su Zar Zar besuchen sollten, eine Meisterin der Burmesischen Harfe, Ethnomusikologin, Improvisationsmusikerin und Lehrerin, die Musik in den USA und Japan studiert hatte. Sie lehrt an der Musikfakultät der Nationalen Kunst- und Kulturuniversität, Rangun. Als sie auf Sexismus und andere Hürden stieß, denen Frauen sich ausgesetzt sehen, wenn sie Hochschullehrerinnen an den Universitäten des Landes werden wollen, entschied sie sich dazu, stattdessen ihre eigene Musikschule zu gründen, Die königliche Musikakademie. Sie kämpft auch dafür, ihre Haare kurz zu tragen – ein Symbol, um ihre Freiheit an der Universität zu demonstrieren, wo Dozentinnen und Studentinnen dazu angehalten werden, ihre Haare lang zu tragen. Sie spielte auch die traditionelle königliche Harfe bei einer traditionellen Bestattungszeremonie, obwohl es Frauen eigentlich tabu ist, an solchen Anlässen zu spielen, wie auch allgemein zu nicht-königlichen Gelegenheiten.
 
Zu Besuch bei Sun Zar Zar (von links nach rechts: Wai-Yan, Joee, Sun Zar Zar, Wok, Zoncy). Dr. Zar Zar hat aktiv seit dem Beginn des COVID-Lockdowns Livedarbietungen burmesischer Harfenmusik gepostet und damit Zuschauer*innen und auf Facebook Interesse auf sich gezogen. Zu Besuch bei Sun Zar Zar (von links nach rechts: Wai-Yan, Joee, Sun Zar Zar, Wok, Zoncy). Dr. Zar Zar hat aktiv seit dem Beginn des COVID-Lockdowns Livedarbietungen burmesischer Harfenmusik gepostet und damit Zuschauer*innen und auf Facebook Interesse auf sich gezogen. |

Als Kontrast zu Turning Tables und Jam It!, die in größeren Maßstäben arbeiten, haben wir uns mit einem DIY-Punk-Kollektiv namens Rebel getroffen, das von Kyaw Kyaw geleitet wird. Er ist einer der Musikpioniere Myanmars. Seine Band Rebel Riot ist häufig in Südostasien aufgetreten und erlangte internationale Bekanntheit durch Kyaw Kyaws Haltung gegen den buddhistischen Faschismus. Zusammen mit seinen Kollegen hat Kyaw Kyaw ein/e Informationszentrum/Kooperative aufgebaut, das die DIY-Kultur, Kollektivierung und Initiativen wie „Food not Bombs“ oder „Book not Bombs“ fördert. Dort organisieren sie auch Straßenkonzerte und öffentliche Workshops mit Kindern. Wir haben nur eine Stunde zusammen verbracht, aber verabschiedeten uns mit dem Gefühl, dass wir zusammenarbeiten und frei kritische Ideen und Gedanken miteinander teilen müssen, um eine starke, aufstrebende Szene zu erschaffen.

Kyaw Kyaw bei einem Auftritt in dem Film Myanmar: An Unholy Alliance von Fatima Lianes (Aljazeera), in dem wir auch einen kurzen Einblick in das Voice Of The Youth Musikfestival von Darko sehen.

 
Zu Besuch beim Punkkollektiv Rebel Riot. Zu Besuch beim Punkkollektiv Rebel Riot. | © Foto von Zon Phyu.

Ein weiterer Ort, der die Underground-Musikszene unterstützt, ist MYANM/ART, eine Galerie für zeitgenössische Kunst, die von Nathalie Johnston geleitet wird. Dieser neue Raum befindet sich in einem Einkaufszentrum, das kürzlich in einer sehr lebendigen und urbanen Gegend der Stadt errichtet wurde. In den vergangenen fünf Jahren hat MYANM/ART in der Galerie Klangkunst und experimentelle Musik präsentiert. Die indonesischen Künstler Indra Menus und Julian Abraham Togar wurden 2018 für einen Auftritt hierhin eingeladen. Die Galerie veranstaltete auch Auftritte des in Berlin lebenden Klangkünstlers Cedrik Fermont und dem Musiker Ignaz Schick während ihrer Besuche im Land.

