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Golfstaaten
60 Jahre Frauenbewegung

Teaser_Bahrain
©Goethe-Institut e.V./Perspektiven, Melina Gamal

Wenn wir über die Rolle der Frau im Golf beim Aufbau von Familie und Gesellschaft sprechen, wäre es ungerecht erst mit den in den 1950er Jahren organisierten und institutionalisierten Frauenbewegungen zu beginnen. Schon bevor Frauen überhaupt das Recht auf Bildung erhielten, stärkten sie die wirtschaftliche Grundlage ihrer Familien und übernahmen – aus ihrer Position im Haus heraus –viele Rollen hinter den Kulissen der Gesellschaft. 

Von Hana Bu Hejji

Jene Gesellschaft verherrlichte ihre Männer für die harte Arbeit, die sie außerhalb des Hauses zum Wohle ihrer Familie verrichteten, während Frauen nicht nur stillschweigend ihre gesellschaftlich vorgeschriebenen Funktionen in Haushalt, Familie und Kindererziehung ausfüllten, sondern am Rande auch mit anderen Arbeiten Einkommen generierten, das den Lebensunterhalt der Familie verbesserte, wie Näharbeiten, Handel mit simplen Produkten oder einfache kosmetische Dienstleistungen. Dennoch verbannte die Gesellschaft die Frau, mal unter dem Vorwand von Tradition oder Religion, mal mit der Behauptung körperlicher und geistiger Überlegenheit des Mannes, in die hintere Reihe. Diese gesellschaftliche Diskriminierung erstreckte sich bis zu den Gesetzgebern, die ihnen viele Rechte, die ihnen als Individuen und Staatsbürgerinnen eigentlich zustanden, verwehrten. In einigen Ländern wurde ihnen lebenslange Vormundschaft von einem Mann auferlegt, wie einer Minderjährigen, die noch nicht alt genug ist um selbst Entscheidungen zu treffen. Das unbegreiflich Paradoxe: Die meisten der Gesetze boten diesem angeblich schwächeren Geschöpf nicht den Schutz, den ihre konkrete Situation erforderte, sondern untergruben ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Sicherheit. Vor diesem Hintergrund war es unumgänglich, dass sich die Frau erheben würde um für ihre Rechte zu kämpfen und dies geschah in der Mitte des letzten Jahrhunderts in Form der Frauenbewegung. Dabei führte Bahrain die anderen Golfländer an, denn schon 1955 wurde hier die Nahda Bahrain Young Ladies Association gegründet.

Der heftige Widerstand von Gesetzgebern und Entscheidungsträgern, der der Frau in ihren Forderungen nach Veränderung entgegenschlug spiegelte die wachsende Angst des Mannes vor einer Verschiebung des Kräftegleichgewichts zugunsten der Frau wider, als wäre jede Errungenschaft der Frau gleichzeitig ein Verlust für den Mann. Vom modernen Verständnis von Entwicklung, der den Beitrag jedes einzelnen Individuums samt seiner/ihrer Fähigkeiten als wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung erachtet und jeglichen Ausschluss individueller Arbeitskraft – von Frauen wie auch Männern – als einen Schaden, und zwar in erster Linie für die Gesellschaft und weniger für die diskriminierte Frau, erachtet, waren diese Gegner noch weit entfernt.
 

Strukturen der Frauenbewegung im Laufe der Zeit


Die Etablierung organisierter Strukturen in der Frauenbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts stellte für die Frau den ersten Schritt für ihr Engagement im weiteren arabischen Raum dar.

