Kunst
Ukrainischer Musiker Kulya: Ich lasse meine Wut an dem Mikrofon aus, nicht an Menschen.

Ein junger Mann mit Basecap. © Ksenya Kurylyshyn

Kulya, ein Mitglied des ukrainischen Rap-Duos Tulym Posse, möchte, dass Musiker*innen ihre Stimme stärker nutzen, um über den Krieg zu sprechen. Vergesst den Krieg in der Ukraine nicht, sagt er.
 

Sandra Leušina

Musik ist das Gegenteil von Stille. Musik basiert wie die demokratische Welt auf Freiheit – Rede-, Gedanken- und Kreativitätsfreiheit. Auch auf Flexibilität. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte treffend bei der Grammy-Gala: „Füllt die Stille mit Musik. Füllt sie noch heute aus, um unsere Geschichte zu erzählen. Unterstützt uns, wo immer ihr könnt, aber schweigt nicht.“ Europa steht einem schrecklichen Krieg gegenüber. Die Ukrainer*innen befinden sich in einer wirklichen Horrorsituation, wobei sie trotz der eimarschierenden imperialistischen Kriegsmaschine tapfer und stark geblieben sind. Was ihnen bleibt, ist der Kampf um ihr Leben, ihr Zuhause und ihre Freiheit. Neben all der frustrierenden Umstände und der bösen Politik versuchen wir, uns mit der Musik zu befassen. Was passiert heute im täglichen Leben und im Kopf eines ukrainischen Musikers, wenn es vielleicht unmöglich ist, die Größe des Erlebten in Worte zu fassen? Ich kontaktierte ein Mitglied des Rap-Duos Tulym Posse (Kulya und Rylez) – ein Rapper und Beatmaker.

Igor, oder Kulya, lebt in der Hauptstadt der Ukraine. Wir alle erinnern uns an Fotos vom Beginn des Krieges und an das Video des Hochhauses mit dem großen Loch in der Mitte, das in Kyiv von einer Rakete getroffen wurde. „Ich gehe oft zu einem Geschäft in der Nähe dieses Hauses“, schrieb Igor am 26. Februar in den sozialen Medien. Zum Zeitpunkt unseres Interviews in der zweiten Aprilwoche wird er ebenfalls mit seiner Familie in Kyiv sein. Die letzten Tage waren ziemlich friedlich – russische Truppen haben die Region verlassen, aber wir alle haben die schrecklichen Fotos von Vororten wie Butša, Irpin, Hostomel und Borodyanka gesehen und halten den Atem an, angesichts der bevorstehenden Kämpfe in anderen Gebieten.

Laut Igor keimt das Leben in der Hauptstadt leise wieder auf – Fliegeralarme treten selten auf und es wurden keine weiteren Explosionen gehört. Kleine Unternehmen haben ihre Arbeit aufgenommen, Menschen trinken Kaffee in den Parks, Restaurants und öffentliche Verkehrsmittel sind teilweise geöffnet. Der Musiker betont jedoch, dass man sich nicht hundertprozentig sicher sein könne – die Russen könnten nach Kyiv zurückkehren, aber er hofft, dass dies nicht passiert.

Wie geht es deiner Familie?
Wir sind stark geblieben. Ein Teil meiner Familie mit kleinen Kindern ist in den westlichen Teil des Landes gezogen, wo es ruhiger und sicherer ist. Meine Oma ist bei uns, sie ist sehr krank und braucht jeden Tag Schmerzmittel. In der sehr aktiven Phase des Krieges musste ich ihr Medikamente besorgen, die Warteschlangen waren sehr lang. Einmal stand ich sechs Stunden lang, um die benötigte Medizin zu bekommen. Jetzt ist es viel einfacher, mehr Apotheken haben geöffnet und es gibt keine verrückten Warteschlangen. Wir arbeiten und kümmern uns umeinander.

Lass uns über Musik sprechen – so viel wie das im Moment möglich ist. Leg uns doch zunächst einmal deinen musikalischen Hintergrund dar.
Wir haben Tulym Posse im Jahr 2008 mit meinem Schulfreund zusammen gegründet. Im Grunde machen wir Hip-Hop im Boom-Bap-Stil und mit einer Hardcore-Energie. Wir haben drei Langspiel- und vier Kurzformate aufgenommen und veröffentlicht, sind überall in der Ukraine und anderswo in Europa aufgetreten, einschließlich Estland im Jahr 2014. Wir haben die Bühne mit Künstler*innen wie Lords of the Underground, Onyx, R.A. The Rugged Man, Masta Ace, Pharoahe Monch, Ryfa Ri, Hurragun und anderen geteilt. Wir sind die erste ukrainische Rap-Gruppe, die am tschechischen Festival Hip Hop Kemp teilgenommen hat. Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir unser viertes Album veröffentlichen, das eigentlich schon fertig ist.

