Der künstliche Autor Wie KI unser Schreiben über Fakten und Fiktionen verändern könnte

Mit Künstlicher Intelligenz (KI) können automatisch Texte generiert werden, die sich von Menschen geschriebenen Texten kaum unterscheiden lassen.
Mit Künstlicher Intelligenz (KI) können automatisch Texte generiert werden, die sich von Menschen geschriebenen Texten kaum unterscheiden lassen. | Alina Constantin / Better Images of AI / Handmade A.I / Licenced by CC-BY 4.0


Künstliche Intelligenz (KI) könnte unser Schreiben grundlegend verändern. KI kann zu jedem Thema riesige Mengen umfangreicher Inhalte erzeugen, Fakten von Fiktion trennen und Dichter*innen und Drehbuchautor*innen kreative Impulse geben. Aber was sollen wir von diesem revolutionären Tool halten? Und könnte der endlose Output von Rechnern etwas enthüllen, was uns selbst verborgen ist?

Von Adam Smith

Wie wird die Künstliche Intelligenz die Art und Weise verändern, wie Menschen schreiben? Ich denke, wir sollten zunächst einmal darüber nachdenken, was es bedeutet, zu schreiben. Wozu dient das Schreiben? Der Zweck des Schreibens ist die Kommunikation, auch wenn ich annehme, dass einige Menschen so anspruchsvoll sind, dass sie diesen Punkt nicht anerkennen.

Schreiben ist nicht nur ein Mittel zur Aufzeichnung von Informationen, sondern auch ein Mittel zur Kommunikation. Schrift kann auf viele Arten und auf vielen Ebenen kommunizieren.

Hier ist zum Beispiel die erste Zeile eines bekannten Gedichts von Philip Larkin: „Sie machen dich fertig, deine Mutter und dein Vater.“

Obwohl der Satz nichts enthält, was direkt darauf hinweisen würde, dass es sich um ein Gedicht handelt, und obwohl der Satz selbst nicht als besonders poetisch angesehen werden könnte, stellt uns diese indirekte Mitteilung von Poesie vor eine wichtige Herausforderung in Bezug auf das, was wir unter Poesie verstehen. Wenn ich sage „They fuck you up“ (was Larkin nicht tut), aber nicht erkläre, dass ich aus Larkins Gedicht zitiere, muss ich dann trotzdem sagen: „aus Philip Larkins bekanntem Gedicht They Fuck You Up“? Das wäre etwas umständlich.

Das Schreiben kann also indirekt etwas mitteilen. Es ist auch eine Möglichkeit, mit uns selbst und mit anderen zu kommunizieren.

Wenn ich etwas aufschreibe, zum Beispiel eine Einkaufsliste oder Ähnliches, dann kann ich mich im Allgemeinen leichter daran erinnern. Wenn der Inhalt eines Textes für mich relevant ist (und nicht nur für andere), dann wird diese Relevanz durch das Aufschreiben in meinem Gedächtnis verstärkt.

Wahrsager und Kaffeesatz

Diese sechs Absätze, mit Ausnahme der eingangs gestellten Frage, wurden von Philosopher AI geschrieben (Anmerkung der Redaktion: und übersetzt mit www.DeepL.com/Translator) – einem künstlichen intelligenten Algorithmus, der auf einem Sprachmodell aufgebaut ist, das Deep Learning (tiefes Lernen) verwendet. Mit ihm können Texte wie von menschlicher Hand geschrieben werden. Das Modell, GPT‑3, arbeitet mit dem fortschrittlichsten Autocomplete (Autovervollständigung), das wir bis jetzt entwickelt haben. Mit der Fülle von Tweets, Posts, Artikeln, Blogs und anderen Inhalten, aus denen das Internet besteht, hat es die Sätze „gelernt“, die höchstwahrscheinlich auf eine Eingabe folgen. Und hat offensichtlich ein Talent für Poesie.

Vergleichbar mit freien Assoziationen, wie sie in Therapien empfohlen werden, oder dem Bewusstseinsstrom, den Beatnik‑Autor*innen unter dem Einfluss von Halluzinogenen dem Papier anvertrauen, ist Künstliche Intelligenz (KI) zu dem fähig, was KI‑Autor*in K Allando‑McDowell „automatisierte Grafomanie“ nennt.

Nicht alles wird relevant oder auch verständlich sein: Wie Wahrsager*innen, die den Kaffeesatz lesen, geben Menschen den Mustern Bedeutung. Was sagt die Antwort des Roboter‑Philosophen über uns und über sich selbst aus?

Die einfachste Antwort ist vielleicht: „Schreiben ist eine Möglichkeit zu kommunizieren.“ Für   Autor*innen ist es naheliegend, Künstliche Intelligenz für das Schreiben über Fakten und Fiktionen zu nutzen. Unsere Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren, sind mit dem Aufschwung der sozialen Medien in den vergangenen zwei Jahrzehnten explodiert. Aber sie haben auch den Weg für Verschwörungsmythen und virale Lügen geebnet.

