Renaissance der Religion?

Die Zukunft des Christentums

Papst Benedikt XVI. bei seiner Ankunft an der Kirche Sankt Pantaleon in Köln beim Weltjugendtag 2005; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpaweb Papst Benedikt XVI. bei seiner Ankunft an der Kirche Sankt Pantaleon in Köln beim Weltjugendtag 2005; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebÜber die Zukunft zu sprechen ist für einen Wissenschaftler ein riskantes Unterfangen. (…) Eine Prognose hinsichtlich der Zukunft der Religion hatte bis vor wenigen Jahren in Wissenschaft und Öffentlichkeit eine fast unangefochtene Stellung; es war die Prognose einer aus dem Charakter der Modernisierung sich mit innerer Notwendigkeit ergebenden, irreversiblen und radikalen Säkularisierung.

Unklar war meist nur, was dieser Begriff genau bezeichnen sollte, den Niedergang von Kirchenmitgliedschaft etwa oder der Teilnahme an religiösen Ritualen oder individuellen Glaubens schlechthin oder bloß den Rückzug des Glaubens ins Private, wo immer dieses sich genau befindet. Aus vielen guten Gründen, über die hier nicht zu reden ist, hat diese Prognose an Plausibilität neuerdings stark verloren – so stark sogar, dass viele jetzt umgekehrt von einer "Wiederkehr der Religion" oder "der Götter" oder von einer "postsäkularen Gesellschaft" reden – alles Bezeichnungen, die mir ein fälschliches Verschwinden der Religion in der Vergangenheit zu unterstellen scheinen und die zudem den eingetretenen Wandel übertreiben. Auch wer es wünscht, dass der Glaube gestärkt wird, sollte hier klaren Kopf behalten. Gewandelt haben sich vorerst nur Aufmerksamkeitsstrukturen, vor allem der Medien, und eine Balance der Kräfte im intellektuellen Leben. Eine Schwächung der Vorstellung fortschreitender Säkularisierung eröffnet zwar gewiss Chancen für den Glauben, die aber erst noch genutzt werden müssen. Ebenso müssen wir, was die Diagnostik und Prognostik betrifft, die Säkularisierungsthese erst noch durch plausiblere Szenarien religiöser Zukunft ersetzen.

Milieuauflösung und Herausbildung eines überkonfessionell christlichen Milieus

Professor Hans Joas; Copyright: Universität ErfurtMeine empirisch-soziologischen Bemerkungen, die natürlich nur Aspekte des Gegenstands betreffen, habe ich unter drei Stichworte gebracht: Milieuauflösung, implizite Religion und Globalisierung des Christentums. In aller Kürze: In zahlreichen Arbeiten wurde schon die Situation der Christen in der Bundesrepublik Deutschland durch den Kontrast zwischen geschlossenen politischen und lebensweltlichen Milieus einst und einer angeblichen weitgehenden Individualisierung heute dargestellt. An dieser konventionellen Sicht ist sicher viel Wahres, aber ich möchte sie doch in einigen Aspekten korrigieren. Eine wichtige Studie über "Religiöse Sozialisation, konfessionelle Milieus und Generation" zeigt etwa anhand der Stadt Köln zwei bemerkenswerte Befunde. Zwar erschwert in der Tat die Auflösung konfessioneller Milieus den Familien die Weitergabe des Glaubens. Die tatsächliche Abnahme dieser Weitergabe scheint die Erwartung auch zu bestätigen, dass die Familien angesichts dieser Schwierigkeit häufig unterliegen. Berücksichtigt man aber unterschiedliche Grade der Intensität der Religionsausübung, ergibt sich ein anderes Bild.

Höhere Tradierungserfolge

Dann nimmt der Erfolg der Glaubensweitergabe in diesen Fällen sogar zu. Die Gruppe der stark Religiösen ist also zwar kleiner geworden, hat aber höhere Tradierungserfolge. Die Rolle der Konfession nimmt hierbei allerdings ab. Das heißt, die Trennungslinie verläuft immer weniger zwischen den Konfessionen und ihren Milieus und immer mehr zwischen Christen und Nicht-Christen. Dies wird durch Daten über das Heiratsverhalten bestätigt. Es gibt also durchaus Anzeichen für ein weiterbestehendes, kleiner gewordenes, aber vitales und in Hinsicht auf Überkonfessionalität im Entstehen begriffenes christliches Milieu in Deutschland. Um dies wahrnehmen zu können, müssen wir freilich bedenken, dass heutige Milieus sich weniger durch räumliche Konzentration auszeichnen als früher, weil Telefon und Transportmittel Kontakt und Koordination auch über Entfernungen hin erleichtern. Das verschwindende "katholische" Milieu sollte zudem nicht retrospektiv verklärt werden. Es war ja gerade in Deutschland gar nicht ganz freiwillig zustande gekommen, sondern hatte sich in der Defensive gegen Modernisierung, Protestantismus, Nationalismus, Liberalismus und säkularistische Arbeiterbewegung konstituiert. Es war Teil einer "Versäulung" der deutschen Gesellschaft, wie man in Anlehnung an die Verhältnisse in den Niederlanden gesagt hat, d.h. einer Abdichtung der Milieus gegeneinander.

