Noch vor wenigen Wochen hätten sich nur wenige die Welt in einer solchen Lage vorstellen können. Während wir des Konflikts in der Ukraine gewahr werden, sehen wir den Schmerz der Verzweiflung und des Leids. Das Umgehen einer nuklearen Katastrophe fesselt uns an das Prinzip der Liminalität.
Niemand kennt das Ausmaß dessen, was vor uns liegt. Aber sicher ist, dass wir, während wir einen Strom von Menschen beobachten, die Grenzen überqueren, auch den Körper in Gefangenschaft erleben: außerhalb der vergänglichen Freiheit, eingeschlossen, unfähig wegzugehen oder sich zu bewegen. Es ist eine zutiefst traurige und traumatische Vergegenwärtigung von Stillstand.
Ein Moment der Stille
In der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie, als etliche von uns sozial distanzierte Stubenhocker wurden und alles stillgelegt werden musste, war so vieles unbekannt. Angst griff um sich, und Isolation war allerorts. Offenbar schnellten zu jenem Zeitpunkt Google‑Suchanfragen nach den Wörtern „liminal“, „Liminalität“ und „liminale Räume“ in die Höhe. Der Anthropologe Victor Turner und die Anthropologin Edith Turner beschreiben mit Liminalität einen Übergang, eine Schwelle, bei der die allgemeinen Regeln alltäglicher Anforderungen nicht mehr greifen. Es ist ein Moment des Durchatmens und der Besinnung, ein Moment der Stille und vielleicht vor allem ein Moment, in dem die Zeit angehalten wird. Innerhalb dieses Rahmens möchte ich Beispiele von Tänzerinnen und Tänzer erörtern, die sich in ihrer Bedrängnis in diesen Zwischenraum begeben und richtungweisende Begegnungsorte für Erkundungen und Entdeckungen eröffnet haben.
Wir können die Bedrohungen, denen wir gegenüberstehen, nicht unbedingt herunterspielen, aber unsere Aufgabe während der gegenwärtigen Herausforderungen, bei denen sich die Geschichten des Körpers, des Traumas und der Emotion überschneiden, muss sein, durch unsere schöpferische Arbeit oder im Mikrokosmos unserer einfachsten Handlungen grundsätzlich Sinn zu stiften. Wozu uns dieser Augenblick befähigt hat, ist, zu entschleunigen, zuzuhören, mit der Kraft dieser strukturierten Ruhe mitzuschwingen und sich des Innehaltens und der Erneuerung bewusst zu werden, welche die Möglichkeit zum Wandel bieten.