Denn angesichts der ungeheuren Menge Posts wird es für die Menschen schwierig, Richtiges von Falschem zu unterscheiden. Die Künstliche Intelligenz könnte jedoch dazu beitragen, die Flut der Desinformationen einzudämmen. So nutzen Unternehmen wie Logically im Vereinigten Königreich Künstliche Intelligenz zusammen mit Faktenchecker*innen, um den Strom der Online‑Verschwörungsmythen aufzuhalten. Sie lassen mutmaßliche Falschmeldungen durch eine Datenbank mit bereits auf ihren Wahrheitsgehalt geprüften Informationen laufen. Damit können sie deren Glaubwürdigkeit bewerten und die Nutzer*innen davor warnen, irreführende Information zu verbreiten.

Künstliche Intelligenz kann Journalist*innen auch auf andere Weise helfen: Nicht nur beim Schreiben kurzer Berichte über Sportevents oder vierteljährliche Gewinn- und Verlustrechnungen, sondern auch bei der Analyse von Big Data. Die Journalist*innen könnten ihre Leser*innen vor Trends in den enormen Datenmengen warnen und ihnen sogar Inhalte empfehlen. Statt Journalist*innen zu entlassen, wäre es besser, ihnen mit KI ein zeitsparendes Arbeiten zu ermöglichen, sowohl bei der Informationsbeschaffung und beim Faktencheck als auch bei der Vertiefung in ein Thema, wie nur Menschen es können.

Wie der Philosopher AI so treffend formuliert, können Texte auch dazu dienen, mit uns selbst zu kommunizieren. Das KI‑Team am Alexandra Instituttet in Dänemark hat gemeinsam mit dem Verlag Egolibris für kreative Autor*innen einen digitalen Redakteur generiert. Dieser Algorithmus, genannt Edison, wurde mit 3.000 Bestsellern aus verschiedenen Genres gefüttert und bietet den Autor*innen Feedback zur Lesbarkeit, zu den Beziehungen zwischen den Charakteren und Handlungsbögen.
Es kann sein, dass manche Menschen die Entstehung von standardisierten Romanen oder Drehbüchern befürchten. Künstliche Intelligenz könnte jedoch die Erkenntnisse in Schreibratgebern wie Rette die Katze (Save the Cat) von Blake Snyder oder Der Heros in tausend Gestalten (The Hero with a Thousand Faces) von Joseph Campbell erweitern und vielleicht sogar enthüllen, welche verborgenen Tiefen unseren Geschmack beeinflussen. Wie die Kunst dem Leben einen Spiegel vorhält, so kann auch die Künstliche Intelligenz der Kunst einen Spiegel vorhalten.

Kein System ist perfekt, weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Positiv ist die kreative Freiheit, die KI ermöglicht, und die der Computerdichter Ross Goodwin in seinem Kurzfilm Sunspring nutzte. Dieser Kurzfilm wurde von einer KI generiert, die man mit Dutzenden Science‑Fiction‑Drehbüchern gefüttert hatte

Das Ergebnis war ernüchternd. Der Dialog war zusammenhanglos, kaum schloss ein Satz an den anderen an und die Regieanweisungen waren für die Darsteller*innen nicht durchführbar. Aber die Struktur des Films war erkennbar – wie ein halb erinnerter Traum – und man sieht sich den Film gern an. Eine solche Nutzung der KI hat eine deutliche kreative Geschichte: Vor mehr als 200 Jahren prägte der Dichter der englischen Romantik, John Keats, den Begriff der „negativen Fähigkeit“ (negative capability): Dichter sollen ihre Eindrücke auf sich wirken lassen, ohne dabei an die Konventionen von Wahrheit, Logik und Wissenschaft gebunden zu sein; das ist genau die Begrenzung, die einen Menschen einengt, eine Künstliche Intelligenz ist jedoch frei davon.

Vorurteile und Banales

Andererseits wird oft behauptet, dass das Negative an der Künstlichen Intelligenz ihre Begrenzung sei. Weil sie menschliche Sprache und Wahrnehmungen lernt, spiegle sie menschliche Vorurteile wider. Die Ausstellung The Coded Gaze im NxTMuseum in Amsterdam zeigt, wie bei der Exekutive und den Sicherheitsdiensten Künstliche Intelligenz in Tools zur Gesichtserkennung Rassismus und Sexismus reflektiert. KI kann Schwarzen Menschen nicht die gleiche Individualität und Privilegien verleihen wie weißen Gesichtern.

Im Weiteren – ob man nun die Artikel in diesem Dossier liest oder über Künstliche Intelligenz im Allgemeinen nachdenkt – gilt es noch den letzten Teil der Mitteilung des Philosopher AI zu bedenken: die Relevanz.

Obwohl der Algorithmus eine scheinbar banale Bemerkung über Einkaufslisten macht, stolpert er faktisch über die auffallende Beobachtung, dass, was immer schriftlich festgelegt wird, besser in Erinnerung bleibt. Am Ende der Website von Philosopher AI fordert ein Prompt auf, den Output in Reddit zu teilen. Dieser Output würde einen Bestandteil des Lernprogramms einer neuen Künstlichen Intelligenz bilden. Der mit GPT‑3 in anderen Programmen erzeugte Text wird wahrscheinlich auch im Internet veröffentlicht, und somit gelangen alle Texte in die Feedback‑Schleife.

Wir wissen nicht, was uns die Algorithmen in der Zukunft sagen, aber ihre Antworten werden an unsere heutigen Fragen und Handlungen anschließen. Daher haben wir uns und der Zukunft gegenüber die Pflicht, dass es gute Fragen und Handlungen sind.