Handabdruck eines Neantertalers © Hipolito Collado

Der Neandertaler in uns

Als der „moderne Mensch“ von Afrika aus Europa und Asien besiedelt, trifft er auf die anderen Menschenformen, die damals dort leben.

Der Neandertaler lebt - in uns! Durch die Entwicklung modernster Untersuchungsmethoden konnten Svante Pääbo und sein Team nachweisen, dass Reste der archaischen DNA noch heute im modernen Menschen zu finden sind.

In manchen Regionen leben diese nahen Verwandten lange Zeit neben- und miteinander – und haben nachweislich auch gemeinsame Kinder. Einige der Gene, die der Homo sapiens dabei von Neandertalern und Denisovanern aufnimmt, erweisen sich als sehr nützlich und bleiben bis heute erhalten.
Zwei Beispiele: Eine von drei Frauen in Europa hat heute eine genetische Form des Rezeptors für das Hormon Progesteron, die von Neandertalern stammt. Diese Frauen haben weniger Fehlgeburten – und somit im Durchschnitt mehr Kinder. Die Menschen in Tibet haben von den Denisovanern eine besondere Genvariante geerbt. Sie beschränkt den Hämoglobin-Gehalt im Blut und macht so das Leben in den extremen, sauerstoffarmen Höhenlagen wohl erst möglich.

Karte mit Begegnungen zwischen Neandertalern und "modernen Menschen" haben ihre Spuren in der DNA heutiger Menschen hinterlassen. © Stefan Fichtel / ixtract für Max-Planck- Gesellschaft Die Sprache der Neandertaler
Wissenschaftler*innen gehen heute davon aus, dass auch die Neandertaler sprechen können. Zumindest haben sie die anatomischen Voraussetzungen dafür: Die Analyse eines kleinen, 60.000 Jahre alten Knochens zeigt, dass das Zungenbein beim Neandertaler ähnlich geformt ist wie beim heutigen Menschen. Und am Zungenbein setzen viele Sehnen und Bänder an, die für die Beweglichkeit der Zunge sorgen. Auch die Gene, die für das Sprechen notwendig sind, sind bei Neandertalern schon vorhanden. Auf jeden Fall können die Neandertaler komplexes Wissen an ihre Artgenossen weitergeben. Das zeigen viele ihrer Fähigkeiten, zum Beispiel das Herstellen fein ausgearbeiteter Werkzeuge, der Einsatz von Feuer oder die gemeinsame Jagd auf große Tiere.
  Die Anatomie des Zungenbeins © Sebastian Kaulitzki / Alamy Stock Foto
Die Anatomie des Zungenbeins (hier rot) spielt eine wichtige Rolle beim Sprechen.

Die ersten Künstler
Lange Zeit gelten die Neandertaler als schwerfällig und nicht sehr intelligent – vielleicht, weil sie im Vergleich zum Homo sapiens einen gröberen Körperbau haben. Aber nicht nur der „moderne Mensch“ kann abstrakt denken und Kunstwerke erschaffen: Bereits vor mehr als 64.000 Jahren bemalen Neandertaler Höhlen im heutigen Spanien. Diese Kunst aus roten und schwarzen Farbpigmenten besteht aus Linien, Punkten, Scheiben und Handabdrücken. Dazu müssen die Macher dieser Kunstwerke eine Lichtquelle planen, Farbpigmente mischen und eine passende Wand auswählen. Die Fähigkeit, abstrakt zu denken und Kunstwerke zu schaffen, wird lange nur dem „modernen Menschen“ zugetraut. Nun wissen wir, dass auch Neandertaler so etwas können.

 © Hipolito Collado Dieser Handabdruck eines Neandertalers in der Maltravieso-Höhle im Westen Spaniens ist um die 66.000 Jahre alt und damit mindestens 20.000 Jahre älter als die frühesten Spuren des „modernen Menschen“ (Homo sapiens) in Europa.

Eine neue Verwandte
Ein winzig kleiner Teil eines Fingerknochens sorgt im Jahr 2010 für eine wissenschaftliche Sensation. Johannes Krause und Svante Pääbo sequenzieren am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig DNA aus einem winzigen Stück eines 70.000 bis 80.000 Jahre alten Fingerknochens. Er stammt aus der Denisova-Höhle im Süden Sibiriens. Die große Überraschung: Das Mädchen, von dem das Knöchelchen stammt, gehört zu einer bislang völlig unbekannten Menschenform, die heute als Denisova-Mensch bezeichnet wird. 2012 gelingt es mithilfe der weiterentwickelten paläogenetischen Methoden, das komplette Genom des Mädchens zu entschlüsseln. Für die Erforschung der Menschheitsgeschichte ist das ein wichtiger Schritt. Denn der Denisova-Mensch entwickelt sich genau wie auch der Neandertaler und der „moderne Mensch“ aus dem Homo erectus – und ist somit deren nächster Verwandter.
  Fingerknochen © Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Die Denisova-Höhle stellt sich als eine einzigartige archäologische Fundstätte heraus. Wahrscheinlich wohnten hier vor etwa 280.000 Jahren schon Menschen.
 
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