Frikia, 57 Jahre

Frika in einem Café in Audin, Algier Zentrum, an einem Abend des Ramadans.
Frika in einem Café in Audin, Algier Zentrum, an einem Abend des Ramadans. | ©Goethe-Institut/Leïla Saadna

Ich heiße Frikia und bin 1961 in Forbach, im Nordosten Frankreichs geboren. Mein Vater hat Algerien mit 19 Jahren verlassen. Nach mehreren Jobs hat er sich in dieser Stadt niedergelassen und sein Leben lang als Grubenarbeiter gearbeitet. Ich kann sagen, dass ich eine wunderbare Kindheit hatte: die Felder, die Natur, der Schnee im Winter. In meiner Jugend haben sich die Dinge geändert. Mein Vater wollte die Traditionen bewahren und hat uns keine Freiheiten gelassen – abgesehen von der Schule. Das war mein Rettungsanker.

Ich bin in einer Schlafstadt in Behren-lès-Forbach aufgewachsen. Dort gab es nur Ausländer, Maghrebiner, Italiener, Polen und viele andere. Die erste Welle Einwanderer, die alle in den Steinkohlebecken von Lothringen tätig waren. Am gleichen Ort waren auch unsere Schulen und wir kamen nie dort raus. Meine Mutter, die seit über 50 Jahren in Frankreich lebt, spricht kein Wort Französisch. Sie hat keinen Kontakt mit Franzosen, trifft sich nur mit Algerierinnen. Wir wurden von der französischen Gesellschaft auf Abstand gehalten.

1979 bin ich durchs Abitur gefallen. Ich blieb ein Jahr zu Hause. Ich suchte Arbeit und hatte viele Angebote, aber mein Vater sagte zu mir: „Rohi bledek, tkhedmi fi bledek, hanaya matkhadmich! Geh in dein Land zurück, arbeite dort, aber nicht hier!“ Meine ältere Schwester war bereits in Algerien und in ihren Briefen erzählte sie uns vom aufregenden Leben jener Zeit, von der Agrarrevolution, dem freiwilligen Militärdienst, dem direkten Kontakt zu den Bauern, dem Traum von Boumedienne...
 
1981, mit 21 Jahren, kam ich mit all diesen Träumen im Kopf nach Algerien.

Ich lebte mit meinem Bruder in Sidi Fredj. Dort erwartete mich eine andere Art Glück, die Sonne, das Meer, das ich zum ersten Mal sah. Wir lebten in Meeresnähe, gegenüber von einem Thalassotherapiezentrum und im Sommer fanden am Hafen von Sidi Fredj Konzerte und Festivals statt, die den Ort magisch werden ließen.

Nachdem ich meinen Bruder mehrfach auf eine mögliche Tätigkeit im Thalassotherapiezentrum angesprochen hatte, bin ich selbst dorthin gegangen. Ich traf den Chefarzt, der mich als Pflegekraft einstellte, woraufhin ich dort ein Jahr lang arbeitete und eine schöne und aufregende Zeit verbrachte.

Danach wollte eine Freundin von mir die Aufnahmeprüfung für Flugbegleiterinnen bei Air Algérie ablegen und ich habe mich zusammen mit ihr angemeldet. Wir wurden beide angenommen und ich bin 35 Jahre lang geblieben!

Ich wurde immer als anders angesehen, wegen meiner Art zu denken, mich auszudrücken und auch zu arbeiten. Das Etikett der Immigrantin hat mir stets angehaftet, mein ganzes Berufsleben lang. In Wahrheit hat mich das sehr beschützt. Es hat mir erlaubt, ich selbst zu sein, authentisch zu sein. Wenn ich mir Freiheiten herausnahm, zum Beispiel in der Art mich zu kleiden, sagten die Leute: „Ah, hedi gawriya, das ist normal! Sie ist Französin!“ Mit den Algerierinnen waren sie viel strenger.

Als ich ankam, sprach ich nur sehr wenig Algerisch, aber das hat mich nicht gestört. Die Leute sprachen Französisch, vielleicht habe ich diese Sprache deshalb nicht richtig gelernt. Bis heute habe ich den Akzent behalten, durch den ich als Immigrantin angesehen werde, auch wenn ich schon 37 Jahre in Algerien lebe. Ich fühle mich als Algerierin, ich mische mich unter die Leute, wohnte in einem Arbeiterviertel, ich liebe diese Orte! Ich liebe die Leute für das, was sie sind, denn wenn du ehrlich bist, bekommst du alles zurück, auch wenn du keine Gegenleistung verlangst. Ich liebe Algerien, ich bin des Landes wegen hergekommen, aber ich bin zuallererst Weltbürgerin. Meine Gefühle für die menschliche Natur, die ich für zutiefst gut halte, sind die Grundlage für das Gleichgewicht, das es jedem ermöglichen würde, an dem Ort glücklich zu sein, an dem er lebt. Jetzt bin ich hier, und ich nehme nur das Beste mit. Das genügt mir.