In Bahrain und Kuwait war die Präsenz der Frauenbewegung stärker als in anderen Golfländern, da hier die Schulbildung von Mädchen früher begann und beide Länder von anderen arabischen Frauenbewegungen und den Schriften von AktivistInnen beeinflusst waren. In Bahrain hinterließ die frühe Mädchenbildung eine deutlich aktive Generation junger Frauen, die die bahrainische Gesellschaft im Vergleich zu ihren Golfnachbarn mit großen Schritten voranbrachte. Die erste informelle Schule für Mädchen gründete 1899 die Frau des Missionars Samuel Zwemer. Bis zur Einführung des formellen Unterrichts im Jahr 1928 wurde die Schule trotz ihres missionarischen Charakters doch von einer nicht geringen Zahl von Mädchen besucht. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die bahrainische Frau bereits große Fortschritte gemacht und sich in gesellschaftlich einflussreichen Rollen eingebracht, besonders in den Zeitungen und anderen Medien. Dr. Sabika al-Najjar und Fawziah Mattar schreiben in ihrem Buch Frauen Bahrains im 20. Jahrhundert, dass „Bahrain in den Fünfzigerjahren eine Öffnung erlebte, durch die das Land empfänglich für Einflüsse durch die Frauenbewegungen in Ägypten und der Levante, Denker jener Zeit wie Rifa‘a al-Tahtawi und Qasim Amin, Pioniere wie Huda Sha'arawi und May Ziade und viele andere war. Bahrainische Frauen interagierten auch mit relevanten Institutionen im Ausland; so berichtete zum Bespiel die Wochenzeitung al-Qafila von drei Frauen, die zu jener Zeit einen Sommerurlaub machten, um die Organisationsformen kultureller Gesellschaften und Institutionen in Vorbereitung auf die Etablierung ähnlicher Einrichtungen in Bahrain zu studieren. Die Medien jener Zeit waren mutig und halfen dabei, das Bild der Frau als Mitglied der Gesellschaft mit eigener Meinung zu fördern. Als erstmals die Bühne für Frauen als Autorinnen frei wurde, schrieben auch diese furchtlos über kritische Themen wie die Frau in Ehe und Familie, ihre Lebensrealität und ihr Bild in der Gesellschaft sowie über die ihr auferlegten Fesseln der Tradition; auch kritisierten sie die religiösen Gelehrten, die unter dem Deckmantel der Religion die Frau bekämpften.

Die beiden Schwestern Badria und Shahla Khalfan und Mozah al-Zayed zählten zu den bedeutendsten Verfasserinnen jener Zeit. Sie waren nicht nur in Bahrain, sondern auch in jenen umliegenden Golfländern einflussreich, in denen Zeitungen an Beliebtheit gewannen. Die Schwestern sprachen couragiert über politische und soziale Rechte der Frauen und ihr Recht auf Arbeit. Badria war die erste, die sich lautstark für die Notwendigkeit eines Familienrechts – oder, wie sie es nannte, eines Scheidungsgesetzes für den Schutz von Ehefrau und Kindern – aussprach und die Gleichberechtigung der Geschlechter forderte. Shahla Khalfans Schriften verwiesen auf ihr marxistisches Denken in Frauenthemen; auch sie forderte Gleichberechtigung und die Stärkung des politischen Bewusstseins der Frau zum Zwecke ihrer Beteiligung an der Nationalbewegung, sowie die Anbindung der bahrainischen Frauenbewegung an globale Frauenbewegungen. Im Gegensatz zu den Schwestern Khalfan kam Mozah al-Zayed aus einem konservativen Umfeld. Ihre Schriften zeichneten sich durch einen kontinuierlichen Konflikt zwischen liberalen Ideen und konservativer Erziehung aus. So rief sie mal zur Befreiung der Frau durch Wissen auf, mal zu einer für angemessenen Bildung, bei der die Bereiche Politik, Wissenschaft und Philosophie dem Mann überlassen werden sollten; dann wiederum warnte sie den Mann davor, der Frau ihre Rechte zu verwehren, was sie am Ende vielleicht zur Revolution trieb.