Was ist mit elektronischer Musik oder einer Clubszene? Die aktuellen Social-Distancing-Maßnahmen sorgten beinahe dafür, dass die Partyszene komplett an uns vorbeiging. Dank Wai-Yan schafften wir es doch noch, eine kleine Clubszene kennenzulernen, bevor wir wieder nach Hause mussten. Wai-Yan stellte uns der elektronischen Musikgruppe Bouhinga vor, indem er uns zum Dach seines Hostels brachte, wo seine Crew normalerweise abhängt. Sie sind Anfang 20 und haben größtenteils im Ausland studiert – in den USA, Europa, Großbritannien und Singapur. Sie spielten uns ihre Musik vor. Die meisten von ihnen machen Synth-Pop, Ambient, Post-Rock-artige Tracks und Techno. Ein Typ namens Dassatha hat zwar bislang nur zwei Tracks fertiggestellt, aber sie unterscheiden sich stark von dem, was wir bislang auf unserer Reise gehört haben. Seine Arbeiten sind sehr intensiv und aggressiv. Ein kleiner Club mit dem Namen Level 2 ist der Laden, in dem dieser Freundeskreis auftritt und Techno-Partys veranstaltet. Ihre Community scheint sehr klein zu sein, aber verfügt über viel Energie und den Wunsch, die Szene wachsen zu lassen.

OU J ist ein junger Electronic-Produzent aus Rangun, Myanmar. Diese noisige Hardcore-Single ist eine Kollaboration mit Rapper/Vocalist Dassatha. Beide repräsentieren Myanmars neue Generation zeitgenössischer Clubmusik.

Am Ende unserer Reise konnte Wok sicher nach Indonesien zurückkehren. Joee versuchte, viele gestrichene Flüge umzubuchen, und musste schließlich in Rangun bleiben, während sie auf eine Gelegenheit wartete, zurück auf die Philippinen zurückzukehren. Rangun Myanmar war eins der letzten Länder, das COVID-19 innerhalb seiner Grenzen feststellte, und ging schließlich in einen strengen Lockdown. Die Menschen wurden aufgefordert, zu Hause zu bleiben, um eine Überbelastung von Ranguns Krankenhäusern zu verhindern, sollte es zu einem Ausbruch kommen.

Zum Glück konnte GYS Studio Joee für ihren verlängerten Aufenthalt beherbergen. Dieser Umstand bot auch eine Plattform für kleine Kollaborationen inmitten der Pandemie. In dem Studio lernte Joee die vierköpfige Metalband Blood of Century kennen, die dort als Artists in Residence ihr zweites Studioalbum schrieben und aufnahmen. Die Band ist energiegeladen, produktiv und beim Publikum beliebt, die Mitglieder haben unterschiedliche Hintergründe. Angeführt werden sie von Deno Lin, einem aktiven Mitglied von Walk Entertainment, einer Produktionsfirma in Rangun, die größtenteils Musikveranstaltungen und Workshops für die Metalszene veranstaltet. Joee konnte mit der Band ein Musikvideo drehen und schneiden. Es wird demnächst zusammen mit deren neuen Album erscheinen.