Milieuwandel

Diese Versäulung galt, solange sie bestand, zu Recht als Hindernis für die Entwicklung einer nationsübergreifenden demokratischen politischen Kultur in Deutschland; entsprechend wurde der Brückenschlag zwischen den Milieus, die Auflösung der Versäulung weithin mit Erleichterung aufgenommen, als sie in den 1960er Jahren begannen. Gerade das katholische Milieu hatte intellektuell und kulturell stagnative Züge. Es war in Deutschland zudem durch den Nationalsozialismus hindurchgegangen, dem gegenüber es sich keineswegs als immun erwiesen hatte. Politischer Autoritarismus und xenophobische kulturelle Homogenität waren dem Milieu eigen, das Karl Rahner als "Trachtenvereinskatholizismus" gekennzeichnet hatte – eine Bezeichnung, die für mein Empfinden den Nagel auf den Kopf traf. Man muss nur an die Rhetorik des "Politischen Aschermittwoch" in Vilshofen oder Passau denken, um zu verstehen, was ich meine. Doch auch über die politischen Ausdrucksformen des deutschen Protestantismus, seine Staatshörigkeit etwa, die sich seit der Gründung des Bismarck-Reiches immer mehr nationalistisch auflud, und den Antikatholizismus, den viele ehemalige Protestanten bewahren, auch wenn sie sich von ihrem protestantischen Glauben längst verabschiedet haben, ließe sich viel Unfreundliches sagen. Die Frage für die Zukunft darf deshalb nicht einfach sein, wie Milieus stabilisiert oder gerettet werden können, als wäre gesellschaftliche Desintegration die notwendige Folge von Milieuwandel. Die Frage muss vielmehr sein, wie Werte in solchem Milieuwandel auf neue Weise weitergegeben werden und auch durch neue Erfahrungen neu entstehen können. Manchmal werden Werte und Glaube ja vielleicht gerade deshalb schlecht weitergegeben, weil sie in ein Milieu gleichsam eingesperrt sind. Die Großartigkeit der Botschaft des Evangeliums ist manchem im Milieukatholizismus eher aus den Augen geraten.

Implizite Religion

Pilger begrüßen Papst Benedikt XVI. während seiner Schiffstour auf dem Rhein beim Weltjugendtag am 18.08.05; Copyright: picture-alliance / Sven SimonMein zweites Stichwort "implizite Religion" bezieht sich auf die vielfältigen Formen von Werthaltungen und Praktiken, die für Betroffene "Letztbezug und Höchstrelevanz" (Detlef Pollack) haben. Der Begriff zielt damit auf all das, was man als Religion bezeichnen kann, was aber sich nicht selbst so bezeichnet, sowie auch was sich selbst so bezeichnet, aber von anderen nicht wirklich als Religion akzeptiert wird. Mit der Abnahme kirchlich gebundener Religiosität stieg das Interesse der Forschung an "außerkirchlichen Formen religiöser Orientierungen, in neuen religiösen Bewegungen, New Age Psychokulten, Okkultismus, Spiritismus oder kultischen Milieus (…), Neo-Sannyas-Bewegung, im neugermanischen Heidentum, der Bachblüten-Therapie, im Energie-Training, in der Zen-Meditation oder in der "kleinen Welt" der Bodybuilder, der fremden Welt der Wünschelrutengänger und Pendler, im Selbst- und Weltbild "postmoderner" Jugendlicher oder gar im Fußballkult, in der Unterhaltungsmusik" oder in politischen Bewegungen und politischen Religionen, wie Eric Voegelin die totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts nannte. (…) Quantitativ ist die Lage eindeutig: Die kirchlichen Verluste werden nicht durch Zugewinne andernorts ausgeglichen – so könnte man die Lage in Europa kennzeichnen; in den USA wiederum spielt sich der Wandel zu individualistischer Spiritualität eher in den Religionsgemeinschaften ab als außerhalb von ihnen und gegen sie. Dennoch darf all dies keine Ignoranz gegenüber Formen und Tendenzen frei vagierender Religiosität ebenso wie der so genannten Kasualfrömmigkeit rechtfertigen.

