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Das System neu nähen: Ein nachhaltiges Umdenken in der estnischen Modebranche

Das System neu nähen © Daria Taranzhina

Die Textilproduktion auf estnischem Gebiet reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück und wurde im 20. Jahrhundert, während Estland Teil der Sowjetunion war, ausgebaut und in das übergeordnete sowjetische Industriesystem integriert. Große Fabriken in Narva, Tallinn und Tartu produzierten Stoffe und Bekleidung für die gesamte UdSSR. Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft, dem Zusammenbruch früherer wirtschaftlicher Verbindungen, der Privatisierung und dem technologischen Rückstand begann die Textilindustrie Estlands jedoch rapide zu schrumpfen. Bis 2010 hatten fast alle großen Fabriken geschlossen, darunter auch die legendäre Kreenholm. Die Massenproduktion von Textilien und Bekleidung in Estland war praktisch verschwunden.

Ein ähnlicher Trend war in ganz Europa zu beobachten: Ab dem späten 20. Jahrhundert begann die Massenproduktion von Textilien und Bekleidung rapide zu schrumpfen. Tausende Fabriken schlossen – insbesondere in Ländern mit höherem Lohnniveau und hohen Kosten im Zusammenhang mit Umwelt- und Arbeitsstandards. Die Produktion verlagerte sich nach Asien, wo Arbeitskräfte billiger sind, Vorschriften minimal oder gar nicht vorhanden sind und die Logistik eng in globale Lieferketten eingebunden ist. Doch neben dem wirtschaftlichen Gewinn traten zunehmend negative Folgen zutage: Umweltverschmutzung, Ausbeutung von Arbeitskräften, Ressourcenverknappung und ein steigendes Volumen an Textilabfällen – sowohl während der Produktion als auch nach dem Gebrauch.

Als die Auswirkungen dieses schnellen, auf hohe Stückzahlen und niedrige Kosten ausgerichteten Modells deutlicher sichtbar wurden, begann sich in vielen Ländern, darunter auch Estland, eine neue Ausrichtung abzuzeichnen: nachhaltiges Design. Nachhaltiges Design überdenkt den gesamten Lebenszyklus von Kleidung – vom Entwurf bis zum Tragen – unter Berücksichtigung von Arbeitsbedingungen, Produktlebensdauer und Schadensminimierung, ohne dabei auf Komfort, Ästhetik und Erschwinglichkeit zu verzichten. Und obwohl in Estland keine groß angelegte Bekleidungsproduktion mehr stattfindet, prägen lokale Designer*innen, Forschende, Lehrende und Studierende weiterhin die Mode, indem sie nachhaltige Praktiken entwickeln, Wissen teilen und alternative Ansätze anbieten.

Einer der bedeutendsten Beiträge Estlands zur nachhaltigen Mode ist das UPMADE®-System, das von der Designerin und Forscherin Reet Aus entwickelt wurde. In der traditionellen Produktion enden rund 18 Prozent des Textilmaterials als Abfall – UPMADE® verwandelt diesen Abfall in eine Ressource und ermöglicht so die Herstellung neuer, hochwertiger Produkte. Das System wurde in Fabriken in mehreren Ländern implementiert und entwickelt aktiv seine digitalen Tools weiter. Dadurch wird die Transparenz in den Produktionsketten verbessert und eine effektivere Verwertung von Industrieabfällen unterstützt.

Reet Aus ist nicht nur eine Designerin mit Doktortitel, sondern auch eine Aktivistin, die auf systemische Probleme in der Modebranche aufmerksam macht. Eine der wichtigsten Ausdrucksformen ihres Engagements ist der Dokumentarfilm Out of Fashion unter der Regie von Jaak Kilmi und Lennart Laberenz. Die Kamera begleitet Reet von Tallinn zu den Laufstegen Europas, durch Baumwollplantagen in Südamerika und in Massenproduktionsfabriken in Bangladesch – und legt offen, wie die globale Modeindustrie funktioniert und welche Auswirkungen sie auf Mensch und Umwelt hat. Der Film Out of Fashion wird häufig in Bildungsprogrammen und bei öffentlichen Diskussionen eingesetzt – als Instrument zum Verständnis des Problems und zur Suche nach Lösungen.

