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Vom Beton zur Gemeinschaft: Urbaner Wandel in Litauen und Estland

Vom Beton zur Gemeinschaft © Daria Taranzhina

In Litauen und Estland beginnt der Wandel im Herzen der Städte. Vom Vilnius Urban Lab bis zum Kreenholm-Garten in Narva gestalten Gemeinschaften den städtischen Raum neu und stellen ihre Verbindung zur Natur und untereinander wieder her.

Miesto Laboratorija

Wenn wir an „grün“, „nachhaltig“ oder „regenerativ“ denken, stellen wir uns oft ein energieautarkes Haus vor, das tief in unberührten Wäldern versteckt liegt – oder etwa nicht? Für viele werden stark urbanisierte Gebiete nicht unbedingt mit nachhaltigem Leben in Verbindung gebracht, insbesondere nicht die Großstädte, die oft von Verkehr und Luftverschmutzung überlastet sind. Historisch gesehen hatte die sowjetische Unterdrückung negative Auswirkungen auf das städtische Umfeld, das durch starke Urbanisierung und Überbauung gekennzeichnet war und die Stadtbewohner*innen psychologisch sowohl von der Natur als auch voneinander selbst entfremdete. Heute erleben litauische Stadtviertel und ihre Bewohner*innen eine ökologische Renaissance – sie definieren ihre Beziehung zur Natur und zur Gemeinschaft neu und gestalten die Denkweise des postsowjetischen Stadtlebens um.

Litauens Hauptstadt Vilnius hat viel zu bieten – von der UNESCO-geschützten Altstadt über die lebendige Kunstszene bis hin zur Startup-freundlichen Energie. Doch wenn man am Fluss Neris entlangradelt, stößt man vielleicht auf ein verstecktes Juwel in der Nähe des historischen Sapiegos-Palasts. Miesto Laboratorija (etwa: „City Lab“) ist ein gemeinschaftlich geführter Treffpunkt, an dem Menschen zusammenkommen, um zu lernen, wie man nachhaltiger lebt – sowohl äußerlich als auch innerlich.

Alles begann mit kollektivem Urban Gardening im Stadtteil Antakalnis. Durch die Gartenarbeit lernten sich die Nachbar*innen kennen und entdeckten gemeinsame Werte: Engagement für die Gemeinschaft, Liebe und Respekt für die Natur sowie einen umweltbewussten Lebensstil. Daraus entstand eine Reihe von Veranstaltungen und Initiativen, bei denen sich Gleichgesinnte treffen konnten – unter anderem Programme zum Teilen von Lebensmitteln, Bildungsworkshops, Weihnachtsmärkte und viele weitere.

Die regelmäßigen Gärtnerinnen Goda und Agnė erkannten, dass sie einen festen Ort – nicht nur einen Garten – brauchten, um ihre Ideen zu verwirklichen. Sie träumten davon, ein gemeinschaftlich aufgebautes Bildungscafé und -zentrum zu schaffen. So entstand Miesto Laboratorija.

Dank lokaler Unterstützung wurde der Traum Wirklichkeit – Freiwillige halfen mit, andere spendeten Möbel und Dekoration. Wenn man das Zentrum besucht, ist man von einer Einrichtung aus Secondhand-Möbeln umgeben, die die reiche Geschichte des Viertels widerspiegelt. Nach und nach wurden durch Kuchenverkäufe und Spenden Mittel aufgebracht. Die Gemeinschaft gewann sogar einen städtischen Wettbewerb, um das Zentrum in einem ehemaligen Krankenhausgebäude unterzubringen. Heute ist Miesto Laboratorija ein Beispiel dafür, was erreicht werden kann, wenn gemeinschaftliche Werte das Handeln antreiben.

„Wir stützen jede Entscheidung auf zwei Fragen: Ist es nachhaltig und kommt es der Gemeinschaft zugute?“, sagt Goda. Das Zentrum wird mit Sonnenkollektoren betrieben, verfügt über einen Kompost im Freien für organische Abfälle und nutzt ein Grauwassersystem, das Spülwasser zur Toilettenspülung wiederverwendet. Kreative Wiederverwendung findet sich in nahezu jedem Detail – Tische aus Krankenhaustüren, Deckenlampen aus alten Gastanks und Schrankknöpfe aus Löffeln. Sogar das gesamte Geschirr und die Küchenausstattung sind aus zweiter Hand. Alles hat einen neuen Zweck gefunden.