Die Globalisierung des Christentums

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Kock, der Landesbischof Johannes Friedrich der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, sowie der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick (l-r) in der Bayreuther Sankt Georgen Kirche, 2003; Copyright: picture-alliance / dpaMein drittes Stichwort lautet "Globalisierung des Christentums". Es ist für die Religionsdiagnose der Gegenwart unbedingt nötig, eine globale, d.h. nicht-eurozentrische Perspektive einzunehmen. Schon die These, das 19. Jahrhundert sei ein Zeitalter der Säkularisierung gewesen, hat ja nur für Europa partielle Gültigkeit; in den USA nahm die Kirchenmitgliedschaft in dieser Zeit absolut und relativ kontinuierlich zu, und in der übrigen Welt gab es die verschiedensten Entwicklungen, nur eine nicht: Säkularisierung. In Afrika breiteten sich Christentum und Islam durch missionarische Aktivitäten stark aus; in Asien und der islamischen Welt nahmen die religiösen Traditionen die Herausforderung des Christentums und der europäischen Macht in den verschiedensten Weisen auf. Selbst diejenigen unter den heutigen Sozialwissenschaftlern, die an der Vorstellung von den säkularisierenden Wirkungen der Modernisierung weiterhin festhalten – wie der bekannte Wertewandel-Forscher Ronald Inglehart – kommen jetzt insofern zu einer anderen Prognose der religiösen Lage der Welt, als sie die demographische Seite der Entwicklung stärker in Rechnung stellen. Wenn nämlich, so argumentieren sie, Säkularisierung negativen Einfluss auf die Bevölkerungsreproduktion hat, während zumindest traditionelle religiöse Orientierungen unter heutigen Bedingungen zu rapider Bevölkerungsvermehrung führen, dann wird der Anteil religiöser Menschen an der Weltbevölkerung in jedem Fall, trotz aller angenommenen Säkularisierung also, dramatisch steigen. Und dies gilt selbstverständlich noch mehr, wenn wir wie ich – gegen Inglehart – sogar die Säkularisierungsthese selbst für falsch halten und ihr eine Unterschätzung der religiösen Vitalität in den fortgeschrittenen Gesellschaften vorwerfen. Erstaunlicherweise wird von manchen (z.B. Samuel Huntington) der demographische Faktor praktisch nur auf den globalen Islam, aber nicht auf das globale Christentum bezogen. Dabei sind viele der am schnellsten wachsenden Nationen ganz oder stark christlich geprägt. Man denke nur an Brasilien, Uganda oder die Philippinen, deren Bevölkerung sich seit 1975 fast verdoppelt hat.

Rapide Ausbreitung des Christentums

Einige dieser Länder werden bis 2050 erneut eine Verdopplung oder mehr erfahren, was die Rangfolge der Staaten auf der Welt hinsichtlich ihrer Bevölkerungszahl völlig verändern wird. Dabei ist die Demographie nicht die einzige Ursache für die rapide Ausbreitung des Christentums in der Welt. Entgegen den Erwartungen der Kritiker des Kolonialismus, die das Christentum als Implantat des Westens ohne Zukunft in fremder Umwelt betrachteten, begann eine rapide Ausbreitung des Christentums in Afrika auch durch massenhafte Konversionen erst recht nach Ende der Kolonialherrschaft. Schätzungen besagen, dass gegenwärtig in Afrika pro Tag 23.000 Menschen zur Zahl der Christen hinzukommen – durch Geburt, aber auch zu mehr als einem Sechstel durch Konversion. Der christliche Anteil an der afrikanischen Bevölkerung ist von 1965 bis 2001 von 25 auf 46 % gestiegen. Sicher sind Religionsstatistiken nicht extrem zuverlässig; aber zumindest die Trendaussagen scheinen unbestreitbar. Auch in Asien gibt es erstaunliche Erfolgsgeschichten des Christentums, am spektakulärsten wohl in Südkorea. Über die religiöse Zukunft Chinas will ich nicht spekulieren, aber zumindest in Teilen Chinas und unter den Auslandschinesen gibt es eine beträchtliche Attraktivität des Christentums. In Lateinamerika ist der Siegeszug der Pfingstbewegung und protestantischer Sekten offensichtlich mehr als ein kurzlebiges Phänomen. Diese spielen vor allem auch für Frauen eine große Rolle, weil sie sich von ihnen eine "Reformation des machismo" versprechen. In globaler Perspektive besteht also keinerlei Grund, zweiflerisch nach den Überlebenschancen des Christentums zu fragen. Es sieht vielmehr eher so aus, als seien wir Zeitgenossen einer der intensivsten Ausbreitungsphasen des Christentums in seiner Geschichte überhaupt.