Als Produzent habe ich Instrumentals für internationale Künstler*innen geschaffen, darunter Ras Kass, Edo G, Starrlight, BlabberMouf und Bub Styles.

Wie wichtig ist Musik gerade in deinem Leben?
Jetzt kann ich sogar wieder etwas Musik hören, aber nicht viel. Ich habe Neuigkeiten über Neuerscheinungen gesehen, die ich unbedingt hören wollte, aber ich konnte einfach nicht. Ich habe ungefähr einen Monat lang überhaupt keine Musik gehört. Ich hätte das für mich überhaupt nicht für möglich gehalten. Gleichzeitig kenne ich Leute, die in dieser schwierigen Zeit Musik gehört und gemacht haben. Das hat ihnen geholfen, sich von allem um sie herum zu lösen, aber bei mir hat es nicht funktioniert.

Wie wirken sich solche Ereignisse auf die Kreativität aus?
Für mich war es wie mit dem Musikhören. Ich habe in dieser Zeit nichts geschaffen, aber ich habe das Gefühl, dass ich bald in der Lage sein werde, meine Gefühle und Gedanken mit meiner Kunst auszudrücken. Sie bilden sich in meinem Kopf, und ich spüre, dass der Tag, an dem ich etwas produzieren kann, bald kommt.

Was glaubst du, welche Formen diese Gefühle annehmen werden?
Ich kann es nicht genau sagen, aber es scheint aggressivere Musik zu sein. Ich muss diese Emotionen irgendwohin lenken. Das tue ich normalerweise – ich lasse meine Aggression an dem Mikrofon aus, nicht an Menschen. Jetzt habe ich viele dieser Emotionen, und ich denke, dass daraus eher ein wütender Vibe entsteht, keine traurige oder friedliche Kreation.

Wie wirkt sich Krieg auf das Verständnis von Leben und der Schaffung im Allgemeinen aus?
Es ist sehr wichtig, dass sich herauskristallisiert, wer wer ist. Die Menschen um dich herum zeigen ihre wahre Natur, sowohl auf gute als auch auf schlechte Weise. Keine Masken mehr und natürlich schätzt du jede Minute deines Lebens umso mehr.

Hast du das Gefühl, dass du langfristig weiterproduzieren möchtest, und ist das überhaupt wichtig?
Wie ich bereits erwähnt habe, fange ich langsam an, mich zu erholen. Wir werden bald sogar eine Aufzeichnung eines Online-Konzerts haben, das in andere Länder gestreamt wird, und die Spenden daraus werden zur Unterstützung der Ukraine verwendet. Das ist gut, denn ich konnte nicht einmal im Kopf rappen. Allein bei der Vorstellung daran, hat sich bei mir im Kopf eine Wand aufgetan. Ich kehre langsam in den Prozess zurück. Ich denke, dass die Künstlerarbeit für viele Menschen wichtig ist, denn sie unterstützt die Menschen emotional, also sollten wir in jeder Hinsicht unser Bestes geben.
Du hast deine Instrumentals an internationale Rapper*innen verkauft, um die Ukraine zu unterstützen. Bitte erzähl uns etwas mehr darüber.

Eigentlich ist es mein tagtäglicher Job. Ich verkaufe Beats an Künstler*innen auf der ganzen Welt. Wie ich bereits erwähnt habe, konnte ich seit Kriegsbeginn keine neue Musik mehr machen. Mir wurde klar, dass ich viele fertige Beats bereits im Katalog habe, also habe ich beschlossen, einen Beitrag über den Verkauf zu schreiben. Ein Teil der Gewinne ging an die ukrainische Armee und einige vertrauenswürdige Freiwillige, die ich persönlich kenne. Ich wollte meinem Land helfen, indem ich das tat, was ich in meinem Leben am besten kann.