Das Café bekämpft Lebensmittelverschwendung durch Kochworkshops, in denen das Portionieren, ressourcenschonende Vorgehensweisen und kreative Wiederverwendung vermittelt werden. Ein Pilotprojekt reduzierte die Lebensmittelverschwendung erfolgreich um 49,92 Prozent und sparte so 924 Kilogramm Lebensmittel ein. Dies wiederum verhinderte im Jahr 2023 6,6 Tonnen CO₂-Emissionen und bewahrte 1.698 Portionen Lebensmittel.

Und das ist noch nicht alles! Das Zentrum verfügt außerdem über einen vertikalen Hydrokulturgarten, eine lokale Kunstgalerie und einen offenen Spielplatz im DIY-Stil für Kinder. Miesto Laboratorija ist ein Ort für Nachhaltigkeitsbildung – mit Workshops zu Gartenarbeit, Vermeidung von Lebensmittelabfällen und achtsamem Leben. Das Zentrum ist stets offen für neue Initiativen. Neueste Ergänzungen sind Dėkui Kabykla, ein Kleiderständer zum Tausch von Secondhand-Kleidung, und ein Gemeinschaftskühlschrank, der innerhalb von Minuten leergeräumt ist. Repair Cafés sind die angesagten neuen Veranstaltungen, bei denen Menschen ihre geliebten Gegenstände mitbringen, um sie von erfahrenen lokalen Reparateur*innen instand setzen zu lassen.

Gegründet, um die Gemeinschaft von Antakalnis zusammenzubringen, hat Miesto Laboratorija in den letzten zehn Jahren echte Veränderungen angestoßen – und so ein aktiveres, engagierteres und stolzeres Viertel entstehen lassen. „Die Leute sagen oft, dass sie stolz darauf sind, in Antakalnis zu leben, und das wegen Miesto Laboratorija!“, so Goda.

Šilainių sodai

Wusstest du, dass Litauen eine zweite Hauptstadt hat? Kaunas, die zweitgrößte Stadt des Landes, diente in der Zwischenkriegszeit als vorübergehende Hauptstadt. In dieser Zeit blühten Art-Déco-Kunst und -Architektur auf, was Kaunas den Beinamen „die litauische Hauptstadt des Modernismus“ einbrachte. Doch Kaunas ist mehr als nur schöne modernistische Häuser, die zwischen Lindenbäumen liegen.

Wie viele postsowjetische Städte verfügt auch Kaunas über ein weitläufiges Vorstadtviertel mit Hochhäusern namens Šilainiai. Es handelt sich jedoch nicht um einen typischen Sowjetblock. Versteckt in den Spalten der Kaunaser Festung aus dem 19. Jahrhundert liegt eine andere Art von Festung: eine Gemeinschaft von Rentner*innen, die städtische Gärten bewirtschaften.

Vor rund 40 Jahren begannen die Einheimischen, auf dem Festungsgelände Obst und Gemüse anzubauen, getrieben von einem wachsenden Bedürfnis nach Selbstversorgung. Sie legten Beete an und bauten Gewächshäuser. Trotz rechtlicher Herausforderungen und häufiger Widerstände seitens der Anwohner*innen hielt die Gärtner*innengemeinschaft durch und wuchs stetig. „Die langjährige Tradition des städtischen Gärtnerns in litauischen Städten wird heute nur noch von informellen Gemeinschaften aufrechterhalten – oft in abgelegenen Gegenden und mit einem Gefühl der Unsicherheit“, sagt Evelina, Gärtnerin und Künstlerin.

Evelina erkannte zusammen mit der Stadtplanerin Rūta sofort das Potenzial, die soziale Bewegung der städtischen Gärten als Kunstform zu erforschen. Sie verstanden, dass Gärtnern und Gartenbau mehr sein können als nur der Anbau von Gemüse – es könnte eine Form der kollektiven Performance sein, bei der jede Handlung, vom Säen der Samen bis zur Ernte, ein Ausdruck des Gemeinschaftsgeistes ist.