Diese Entwicklungen werden die Christen in Europa in vielfältiger Weise betreffen. Wahrscheinlich stehen wir, was die katholische Kirche betrifft, an der Schwelle einer fundamentalen Kräfteverlagerung. In der anglikanischen Kirche ist diese bekanntlich schon eingetreten. Hier gibt es massive Spannungen hinsichtlich Glaubensverständnis und Glaubenspraxis zwischen den Weltteilen, neuartige Bündnisse über Entfernungen hinweg und Spaltungstendenzen. Es ist extrem schwierig, aus Tendenzen der letzten Jahrzehnte die Zukunft zu extrapolieren. Das Wachstum der Pfingstbewegung dürfte sich – so meine Ansicht – abschwächen; die großen Kirchen werden sich aber in Konkurrenz dazu stärker "charismatisieren". Das Verhältnis des wachsenden Christentums zum ebenfalls global wachsenden Islam kann, abhängig von weltpolitischen Konstellationen, extrem verschiedene Formen annehmen. Durch Migrationsbewegungen wird die religiöse Intensität der "Dritten Welt" auch in der "Ersten Welt" immer präsenter sein. Migration bedeutet heute zudem nicht mehr Abbruch der Einbettung ins Heimatland, sodass wir von Wirkungen auch in umgekehrter Richtung ausgehen dürfen.

Die falsche Gleichsetzung des Christentums mit Europa

Kölner Dom; Copyright: Stadt Köln/Foto: Rudolf BartenAll dies wird die Gleichsetzung des Christentums mit Europa oder dem Abendland oder dem Westen weiter lockern. Historisch gesehen war diese ja immer schon problematisch gewesen. Weder war Europa je so homogen christlich, wie es eine romantische Sichtweise gerne gehabt hätte, noch war das Christentum in seinen ersten Jahrhunderten vornehmlich in Europa verankert. Ein afrikanischer Beobachter hat insofern völlig treffend die gegenwärtige Globalisierung des Christentums eine "renewal of a non-Western religion" genannt. Wie wenig dies vielen bisher verständlich ist, darf ich vielleicht mit einer Anekdote erläutern. Bei der Vorbereitung seines gerade erschienenen Buches über Papst Benedikt XVI. interviewte mich ein bekannter deutscher Journalist; dabei stellte er mir die Frage, ob der Papst der neue Meinungsführer der westlichen Welt sei. Meine Antwort, dass der Papst kein Sprecher des Westens sei und dies auch nicht sein solle, wurde von ihm prompt so missverstanden, als spräche ich dem Papst die Bedeutung für den Westen ab. Doch der Papst ist der wichtigste Repräsentant des Christentums und nicht des Westens, und dass das Christentum sehr viel mehr ist als der Westen, wird in den nächsten Jahren unübersehbar werden.

Herausforderung für die Glaubensweitergabe

Alle drei Tendenzen – Milieuauflösung, vagierende Religiosität, Globalisierung des Christentums – stellen Herausforderungen für die Glaubensweitergabe und das intellektuelle Selbstverständnis des Glaubens in unserer Zeit dar. Wenn der Nexus zwischen dem Glauben und homogenen Sozialmilieus sich lockert, wenn der Glaube sich in Konkurrenz mit einer Vielzahl teils säkularer, teils vage religiöser Weltanschauungen und Lebenspraktiken befindet, wenn der Glaube neu angeeignet wird in der Welt außerhalb des schon lange christlich geprägten Kulturkreises und unter Bedingungen massenhafter Armut und Entwurzelung – in all diesen Fällen muss das Christliche von unbemerkten Partikularismen befreit und neu artikuliert werden. Darin stecken auch beträchtliche intellektuelle Herausforderungen.

Das Christentum kann sich heute intellektuell nur verständlich machen – das ist meine Erfahrung und meine These – wenn ihm die Übersetzung in die Gegenwart in ganz elementarer Weise neu gelingt. Wir müssen auch mit den Mitteln der Geschichte und Sozialwissenschaften erst wieder ein Verständnis dafür schaffen, was mit dem Heiligen gemeint ist und seiner Präsenz, was mit Transzendenz und was mit Erlösung, mit Prophet, Messias und Überwindung der Opferdynamik, um dadurch den Grund neu zu legen für ein Verständnis der Kernaussagen des christlichen Glaubens.

