Humanoide Roboter auf Europatournee Robots-in-Residence-Programm

Robots-in-Residence-Programm
© Lena Ziyal

Von Jeannette Neustadt

Es gibt Stipendiat*innen, die sind auf eher ungewöhnliche, fast schon geheimnisvolle Art unterwegs. Sie reisen in einem Hartschalen-Koffer mit der Post unauffällig von Land zu Land. Zwei dieser Residenz-Künstler*innen hat das Goethe-Institut im Sommer 2020 auf Erkundungstour durch Europa geschickt. Trotz Covid-19 überqueren sie ungehindert Grenzen und gastieren jeden Monat in einer anderen Stadt. Bei ihrer Ankunft müssen sie zwar zunächst aus Luftpolsterfolie gewickelt, aus dem Koffer gehoben und eingeschaltet werden, aber dann gehen sie einen äußerst interessanten Dialog mit ihrer Außenwelt ein – jenseits einer rein menschlichen Verständigung.
 
Die Rede ist von GAIA und NaoMi, zwei Roboterdamen, die im Rahmen von Robots-in-Residence in verschiedenen kulturellen Kontexten das Verhältnis von Mensch und Maschine anschaulich machen sollen. Ihre Namen haben sie in Rom und Budapest erhalten. GAIA steht für „Generazione Algoritmo Intelligenza Artificiale“ – auf Deutsch „Generation Algorithmus Künstliche Intelligenz”. NaoMI leitet sich vom Modellnamen des Roboters ab. Der dunkelgraue, etwa 60 Zentimeter große und etwas mehr als fünf Kilogramm schwere NAO 6 ist bereits die sechste Generation des interaktiven humanoiden Roboters NAO, entwickelt von der japanisch-französischen Firma SoftBank Robotics. Er ist weltweit im Einsatz und dient vor allem Bildungseinrichtungen als Forschungsobjekt. Seine 25 Bewegungsgrade lassen die Kommunikation mit NAO besonders natürlich erscheinen. Der Roboter verfügt über verschiedene Sensoren sowie über Module zur Sprach-, Objekt- und Gesichtserkennung und spricht mehrere Sprachen. NaoMI in Bratislava mit der Künstlerin Emma Záhradníková NaoMI in Bratislava mit der Künstlerin Emma Záhradníková | © Goethe-Institut Im Rahmen des Robots-in-Residence Programms reisen zwei dieser NAO-Roboter zu verschiedenen Auslandsinstituten, hauptsächlich in Europa. Dort werden sie von Coder*innen und Künstler*innen betreut und weiter programmiert, je nach lokalen Fragestellungen und Rahmenbedingungen. Die Lernfortschritte – insbesondere die Interaktion mit dem Menschen betreffend – hängen in großem Maße von den Teams ab, die mit GAIA und NaoMI arbeiten. Ein wichtiger Baustein des Programms ist der Austausch der verschiedenen europäischen Teams untereinander. Das Programm dient also nicht nur der Reflektion der Beziehung von Mensch und Roboter, sondern auch der Förderung eines interdisziplinären und länderübergreifenden Dialogs. „Dank der Roboter kommen sich [letztlich] die Menschen näher“, fasst es Professor Wieslaw Kopec aus Warschau zusammen. Der besondere Reiz für die Teams vor Ort besteht darin, dass sie mit den Robotern selbstständig zu Hause, in ihrer Forschungseinrichtung oder am Goethe-Institut arbeiten können – und das über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen.
GAIA im Boxring im niederländischen Groningen GAIA im Boxring im niederländischen Groningen | © Floris Maathuis Im Anschluss tragen die Roboter ihr neu erworbenes Wissen und ihre neuen Fähigkeiten weiter in die Welt hinein und greifen immer mehr Aspekte auf, die zusammen genommen eine vielfältige Debatte über Künstliche Intelligenz einfangen und anstoßen können. Bei der am Programm teilnehmenden Philosophin Zoe Romano aus Mailand weckt das ungewöhnliche Residenzprogramm sogar die Hoffnung, dass die beiden Roboter „durch die Hände vieler Programmierer und Künstler gehen, um von allen zu lernen und am Ende vielleicht niemanden zu diskriminieren“.
NaoMI im Goethe-Institut Warschau NaoMI im Goethe-Institut Warschau | © Goethe-Institut / Adam Burakowski Die mit den NAOs realisierten Projekte und Performances können Berührungsängste abbauen, den derzeitigen Stand der Robotik reflektieren und aus der Popkultur übernommene Klischees von selbstständigen Wesen mit eigenem Bewusstsein widerlegen. So genannte „soziale“ Roboter wie GAIA und NaoMI sind zwar so gebaut, dass sie durch ihr Aussehen, ihre Bewegungsmuster und durch ihre sprachliche Reaktionen wie soziale Interaktionspartner wirken, aber sie sollten nicht als „Artgenossen“ missverstanden werden. Noch fallen ihnen selbst einfache Tätigkeiten wie das Greifen und Abstellen von Objekten schwer, aber die Robotik entwickelt sich stetig weiter. In Zukunft sollen humanoide Roboter den Menschen im Alltag unterstützen, seine Einsamkeit lindern sowie repetitive und körperlich anstrengende Arbeiten übernehmen. Schon lange träumt die Gesellschaft von mechanischen Gehilfen, die diese und ähnliche Aufgaben erfüllen. Von Anfang an wurden diese Gehilfen in menschlicher Gestalt imaginiert. Die Bezeichnung „Roboter“ wurde erst 100 Jahre vor dem Reiseantritt GAIAs und NaoMIs geboren. 1920 prägte der tschechische Schriftsteller Karel Čapek diesen Begriff, abgeleitet vom westslawischen „robota“ – auf Deutsch „Arbeit“ beziehungsweise „Fronarbeit“.

Bei der weiteren Entwicklung der menschenähnlichen Maschinen wird der kulturelle Kontext, in dem sie agieren, eine immer größere Rolle spielen. Die „soziale“ Robotik braucht Kulturexpertise, über die Ingenieur*innen und Coder*innen nicht unbedingt verfügen. Die Zusammenarbeit von Philosoph*innen, Künstler*innen und Entwickler*innen ist dafür ein sehr guter Ansatz; genauso wie der spielerische Zugang zu einem für die Zukunft absolut relevanten Thema.

Tour

NaoMI und GAIA reisen von Juni 2020 bis September 2021 durch Europa und darüber hinaus. Folgende Stationen sind für 2021 geplant: Bukarest, Riga, Skopje, Dublin, Lyon, Taschkent, Kiew, Kopenhagen, Rotterdam. Im Oktober 2021 werden die Roboter-Damen vom RoboticLab der TH Wildau ausgelesen und ihre Fähigkeiten ausgewertet, bevor sie im November nach Dresden aufbrechen – zum Abschlussfestival von „Generation A=Algorithmus“ im Deutschen Hygiene-Museum.

Bilder, Videos und Informationen zu bisherigen Tourstationen:

⇒ Bratislava – Slowakei
⇒ Bremen – Deutschland
⇒ Budapest – Ungarn
⇒ Dublin – Irland
⇒ Glasgow – Schottland
⇒ Groningen – Niederlande
⇒ Mailand – Italien
⇒ München – Deutschland
⇒ Prag – Tschechien
⇒ Rom – Italien
⇒ Warschau – Polen