Joee hatte auch die Gelegenheit, Live-Sessions mit den Noise-In-Yangon-Mitgliedern Musica Htet, Slyne, Pinky Htut und Ito zu machen. Ein Track ihrer Kollaboration landete auf dem Sampler MAÑANITA anlässlich des Unabhängigkeitstags der Philippinen. Mañanita ist ein Begriff, der eine Geburtstagsparty im engsten Kreis beschreibt, die mit einem Ständchen beginnt, um das Geburtstagskind zu wecken. Nicht viele Menschen kannten den Begriff, bis er vom philippinischen Polizeichef als Ausrede für eine große Feier während des Lockdowns verwendet wurde. Diese Klang/Musik-Compilation wurde von philippinischen Künstler*innen und ihren Freund*innen an den Orten aufgenommen und zusammengestellt, an denen sie während der Pandemie festsaßen. Es ist keine Geburtstagsfeier. Es ist auch kein Protest. Es ist eine Cacerolazo, eine lautstarke Unmutsbekundung nach lateinamerikanischem Vorbild, mit Materialien, die von philippinischen Künstler*innen an den Orten, in denen sie die vergangenen Monate feststeckten, aufgenommen oder zusammengesetzt worden waren – von Rangun bis Lapu-Lapu City. Nicht alle hatten das Privileg, zu Hause zu sein. Und nicht alle konnten sich auf das Privileg eines Zuhauses verlassen. Initiiert hatte das Projekt das in Manila beheimatete Kollektiv Green Papaya Art Projects, am 12. Juni 2020 erschien es bei Pawns Records.
 



Joee hatte auch die Möglichkeit, an einem kurzen Einzelworkshop mit Myo Min Than teilzunehmen, einem traditionellen Musiker, der Hne spielt (eine Art Oboe). Er gab Joee eine gute Einführung in die sehr interessante und vielfältige traditionelle Musikkultur Myanmars. Sie kann als melodisch beschrieben werden und wird aus einer einzigartigen Kombination aus harmonischen und melodischen Mustern gebildet. Diese basieren auf einer traditionellen Tonleiter, die nach ihrer Beherrschung Improvisation erlaubt.

Traditionelle Musik-Ouvertüre zu einer Tanz-Zeremonie. Die Hne ist deutlich über den Schlaginstrumenten zu hören.


Von dem, was wir mit unserer begrenzten Zeit und Bewegungsmöglichkeiten während der Pandemie in Rangun gelernt haben, finden experimentelle Musikszenen in Südostasien dank der lokalen Eigenheiten und jeweiligen Herausforderungen neue Formen des künstlerischen Ausdrucks und klanglicher Richtungen. Und diese klanglichen Identitäten können gestärkt werden, indem wir voneinander lernen. Wir teilen viele Gemeinsamkeiten, aber die nationale Politik der einzelnen Staaten bläht unsere Unterschiede auf und das Unvermögen, eine Infrastruktur und gesellschaftliche Bindungen zu stärken.

Ende Juni 2020 schaffte Joee es schließlich, nach Manila zurückzufliegen und nun geht unsere Reise richtig los. All die neuen Eindrücke und die Erkenntnisse unserer Reise wurden mit dem Nusasonic-Team und unseren neuen Freund*innen und Kolleg*innen aus Rangun diskutiert. Wir hoffen, dass unser Dialog fortdauert und schließlich als eine Art co-kuratiertes Labor Form annimmt, sobald die Reisebeschränkungen gelockert werden und die Pandemie stärker unter Kontrolle ist. Ein solches Labor-Format würde eine Reihe von Talks, Workshops, die Präsentation künstlerischer Projekte und Auftritte von sowohl einheimischen wie internationalen Künstler*inne umfassen und in Zusammenarbeit mit Kulturexpert*innen in Rangun stattfinden. Hoffen wir, dass diese unsichere Zeit der Pandemie bald vorüber ist, damit wir uns wieder in Rangun im Teehaus treffen können. In der Zwischenzeit laden wir dich ein, dir diese schöne Auswahl burmesischer Musik anzuhören, ausgewählt von Musica Htet von Noise In Yangon.
 
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Ein Mixtape mit burmesischer Musik, zusammengestellt von Musica Htet.

Tracklist:

01. Chants of Red - Caguss aka Ito
02. Reincarnation of the One - Ivory Sammy
03. Upward Funeral - Heft
04. Leave that Orange on My Bed - Crazy Eel Society aka Slyne Nom
05. Heritage Circle - Ne Myo Aung, Aung Pyae Sone & Musica Htet