Die zukünftige Rolle der Religionsgemeinschaften in Europa

Christen beim Gebet; Copyright: ColourboxAus dieser Skizze religiöser Tendenzen und intellektueller Herausforderungen für den Glauben ergeben sich Punkt für Punkt Folgerungen hinsichtlich der zukünftigen Rolle der Religionsgemeinschaften in Europa:

  1. Wenn meine These zutrifft, dass wir gegenwärtig Zeugen der Herausbildung eines überkonfessionell christlichen Milieus in Deutschland sind, also Schrumpfung der konfessionellen Milieus nicht die vollständige Beschreibung religiösen Milieuwandels ist, dann erhöht dies die Bedeutung des ökumenischen Dialogs und der ökumenischen Zusammenarbeit. Eine Profilierung der christlichen Kirchen gegeneinander verliert damit immer mehr ihre Abstützung in entsprechenden separierten Milieus; sie kann deshalb vermutlich immer weniger mit der Billigung der Gläubigen rechnen. (…)
  2. "Implizite Religion" kann aus der Perspektive des Christentums als unglaubliche Simplifizierung, als Verzicht auf einen jahrtausendelang aufgehäuften Schatz an Weisheit und Umgangserfahrung mit dem Göttlichen, als Verlust von Transzendenz und als narzisstische Egozentrik erscheinen. Sie kann aber auch als eine Vielfalt von Anknüpfungspunkten für die Kirchen wahrgenommen werden, die durchaus Chancen und spirituelle Herausforderungen darstellen. (…) Solche Anknüpfungsversuche und -angebote dürfen natürlich nicht opportunistisch das Eigene unter Wert verschleudern. Es wird durchaus auch konflikthaft um die Rettung der Transzendenz gegenüber den Tendenzen zu einer Detranszendentalisierung in impliziten und auch expliziten Religionen der Gegenwart gehen. Aber jede solche Anknüpfung an Erfahrungen und Deutungen ist auch eine produktive Herausforderung zur Neuartikulation des Eigenen. Wenn es zutrifft, dass Konkurrenz das religiöse Leben intensiviert, dann muss die Herausforderung zur Konkurrenz mit Engagement angenommen werden.

    Wichtiger interreligiöser Dialog

  3. Die Globalisierung des Christentums und eine durch Migration verstärkte religiöse Vielfalt in Europa erhöhen die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und der Kooperation der christlichen Kirchen mit nicht-christlichen Religionsgemeinschaften. Weder der ökumenische noch der jüdisch-christliche Dialog sind bisher an ihr Ziel gelangt; ganz unübersehbar aber stellt sich jetzt als Aufgabe mit höchster Priorität der Dialog der abrahamitischen Religionen. Die politische Aufladung des Islam in der Gegenwart kann zu Islamophobie führen, die dieser großen Religion nicht gerecht wird, ja sogar Stereotypen des christlichen Antijudaismus jetzt auf den Islam überträgt. Selbstverständlich sind genauso gefährlich antijüdische und antichristliche Zerrbilder, die von Moslems geglaubt werden. Eine zentrale Stelle in diesem Dialog scheint mir dabei die christliche Lehre vom dreifaltigen Gott einzunehmen. Was aus moslemischer Perspektive wie ein Rückfall in den Polytheismus erscheinen mag, muss für die Christen Anlass zur Reflexion auf die Tiefe der eigenen Gotteskonzeption sein. Es meldet sich auch bereits die nächste große Aufgabe jenseits des "abrahamitischen" Dialogs, nämlich die Verständigung mit den Formen süd- und ostasiatischer Religiosität.
  4. Zusätzlich zu diesen Formen interreligiösen Dialogs stellen sich die Aufgaben einer intellektuellen Auseinandersetzung mit den Formen säkularistischer Rationalität. (…) Wo die Frage nach den Religionsgemeinschaften im Mittelpunkt steht, wird es vornehmlich darum gehen, den Sinn von "Kirche" unter Bedingungen einer vorherrschend individualistischen Sichtweise neu zu artikulieren. (…) Es ist vielleicht die entscheidende Zukunftsfrage, ob es gelingt, diesem Gedanken von der Kirche heute Kraft zu geben trotz Schrumpfungsprozessen und umfassender Individualisierung.
Hans Joas
Der Soziologe Prof. Dr. Hans Joas ist Dekan am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität. Er ist ständiges Mitglied im "Committee on Social Thought" der University of Chicago und ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften Berlin- Brandenburg.
Den vollständigen Text über Die Zukunft des Christentums, vorgetragen auf dem Evangelischen Kirchentag am 9.6.2007, finden Sie unter: http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2632

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April 2008

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