In den Fünfzigerjahren war die Frauenbewegung eng mit der Nationalbewegung verbunden. In ihrem Streben, mit der Nationalbewegung mithalten zu könnten, war sie eilig darum bemüht, sich von traditionellen und gesellschaftlichen Fesseln zu befreien. Der erste Samen für die organisierte Frauenarbeit wurde an Schulen mit Unterstützung von Lehrerinnen aus anderen arabischen Ländern gesät. Die erste Mädchenschule wurde von der Orphan Aid Society gegründet. Der erste „Frauenklub“ entstand 1953, gegründet von der Society for Wealthy Educated Women. Doch weil er von der Ehefrau des britischen Verwaltungschefs zu Bahrain, Charles Belgrave, der personifizierten Kolonialisierung, geleitet wurde, weckte der Klub die Antipathie nationaler Führer, die ihn in den Medien auf das heftigste angriffen. Sie forderten stattdessen die Etablierung eines Frauenvereins ähnlich denen in Ägypten und der Levante aufriefen und so entstand 1955 die gleichnamige Al-Nahda Young Ladies Association in Bahrain. Diesen Namen sollten später auch die Frauenvereinigungen in den meisten anderen Golfländern tragen. Im Jahr 1960 gründeten Angehörige der Herrscherfamilie und wohlhabenden Klasse die Children and Mothers Welfare Society. Die beiden Gesellschaften widmeten sich bis in die Siebzigerjahre gemeinnütziger Arbeit, Alphabetisierung und Kinderfürsorge. Doch mit der Rückkehr zahlreicher bahrainischer Absolventinnen von Universitäten in Kairo, Kuwait und Beirut samt ihres nationalen Enthusiasmus und Aktivismus änderte sich auch der Kurs der Al-Nahda Vereinigung Bahrain.
               
Im Jahr 1970 wurde die Awal Women Society von Frauen der Mittelschicht gegründet. Die meisten von ihnen waren Angestellte, die ihr Studium im Ausland absolviert und sich dort in politischen Studentenbewegungen für Frauenrechte engagierte hatte. Im selben Jahr gründete eine andere Gruppe von vorwiegend Lehrerinnen die Riffa Cultural Charity Association. Zu Beginn war diese Vereinigung ähnlich ausgerichtet wie Awal, konzentrierte sich jedoch insbesondere nach Auflösung der Nationalversammlung und dem Erlass des Gesetzes über die Staatssicherheit, in dem der Frauenrechtskampf als politisches Handeln definiert wurde, der wohltätigen Fürsorge. Im Jahr 1974 wurde die International Women Association von Frauen der gehobenen Handelsklasse und Diplomatengemeinschaft gegründet.

Derzeit beträgt die Anzahl der Frauenvereinigungen in Bahrain 21, von denen die meisten um die Jahrtausendwende, in einer Phase politischer Öffnung und florierender Freiheiten, gegründet wurden. Auch die Entstehung des Supreme Council for Women, einer staatlichen Institution für Frauenthemen, fällt in jene Phase. Im Jahr 2006 wurde die Women’s Union gegründet, die die bestehenden Frauenvereinigungen unter sich vereinte. Nadia al Maskati, Direktorin der Al-Nahda Association Bahrain, erklärt dass „Bahrain seit 1975 von den verschiedenen World Conferences on Women profitiert hat, durch die die Frauenarbeit organisierter und strategisch entsprechend ausgerichtet wurde. Außerdem gab die Unterzeichnung der CEDAW der Women’s Union den Anstoß, einen nationalen Schattenbericht über die wirklich existierenden Bedürfnisse der Frauen als Alternative zu den faktisch verschönerten Berichten um vor der internationalen Gemeinschaft gut dazustehen.“