Nachhaltiges Denken wird zunehmend in die Mode- und Textilausbildung in Estland integriert. Die Technische Universität Tallinn bietet einen Studiengang in Textil- und Bekleidungsproduktionstechnologie an. Die Estnische Kunstakademie bildet unterdessen zukünftige Mode-, Textil-, Industrie- und Umweltdesigner*innen aus, wobei ein starker Fokus auf den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, der bewussten Materialauswahl und den Lebenszyklen von Produkten liegt. Im Jahr 2024 startete die Akademie einen Masterstudiengang für zirkuläres Design. Sie beherbergt zudem das DiMa Sustainable Design and Materials Lab, das internationale Projekte mit den Schwerpunkten Upcycling, Verlängerung der Lebensdauer von Kleidung und Wiederverwendung von Textilien leitet – einschließlich der laufenden Forschung und angewandten Entwicklung des UPMADE®-Systems.

Ein weiterer Hub für Bildung und Kultur, der das Thema nachhaltige Mode vorantreibt, ist die Pallas-Hochschule für angewandte Wissenschaften in Tartu. In Zusammenarbeit mit dem Tartu Centre for Creative Industries und der Viljandi-Kulturakademie der Universität Tartu organisiert sie das Estonian Fashion Festival, eine dreitägige Veranstaltung, die Studierende und professionelle Designer*innen zusammenbringt, die mit nachhaltigen Ansätzen arbeiten.

Das DisainiÖÖ Festival, das seit über zwei Jahrzehnten jeden Herbst in Tallinn stattfindet, spielt ebenfalls eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der estnischen Designkultur. Seine Themen reichen von umweltfreundlichen Materialien und grüner Innovation bis hin zu KI, sozialem Raum und Kritik am Greenwashing. Das Festival wird vom Estnischen Designer*innenverband (Eesti Disainerite Liit – EDL) organisiert, der über 180 Fachleute aus den Bereichen Mode-, Grafik-, Textil-, Industrie- und Möbeldesign zusammenbringt. Seine Mission ist es nicht, mehr Produktion zu fördern, sondern Design als Brücke zwischen Kultur, Technologie und verantwortungsbewusstem Unternehmertum neu zu denken.

Auch Narva ist eine wichtige Stimme im wachsenden estnischen Dialog über nachhaltige Mode. Die Stadt ist Gastgeber des Ida Mood Festivals, einer Basisinitiative, die von Narvas textiler Tradition inspiriert ist. Das Projektteam beschäftigt sich mit Themen der nachhaltigen Mode und schafft einen Raum, in dem junge Designer*innen und Anwohner*innen zusammenkommen. Ida Mood untersucht, wie Mode ausdrucksstark und zeitgemäß sein kann, ohne dabei ethische und ökologische Grundsätze aus den Augen zu verlieren. Das Festivalprogramm umfasst Modenschauen mit estnischen Designer*innen, Vorträge und die „Swap Party“, einen offenen Kleidertausch, bei dem Kleidungsstücke ein zweites Leben erhalten und Mode zu einem Medium für Dialog, Experimente und ein Umdenken in Bezug auf Konsum wird.

Diese Beispiele sind nur ein Teil eines umfassenderen Wandels, der sich in der estnischen Modeszene vollzieht. Während die groß angelegte Textilproduktion der Vergangenheit angehört, wird sie zunehmend als Teil des professionellen und kulturellen Erbes des Landes angesehen. Auf dieser Grundlage entstehen neue Ideen, Initiativen und Bildungsmodelle, die eine alternative Vision von Mode entwickeln, in der Kreativität auf Verantwortung trifft und Praktikabilität Ausdruckskraft nicht ausschließt. Designer*innen, Studierende, Forschende und Aktivist*innen treiben diesen Wandel voran: Sie entwickeln nachhaltige Ansätze, tauschen Wissen aus und setzen diese in die Praxis um.

Bei nachhaltiger Mode geht es jedoch nicht nur um die berufliche Praxis. Es geht auch darum, wie wir im Alltag mit unserer Kleidung umgehen. Manche Menschen kaufen bewusst ein und suchen sich nur das aus, was sie wirklich brauchen. Andere pflegen ihre Kleidungsstücke, verlängern deren Lebensdauer, reparieren sie oder geben sie weiter. Und manche unterstützen diejenigen, die Mode auf Respekt aufbauen – auf Respekt vor der Arbeit, vor den Ressourcen, vor der Urheber*innenschaft – und vermeiden den Kauf von Marken, die auf Ausbeutung und einer um jeden Preis auf die Masse ausgerichteten Produktion basieren.

Nachhaltigkeit in der Mode ist kein Trend. Es ist eine Art, aufmerksam zu sein – gegenüber uns selbst, gegenüber anderen, gegenüber dem Planeten.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Jugendzeitschrift Narvamus aus Narva im Rahmen des von der EU kofinanzierten Projekts PERSPECTIVES für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. >>> Mehr über PERSPECTIVES


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