Ich bin den Leuten sehr dankbar, die auf den Aufruf reagiert und ein paar Beats gekauft haben, und freue mich auf die Songs, die für diese Instrumentals entstehen. Ich habe mir an einem Tag sogar Demos angehört und es wird sehr coole Musik werden, es wird auch unserem Land und meiner Familie helfen! Einige fertige Beats sind übrigens noch erhältlich. Ich freue mich immer, mit noch mehr Künstler*innen zusammenzuarbeiten und gleichzeitig mein Land finanziell zu unterstützen.

Sendet mir eine Nachricht auf Facebook oder Instagram und ich bin bereit, Beats zu teilen und gemeinsam gute Musik zu machen. Darüber hinaus wird es unserem Land helfen, in diesem grausamen Krieg zu kämpfen.

Was könnten deiner Meinung nach estnische Musiker*innen tun, um der Ukraine mehr zu helfen? Wir haben hier einige Wohltätigkeitskonzerte, aber was noch?
Wir spüren auf jeden Fall die Unterstützung des estnischen Volkes und freuen uns zu wissen, dass ihr dort Benefizkonzerte gebt. Ich denke, es ist wichtig, über diesen Krieg zu sprechen und ihn in den sozialen Medien zu posten, denn Künstler*innen haben eine Stimme und sie sollten sie nutzen, um Informationen zu verbreiten. Es ist auch gut, ukrainische Musik zu entdecken und zu hören, wir haben viele coole Sachen in allen Genres. Es ist definitiv für jeden Geschmack etwas dabei. Es ist cool, etwas Neues über ukrainische Musik, Kunst und Kultur zu entdecken.

Gute Idee! Empfehle uns doch bitte ukrainische Musik.
Ich bin auf Hip-Hop spezialisiert, daher kann ich einige Künstler*innen in diesem Genre empfehlen.

PVNCH ist eine ukrainische Country-Rap-Gruppe aus der Provinzstadt Varva in der Nordukraine, die 2013 gegründet wurde. Sie haben einen sehr markanten Stil und ein klares Ziel, den ukrainischen Rap zu fördern. Ihr Ziel ist gut gelungen und sie sind dabei dennoch originell und aufrichtig geblieben.
 


Alexjazz ist ein Artist, der sich durch offene Texte, der Fähigkeit des Geschichtenerzählens, melodische Wiederholungen und eine Symbiose aus Jazz, Funk, Folk und Elektronik auszeichnet. Alexjazz wurde in einer kleinen Stadt namens Malyni in der Nordukraine geboren. Heute lebt er in Kyiv. Er hat drei Soloalben veröffentlicht und viel mit ukrainischen und ausländischen Künstler*innen zusammengearbeitet. Außerdem ist er Mitinhaber der Plattenfirma Past Future Jam. Die Plattenfirma hat in den vergangenen vier Jahren mehr als 170 Songs in den Genres Hip-Hop, Soul und elektronischer Musik veröffentlicht. Außerdem ist er Mitglied der Musik- und Kulturgruppe Kickit Crew.
 

Ціна Ритму ist ein Post-Hip-Hop-Kollektiv mit einem kalten und metallischen, aber dennoch retro-klingendem Sound. Sie haben ein, den heutigen Verhältnissen entsprechendes, neu interpretiertes Weltbild.
 

Zombo ist ein Kulturaktivist und Musiker aus Lviv. Seit 2010 ist er Mitglied der Kickit Crew und organisiert das Kickit Block Jam Festival und klassische Hip-Hop-Partys. Zombo operiert im Bereich des bewussten Hip-Hops, Underground-Raps, Jazz-Raps und Boom Baps. Er begann seine Solokarriere im Jahr 2015. 2018 und 2019 hat er ukrainischen Rap beim tschechischen Festival Hip Hop Kemp vertreten. 2021 veröffentlichte Zombo in Zusammenarbeit mit dem Duo Tulym Posse das Album „Comin At Ya“ und die EP „Zoloti chasy“ (Golden Ages).
 

Хитрий Лис wurde 1989 in Rivnes geboren. Seit 2010 beschäftigt er sich mit Rap-Musik. Vor ein paar Jahren ist er mit seinem neuen Namen Sly Fox an die Öffentlichkeit getreten.
 


Danke für diese Musik! Von der Schaffenskraft ein bisschen abdriftend – hat sich deine Lebenseinstellung durch den Krieg verändert?
Ich glaube nicht. Ich bleibe bei meinem Volk und gebe mein Bestes für meine Leute und mein Land.