In Kuwait, wo Mädchen seit den Vierzigerjahren in die Schule gehen, sah die Frauenarbeit in den Sechzigerjahren ihre erste Initiative, als einige kuwaitische Frauen, inspiriert von der arabischen Frauenbewegung, die Gründung eines eigenen Frauenklubs forderte, um sich zum Zweck der Stärkung der Frau in ihren Rollen und der Schaffung eines dafür geeigneten gesetzlichen Rahmens besser organisieren zu können. Doch diese moderne Idee eines Klubs stieß auf den Widerstand von Gesellschaft und Behörden. Die Gruppe modifizierte ihre Forderung und konnte so1963 die Gründung der Women’s Cultural and Social Society verkünden. Die Gesellschaft repräsentierte vor allem Frauen aus Handelsklasse und Bourgeoisie, engagierte sich wohltätig und für allgemein arabische Probleme. Nur Tage zuvor war auch die Vereinigung Arab Women‘s Renaissance ausgerufen worden, die 1971 infolge des Abklingens der panarabischen Welle ihren Namen in An-Nahda Family Association änderte. Sie repräsentierte die Mittelschicht und beschäftigte sich mit Fragen zu Bildung, Scheidung, und Polygamie. Im Jahr 1974 wurde die Kuwaiti Women’s Union gegründet, in der die beiden zuvor genannten Organisationen samt des damals eröffneten Girls’s Clubs verschmolzen. Dieser Schritt beschleunigte jedoch den Zerfall dieser Institutionen, denn bald schon zog sich die Women’s Cultural and Social Society daraus zurück, die Al-Nahda Kuwait wurde aufgelöst und 1977 auch die Women’s Union insgesamt durch Entscheidung des Arbeitsministeriums. Im darauffolgenden Jahrzehnt und mit dem Aufkommen des konservativen Islam gründeten sich die zwei Vereine Bayader as-Salam und Islamic Welfare sowie – nach der Invasion Kuwaits durch den Irak – die Kuwait Women’s Volunteer Society for Community Service. Im Jahr 1994 wurde die Women’s Union mit Unterstützung der Regierung und der Ehefrau des Kronprinzen wiederbelebt, um die Vereinigungen unter ihrem Schirm aufzunehmen. Ihre Funktion blieb jedoch auf Repräsentation nach außen und Koordination zwischen den Vereinigungen reduziert.

Fajjar al-Khalifa, Autorin und politische Aktivistin aus Kuwait, sagt: „In ihren Anfängen war die Frauenbewegung auf bestimmte gesellschaftliche Klassen beschränkt, besonders die Bourgeoisie, weshalb auch ihre Anliegen und Forderungen auf jene Klasse beschränkt war. Das reduzierte jedoch nicht den Wert dessen, was sie tat. Als Fatima Hussein ihre Abaya verbrannte, war das eine symbolisch ganz große Geste. Aber es gab noch zu viele Frauen, die zuhause eingesperrt und von Bildung ausgeschlossen wurden, denn niedrigere oder weniger glückliche gesellschaftliche Schichten konnten nicht erreicht werden. Deshalb sind heute für Frauen zum Beispiel diejenigen Kampagnen am besten, die unabhängig sind und keine Verbindung zu zivilgesellschaftlichen Organisationen haben.“
               
In den Vereinten Arabischen Emiraten (VAE), wo die Bildung für Mädchen1953 begann, gewann die Frau die Aufmerksamkeit der politischen Führung. Man begann Frauenvereinigungen als etwas, was einen modernen Staat ausmacht, einzurichten und darüber Bildungs- und Sozialdienstleistungen anzubieten. Obwohl meist davon ausgegangen wird, dass die erste Frauenorganisation Dhabiania war, gegründet 1973 nach der Unabhängigkeit, verweist Hessah Lootah, Professorin für Kommunikation und Medien, darauf, schon 1967 die Al-Nahda Association gegründet z haben. Sie erzählt: „Ich war damals zwölf Jahre alt. Ich und die anderen waren unserem wirklichen Alter weit voraus und wir waren begierig darauf, Freiwilligenarbeit zu leisten. Wohlhabend waren wir nicht und so konzentrierten wir uns auf Aufklärung, Bildung und die Bekämpfung von Drogen. Wir waren auch offen gegenüber der sozialen Arbeit gemeinsam mit Männern in Klubs.“ Derzeit genießen die 1975 gegründete und von der Frau des verstorben Emirs von Abu Dhabi geleiteten sowie die in der Folgezeit gegründeten Vereinigungen die volle Unterstützung der Regierung, so als wären sie Regierungs- und nicht zivilgesellschaftliche Organisationen.