Das Ziel war es, einen sicheren Raum zu schaffen, um dem Lärm der Stadt zu entfliehen und durch das Gärtnern die Verbindung zur Natur wiederherzustellen. Damit ein solches Projekt Fuß fassen konnte, galt es zunächst, sowohl die physische als auch die psychische Sicherheit der Gärtner zu gewährleisten. In regelmäßigen gemeinschaftlichen Arbeitseinsätzen packten Freiwillige mit an, um den Šilainiai-Gärten eine konkretere Struktur zu verleihen: Eine neue Informationstafel wurde aufgestellt, Beete angelegt, Regenwassersammelsysteme und Kompostbehälter für organische Abfälle bereitgestellt, um die Gartenarbeit zu erleichtern, und ein neuer Sitzbereich lädt Besucher*innen dazu ein, zu entschleunigen und Zeit in diesem Raum zu verbringen.

„Indem wir zeigen, wie der Alltag in den Gärten aussieht, hoffen wir, dass mehr Menschen davon erfahren und städtische Gartenarbeit als etwas wirklich Positives wahrnehmen“, sagt Evelina. Die Bewohner*innen wurden eingeladen, an einem Bildungsprogramm teilzunehmen, um ihre gärtnerischen Fähigkeiten zu entwickeln. Bald stellten Rūta und Evelina fest, dass junge Menschen von natürlichen Systemen abgekoppelt zu sein schienen und kein Bewusstsein dafür hatten, woher Lebensmittel kommen.

Die Wirkung der praktischen Erfahrung, durch Gartenarbeit Ernährungssysteme zu erkunden, inspirierte die Organisatorinnen dazu, diese Methodik weiter auszubauen. Sie entwickelten unter dem Dach der NGO Kultūros dirbtuvė (Kultur-Atelier) ein zehnmonatiges Studienprogramm, um dem Klimawandel durch Ernährungssysteme etwas entgegenzusetzen. Die Kernthemen – Ernährung, Ökosystem, Biodiversität und Klimawandel – werden im lokalen Kontext untersucht. Der Programmkalender ist sowohl auf die saisonalen Naturzyklen als auch auf den akademischen Zeitplan abgestimmt. Eine Gruppe von Spezialist*innen für Nachhaltigkeit, Regeneration und Biologie hält mindestens einmal im Monat regelmäßige Sitzungen ab, um gesunde Ernährung, Umweltbewusstsein und Gemeinschaftsbildung zu erforschen und zu fördern.

Ähnliche erlebnisorientierte Lernprogramme, wie zum Beispiel Naturwanderungen in der Stadt, die von der Organisation 9 zuikiai (9 Kaninchen) organisiert werden, sprießen ebenfalls aus dem Boden. Das Bedürfnis, sich wieder mit der Natur zu verbinden, ist größer denn je. Die Botschaft ist klar: Wenn sich die Menschen nicht als Teil der Natur fühlen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sie sie schützen. Mit ein wenig Motivation (okay, viel) und etwas Fleiß kannst du den Menschen helfen, die Natur wiederzuentdecken – selbst im Hinterhof eines sowjetischen Plattenbaus oder eines alten Krankenhauses.


Auch Estland macht Fortschritte – unsere Städte werden grüner und smarter. Nachhaltigkeit liegt im Trend, und immer mehr Menschen begrüßen diesen Wandel. Auch städtische Räume entwickeln sich weiter, wobei der Fokus auf Komfort und Umweltbewusstsein liegt. Hier sind ein paar tolle Beispiele, die das beweisen:

Kastani aed, Tartu

Kastani aed, Tartu © Tadeusz

Das Projekt wurde im April 2025 mit dem Ziel neu gestartet, eine umweltfreundliche städtische Gemeinschaft zu entwickeln. Die meisten Aktivitäten finden im Ajuokse Avangaar in Tartu statt, wo die Teilnehmenden zusammenkommen, um das Gelände zu säubern, neue Pflanzen zu setzen, neue Installationen aus recycelten Materialien zu schaffen – und natürlich Kontakte zu knüpfen! Ein Großteil der Infrastruktur des Gartens wurde im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Wiederverwendung errichtet: Dekorationen bestehen aus alten Drucklappen aus dem örtlichen TYPA-Kunstzentrum, Möbel aus Paletten aus dem Plantarium und Kissen aus Stoffresten und alten Matratzen.