Was war dein erster Gedanke am 24. Februar?
Ich geriet nicht in Panik, weil es eine Menge Dinge zu klären gab – meiner Familie zu helfen, einige Entscheidungen zu treffen. Die Invasion kam nicht sehr unerwartet, da sich russische Truppen seit langem in der Nähe unserer Grenze versammelt hatten. Wir waren so bereit, wie man es sein konnte.

…und jetzt?
Ich arbeite nach wie vor, kümmere mich immer noch um meine Familie und ich versuche zu helfen, so gut ich kann. Die Atmosphäre in der Stadt ist entspannter geworden, aber ich weiß, dass wir uns noch nicht entspannen können. Der Krieg geht immer noch jeden Tag weiter. Er hat sich nur hauptsächlich in den Osten und Süden des Landes verlagert.

Es ist sehr schwierig, sich selbst einzugestehen, dass es immer noch so viel Böses auf der Welt gibt, die meisten von uns stehen immer noch unter Schock. Wie wacht man auf, bleibt mutig und stellt sich dem Bösen?
Die ganze Welt ist schockiert, dass in der Mitte Europas im 21. Jahrhundert ein so großer, bedeutungsloser und gewaltsamer Krieg stattfinden kann. Ich habe bereits erwähnt, dass die Menschen keine sozialen Masken mehr vor sich haben. Die Weltordnung ändert sich gerade, es gibt derzeit keine Möglichkeit, „die Ecken und Kanten zu glätten“. Es betrifft alle, wenn auch nicht körperlich, dann psychisch. Die ganze Welt sollte mutig und bereit für verschiedene Szenarien sein.

Sicherheitsvorschriften sollten unbedingt geändert werden, denn der bisherige Aktionsplan funktioniert nicht, das sehen wir jetzt alle. Russland befindet sich immer noch auf der Landkarte und von dort ist nichts Gutes zu erwarten. Ich denke, die Menschen sollten in Frieden leben, sich aber auf den Krieg vorbereiten. Es ist einfach eine Realität, mit der wir alle leben und uns auseinandersetzen sollten. Bei all dem ist es wichtig, das zu tun, was man liebt, keine Zeit mit unwichtigen Dingen zu verschwenden, so banal es auch klingt.

An der Politik kommt man derzeit kaum vorbei. Nach mehreren Monaten eines kaltblütigen Krieges – ist es Putins Krieg oder ein Krieg der Russ*innen, was denkst du?
Es ist sicherlich nicht nur Putins Krieg. Das kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung sagen. Ich hatte viele Kontakte in Russland, wir waren vor 2013 dort. Diese Leute nannten mich ihren Bruder und Freund. Zu Beginn des Krieges schrieben einige von ihnen, dass sie die Invasion unterstützten und dass die russische Armee uns „befreien“ müsste. Die meisten dieser Leute schweigen jedoch. Sie haben mir nichts geschrieben, sie posten Bilder und Clips von Partys und Jams in ihren sozialen Medien. Als ob nichts gewesen wäre. In dieser Situation bedeutet Schweigen Aggression.

Bis heute stehe ich mit nur einem (!) Typen in Kontakt, der den Krieg nicht unterstützt, protestiert und nun plant, Russland zu verlassen. Seiner Meinung nach kann er in einer solchen Atmosphäre und unter diesen Menschen nicht mehr leben. Alle meine Freunde aus der Ukraine haben mir eine ähnliche Geschichte über ihre russischen Kontakte erzählt.

Außerdem tötet Putin nicht selbst Menschen, er vergewaltigt nicht und begeht diese schrecklichen Taten nicht persönlich. All dies wird von Kreaturen erledigt, die als russische Armee bezeichnet werden. Leider kann ich sie nicht als Menschen bezeichnen, ich denke, sie sind nur ein paar böse Kreaturen. Wenn es noch normale Menschen in Russland gibt, hoffe ich, dass sie so schnell wie möglich gehen, aber ganz ehrlich – es ist mir egal, weil ich mich mehr um mein Land und die Menschen hier sorge und kümmere, das ist die Hauptsache für mich.

Möchtest du zu diesem Thema noch irgendetwas sagen?
Ja – vergesst den Krieg in der Ukraine nicht! Das passiert gerade in der Mitte Europas. Wenn es eine Möglichkeit gibt, wie du helfen kannst, tu dies bitte. Rede darüber! Wenn du einen Freund oder eine Freundin aus der Ukraine hast, frage sie einfach "Wie geht es dir?". Das ist uns wichtig.
 

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