Obwohl Frauen im Oman sowohl am bewaffneten Kampf in der Führungsriege der Dhofar Liberation Front und dann an der Popular Front for the Liberation of the Occupied Arabian Gulf, die auch Frauenthemen in ihrem Programm hatte, beteiligt waren, gab es bis 1971 keine organisierten Frauenvereinigungen. Die Omani Woman Association wurde 1972 in Maskat von Omanerinnen, die ihre höhere Bildung im Ausland erhalten hatte, gegründet. In der Folgezeit entstanden 38 weitere Vereinigungen, die sich in ihren Zielen den Organisationen in den Emiraten ähnelten, also Aufklärung, Alphabetisierung und Berufsausbildung für Frauen umfassten. Ihre Arbeit unterliegt vollständig der Koordination mit dem Direktorat für Frauen- und Kinderangelegenheiten des Ministerium für Arbeit und Soziales. Die derzeit in Berlin ansässige omanische Aktivistin Habiba Al-Hinai erläutert: „Derzeit gibt keine wirkliche Frauenbewegung in Oman. Diejenigen Vereinigungen, die existieren, sind mehr wie Regierungsabteilungen. Es gibt keine Seite, die für die Forderungen der omanischen Frau eintritt.“ Al-Hinai ist mit einem Deutschen verheiratet und führt die Bemühungen um das Recht der Frau, ihre Staatsbürgerschaft an ihre Kinder aus einer ausländischen Ehe weiterzugeben, an. Sie nennt dabei ihren Sohn Hafez als Beispiel für ein Kind, dem die Vorteile der Nationalität seiner Mutter verwehrt werden. Im Jahr 2012 gründete sie die Facebook-Gruppe „Omani Group for Human Rights“, die 4000 MitgliederInnen umfasste, doch später geschlossen wurde.
               
In Qatar gibt es keine zivilgesellschaftliche Frauenvereinigungen. Von 1998 bis 2014 existierte ein von der Ehefrau des Emir geleiteter Oberster Rat für Familienangelegenheiten, der sich auch um Frauenthemen kümmerte. Laut Esraa al-Muftah, Doktorandin an der Universität von Qatar, finden Kampagnen für die Rechte und Forderungen der Frau online in den sozialen Netzwerken statt.
               
In Saudi-Arabien, wo es keinerlei Art von zivilen Frauenvereinigungen oder -institutionen gibt, wird die Bezeichnung „Feminismus“ allgemein für Gruppen und Bewegungen, die sich für Frauenrechte einsetzen, verwendet. Nora al-Doaiji aus Saudi-Arabien, die derzeit ihre Doktorarbeit Eine Leseart der Transformationen der saudischen feministischen Bewegung an der Harvard University schreibt, erklärt, dass sich der saudische Feminismus zwischen 2011 und 2018 zu einer unabhängigen Bewegung entwickelt habe. Sie merkt an, dass, obwohl die Frauenbewegungen in Saudi-Arabien nicht institutionalisiert sind, sich Kampagnen gebildet hätten, die aus komplexen Netzwerken von Aktivistinnen mit voller Staatsbürgerschaft bestünden. Das, was die saudische Frau erreicht hätte, sei das Ergebnis jahrelang beharrlich verfolgter Forderungen der Frauen gewesen, wie die Erlaubnis Auto zu fahren oder in Kommunalwahlen zu wählen oder kandidieren. Dabei seien die sozialen Netzwerke ein wichtiges Ausdrucks- und Druckmittel gewesen.
 