Kastani aed, Tartu © Tadeusz

Tadeusz, Freiwilliger beim Europäischen Solidaritätskorps bei Aparaaditehas, einem Kultur- und Kreativzentrum, und Teilzeit-Organisator von Kastani aed, erklärt:

„Der Bereich hinter dem TYPA-Kunstzentrum war früher ein Gemeinschaftsgarten, aber im Laufe der Zeit verfiel er – die Menschen hatten einfach nicht die Zeit oder Energie, ihn zu pflegen. Ich habe dieses Problem mit den TYPA-Mitarbeitern besprochen, mit dem Eigentümer des Plantariums gesprochen, und gemeinsam haben wir beschlossen, diesen Ort wiederzubeleben, eine Art Intervention durchzuführen, um ihn gemütlich und für alle Anwohner zugänglich zu machen. Wir haben uns auf die Gemeinschaft und einen nachhaltigen Ansatz konzentriert. Mittlerweile haben wir etwa 15 Teilnehmende mit unterschiedlichem Hintergrund, die ihre Beete und Blumenbeete pflegen: Einige pflanzen Blumen, andere Gemüse und Kräuter.“

Kreenholm-Garten, Narva

Kreenholm-Garten, Narva © Anna Markova

Die erste Grünfläche in Narva, auf der Anwohner*innen frei gärtnern, an Workshops teilnehmen und einfach gemeinsam Zeit im Freien genießen können. Der Garten wurde 2020 von den Künstlerinnen Sandra Kosorotova und Sille Kima neben der Narva Art Residency angelegt. Seit seiner Gründung haben der Garten und sein Konzept mehrere Wandlungen durchlaufen. Im Jahr 2023 wurde der Raum erheblich erweitert, wobei Maria Kopytova die Kuratorin des Projekts wurde.

„Das Hauptziel des Gartens ist es, die Kreenholm-Gemeinschaft zu stärken und weiterzuentwickeln. Nicht nur eingeladene Künstler, sondern auch Anwohnende nehmen aktiv am Leben des Gartens teil. Wir arbeiten mit lokalen Organisationen zusammen, beherbergen internationale Künstler und nehmen an öffentlichen Stadtveranstaltungen teil. Gleichzeitig liegt unser Hauptaugenmerk weiterhin auf Umweltbewusstsein, urbaner Gartenarbeit und Offenheit gegenüber der Gemeinschaft. Im Jahr 2025 wird das Projekt vom Just Transition Fund unterstützt – wir planen den gemeinsamen Bau eines grünen Pavillons mit Terrasse, eine Sommerschule zum Thema Bauen sowie eine Reihe öffentlicher Vorträge“, sagt Maria.

Kogukonnaaiad, Tallinn, Tartu

Kogukonnaaiad, Tallinn, Tartu © Aus privatem Archiv

In Estland war die bedeutendste Entwicklung im Bereich des gemeinschaftlichen Gärtnerns der Aufschwung städtischer Gartenprojekte, insbesondere in Tallinn. Seit 2011 wurden in der Hauptstadt mehr als 30 Gemeinschaftsgärten angelegt – mittlerweile hat fast jeder Stadtteil einen. Der größte Gemeinschaftsgarten Estlands befindet sich jedoch in Tartu.

Die Teilnahme ist einfach: Jeder kann eine Parzelle pachten und mit dem Anbau eigener Pflanzen beginnen. Regelmäßige Workshops und Bildungsveranstaltungen machen diese Gärten nicht nur zu Orten der Gartenarbeit, sondern auch zu lebendigen Räumen für das Netzwerken und die Gemeinschaftsbildung. „

Teeme Ära“-Aufräumaktionen in ganz Estland

Teeme Ära“-Aufräumaktionen in ganz Estland © teemeara.ee

Seit mehr als 15 Jahren bringt die Organisation Teeme Ära Menschen in ganz Estland für gemeinsame Freiwilligenaktionen zusammen. Allein im Jahr 2022 fanden im Rahmen des World Clean-Up Day landesweit 1.215 Aufräumaktionen mit 27.902 Teilnehmenden statt.

Die Grundidee des Projekts besteht darin, regelmäßige gemeinschaftliche Aufräumaktionen zu organisieren, die für alle offen sind. Man kann an der nächstgelegenen Veranstaltung teilnehmen oder auf der offiziellen Website selbst eine starten: teemeara.ee

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Jugendzeitschrift Narvamus aus Narva im Rahmen des von der EU kofinanzierten Projekts PERSPECTIVES für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. >>> Mehr über PERSPECTIVES


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