Digitale Mittel und Wege


Tatsächlich haben Frauenvereinigungen – mit ihrer üblichen Struktur und der langen Liste an Genehmigungen, die sie einholen müssen – an Bedeutung im Einsatz um Frauenrechte an Bedeutung verloren. Der digitale Raum hat es möglich gemacht, dass die Stimmen von Frauen mit nur einem Klick die gesamte Welt erreichen und so geographisch uneingeschränkte Unterstützung gewinnen können. In den letzten Jahren haben die Frauen des Golf ihre Forderungen in Hashtags verpackt und in den weiten digitalen Raum hinausgeschossen: In Bahrain unter #haqquha (dt. ihr Recht); in Saudi-Arabien unter #haqqi_karamati (dt. mein Recht auf Würde) oder #maluha_badil (ihr Geld ist eine Alternative); in Qatar hieß es #huquq_almara_alqatariyya (dt. die Rechte der katarischen Frau); in Kuwait startete man #hamla_ilgha_almada_153 zur Abschaffung eines Gesetzesartikels, der einen Mann, der Frau oder Tochter unter dem Vorwand der Ehre ermordet, freispricht, sowie #markaz_iwaa_almanafat für die Einrichtung eines Frauenhauses für Gewaltopfer. Huda Alsahi aus Bahrain, die ihren Doktor in Italien zum Thema Frauen im Golf schreibt, sagt: „Der digitale Raum bietet Frauen vielversprechende Möglichkeiten, um patriarchalisch vorgeschriebene Rollen durch eine kritische Prüfung der gesellschaftlichen Kultur neu zu definieren. Er bietet außerdem die Möglichkeit, politische Partizipation zu stärken, indem zum Beispiel Petitionen unterzeichnet, Spenden gesammelt und Aufrufe gemacht werden oder ganz einfach von seinem Gerät zuhause aus Informationen über lokale oder globale Fragen verbreitet werden.“
 

Gewonnene Rechte und bestehende Forderungen


Während die Forderungen der Frauen sich in den sechs Golfländern ähneln, sind der Umgang mit den Themen, die verfügbaren Mittel und agierenden Frauenorganisationen unterschiedlich. Meist zielen die Bemühungen ultimativ auf die Gleichstellung der Frau mit dem Mann in der Staatsbürgerschaftsfrage ab und so beschäftigt sich die Bewegung eines jeden Landes mit einer Reihe von Problematiken, deren Lösung als unmittelbar förderlich für die Lebensqualität der Frau gilt. Zu den wichtigsten Errungenschaften der Frauenbewegungen gehört der Ausbau politischer Rechte: In Oman erhielt die Frau 1994 das Recht zur Abstimmung und Kandidatur im Schura-Rat (der beratenden Versammlung des Sultans); in Qatar und Saudi-Arabien dürfen Frauen seit 1998 bzw. 2015 auf kommunaler Ebene wählen und kandidieren; Bahrain war der erste Golfstaat, der der Frau 2002 das Recht auf Kandidatur und Beteiligung an den Parlamentswahlen einräumte, gefolgt von Kuwait im Jahr 2005.

Während das Thema Familienrecht derzeit ganz oben auf der Agenda aller Frauenbewegungen im Golf steht, sind die Bemühungen zum Erlass bzw. der Reform eines solchen Gesetzes sehr viel deutlicher in Bahrain und Kuwait zu erkennen. In Bahrain ist das Ringen um das Familienrecht seit 1982 und der Schaffung eines Komitees über den Personenstatus aus Mitgliedern der Vereinigungen[J8]  dokumentiert. Seitdem gingen die Forderungen Schlag auf Schlag weiter bis 2009 endlich ein Familiengesetz für Sunniten (Gesetz 19/2009) erlassen und acht Jahre darauf ein allgemeines Familiengesetz (Gesetz 19/2017) für Sunniten und Schiiten ratifiziert wurde. Das neue Gesetz verbessert den Status der Frau in Angelegenheiten wie Ehe, Sorgerecht, Erbe und Scheidung.

Doch laut al-Maskati, Direktorin der Al-Nahda Bahrain, müsse bei diesem Gesetz noch viel verändert werden, bis es der Frau nütze. Und so sieht es auch Fajjar al-Khalifa im Fall von Kuwaits Gesetz über den Personenstatus.

Auch die Gleichstellung der Frau mit dem Mann in der Frage der Weitergabe der eigenen Nationalität erhält unter Aktivistinnen in Bahrain, Kuwait, Qatar, UAE und Oman große Aufmerksamkeit, wobei jedoch auf unterschiedliche Weise vorgegangen und Druck ausgeübt wird. In Kuwait taten sich 2011 mehrere kuwaitische Frauen, die mit Nicht-Kuwaitis verheiratet sind, zu der Gruppe „Kuwaitis ohne Grenzen“ zusammen. Zivilgesellschaftliche Organisationen organisieren zu diesem Thema Medienseminare und plädieren für die Einführung eines Punktesystems, wie es in Saudi-Arabien angewandt wird, wobei Faktoren wie Geburt, Bildung oder Aufenthaltslänge angerechnet werden. Der Umstand, dass Frauen nicht gestattet wird, ihre Nationalität an Mann und Kinder weiterzugeben, während einige Golfländer unter einem Schwund naturalisierter Staatsbürger leiden, aber gleichzeitig die Geburtsrate unter nationalen Familien erhöhen wollen, ist in der Tat bizarr!

Neben diesen gemeinsamen Themen unterscheiden sich die Interessen der Frauen von einem Golfstaat zum anderen. So kommentiert Badria al-Marzouq, Direktorin der Bahrain Women’s Union, dass die Agenda für Bahrain „derzeit die Überarbeitung des Gesetzes über häusliche Gewalt von 2015, das eine Frucht unserer Anstrengungen war, umfasst, sowie die Änderung eines Artikels im Strafgesetzbuch, der einen Vergewaltiger vor der Strafe bewahrt, wenn er sein Opfer heiratet. Dazu kommen die Themen einer Quote im Parlament und Arbeitslosigkeit, denn unter Frauen beträgt die Arbeitslosenquote 83 Prozent.“
               
In Kuwait umfassten die Themen, Fajjar al-Khalifa zufolge, das Recht auf Ehe ohne männlichen Vormund, Wohnrecht, eine Unterkunft für Gewaltopfer, das Gesetz über häusliche Gewalt, die Gleichstellung im Erbrecht und die Abschaffung des Artikels, das den Mörder der Ehefrau oder Tochter unter Berufung auf Ehre freispricht. In Oman wird, laut der Aktivistin al-Hinai, vor allem dem Erlass eines Gesetzes zur Kriminalisierung von Genitalverstümmelung und Ehrenmord große Wichtigkeit zugeschrieben sowie der Gleichstellung der Frau mit dem Mann in der Diya (Entschädigungszahlung bei leiblichem Schaden) und in der Pensionierung. Für Qatar sieht Esraa al-Muftah an erster Stelle die Forderungen zur Verbesserung der Situation der arbeitenden Frau, zum Beispiel durch Ausstattungen und Arbeitszeiten, die zur arbeitenden Frau und Mutter passen. In Saudi-Arabien wiederum sei die Priorität von Aktivistinnen die Abschaffung des Vormundschaftssystems, das die Freiheit und Mobilität der Frau in vielerlei Hinsicht einschränke.
 

Hürden und Herausforderungen


In den Golfländern haben die Frauen mit ähnlichen Hürden beim Erreichen ihrer Ziele zu kämpfen. Die meisten Aktivistinnen beschweren sich über die Einschränkung ihrer Freiheiten und Aktivitäten durch das Vereinsgesetz. Esraa al-Muftah sagt über Qatar: „Das Vereinsgesetz behindert die Gründung von Vereinigungen und jegliche Form ziviler Organisation.“ Fajjar al-Khalifa aus Kuwait stimmt dem zu und verweist darauf, dass die Kontrolle der Exekutive sich in die Zivilgesellschaft erstrecke, die nur schwer dagegen ankäme: „Es gibt keine absolute Freiheit und der enge Rand schrumpft weiter bis wir an den Rand des Randes verdrängt werden. Seit den Aufständen von 2010 hat sich der Griff durch das Ministerium für Soziales noch verfestigt und Drohungen sind deutlich und unverblümt geworden.“
               
Al-Maskati ist besorgt, dass die junge Generation in Bahrain, die sich nicht mehr so sehr um gesellschaftliche Belange sorgt, der Freiwilligenarbeit fernbleibt. Sie sagt: „Wir in den Frauenvereinigungen hören das Echo unserer eigenen Stimmen, wenn wir uns versammeln oder Seminare zu diesen wichtigen Themen abhalten.“ Hessah Lootah ist der Meinung, dass die Freiwilligenarbeit das Gefühl der Straße, von der sie einst geleitet war, verloren habe. Stattdessen gäbe die Regierungen ihre Interessen vor. Über den Einfluss der Regierung auf die Vereinigungen sagt sie: „Wer gewählt wird, will etwas leisten und die Gewinne vergrößern, doch wer ernannt wird, legt sein Augenmerk nur auf sein Amt und die Zufriedenheit derjenigen, die ihn/sie in das Amt ernannt haben.“ Ihrer Meinung nach fehle es den Frauenvereinigungen an wirklich wichtigen Belangen und Aktivismus.

Huda Alsahi sieht in der Autorität des Patriarchats und gesellschaftlichen Unterdrückung die größten Hürden für die Frauenbewegung im Golf. Es gebe weder genügend finanzielle Unterstützung noch Medieninteresse, das man bräuchte um die Wichtigkeit des Frauenrechtskampfs zu verdeutlichen.

Lootah kommt auf eine weniger traditionelle Herausforderung zu sprechen: die Globalisierung. Diese habe die Frau vielleicht dazu gezwungen einen Schritt zurückzutreten und auf ihre Probleme und Bedürfnise aus einem weiteren gesellschaftlichen Blickwinkel zu schauen. Eine Eigenschaft der Globalisierung sei es Verwirrung und Zweifel im Individuum zu wecken und es so zum Nachdenken über sich selbst und weniger über die Gesellschaft zu bringen. Doch müsse man die Besonderheiten einer jeweiligen Gesellschaft berücksichtigen und sich vom importierten Bild, das die Welt für uns vorgesehen hat, distanzieren, denn dieses können Entscheidungsträger immer wieder zu oberflächlichen Entscheidungen verleiten, nur damit wir vor der Welt zivilisierter dastehen.

Diese Meinung findet sein Echo auch im Artikel Stärkung der Frau im Golf von Mohammad Al Rumaihi aus Kuwait, der mit dem Blick auf die Globalisierung schreibt: „Die Frage, wie die Frau ermächtigt werden könne, sollte nicht im engeren Rahmen, aus Perspektive der Geschlechterbeziehungen allein, betrachtet werden, sondern als Problematik mit weitreichenden entwicklungsrelevanten und gesellschaftlichen Dimensionen. Deshalb ist das Ziel auch nicht nur, die Bedingungen der Frauen zu verbessern. Das Ziel ist nicht einfach nur, die Situation der Frau zu verbessern, sondern dies muss mittels eines alternativen Blicks auf eine Gesellschaft geschehen, deren Zukunft einen lokalen, regionalen und international Rahmen hat.“

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