Renaissance der Religion?

Studie „Youth In Europe“: Europas Jugend ist weniger säkular als allgemein angenommen

Copyright: picture-alliance / GodongCopyright: picture-alliance / GodongWelchen Einfluss hat die Religion auf die Lebensgestaltung junger Menschen? Wie wirkt sich die Religionszugehörigkeit auf ihre Wertorientierung aus? Gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Religionen? Eine Forschergruppe um den Würzburger Religionspädagogen Hans-Georg Ziebertz ist diesen Fragen nachgegangen.

Religiös orientierte Lebenseinstellung weit verbreitet

Für ihre Studie Youth in Europe 3 befragten die Wissenschaftler zwischen 2002 und 2004 insgesamt 10.000 Jugendliche in neun europäischen Ländern und Israel (Anm.: bei dieser Zählung wurde die Türkei zu den europäischen Ländern dazugezählt). Dabei konzentrierten sie sich auf die Altersgruppe der 16- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler. Das gewährleiste, so Projektleiter Ziebertz, eine gute Vergleichbarkeit der Befragungsdaten. „Unser Interesse war aber auch, gerade die jungen Menschen zu befragen, die durch ihren Bildungsstand das künftige Europa entscheidend mitprägen könnten.“

Ein erstes überraschendes Ergebnis aus der Befragung: Die meisten jungen Menschen haben eine religiös orientierte Lebenseinstellung. Zwar spielt die Lehre der großen Religionsgemeinschaften für ihre Religiosität eine eher untergeordnete Rolle; insgesamt ist Europas Jugend jedoch weniger säkular als allgemein angenommen. „Die Gruppe derjenigen, die sich deutlich zu ihrer Kirche oder Religionsgemeinschaft bekennt, ist relativ klein“, fasst Hans-Georg Ziebertz zusammen. „Doch der Gedanke, dass es einen Schöpfer, eine höhere Macht im Hintergrund gibt, ist unter Jugendlichen weit verbreitet.“

Deutliche Unterschiede bei den Facetten der Religiosität

Copyright: picture-alliance/ dpaWas die Facetten der Religiosität angeht, gibt es zwischen den einzelnen Ländern deutliche Unterschiede. So bezeichnet sich im westlichen Teil Europas nur ein kleiner Teil der Befragten als religiös im engeren Sinn. Entsprechend gering ist hier der Einfluss der Religion auf die Lebensgestaltung: Religiöse und nicht-religiöse Jugendliche unterscheiden sich in Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden nur wenig. Wer sich selbst als religiös bezeichnet, tendiert zwar stärker zu Werten wie Gleichheit und Gerechtigkeit und richtet sein Leben weniger materialistisch aus. Von gegenläufigen Lebenskonzepten könne man aber nicht sprechen, so Ziebertz.

Wesentlich größer ist der Einfluss der Religion in den traditionell katholischen Ländern wie Polen, Kroatien oder Irland – über Dreiviertel der Befragten bezeichnen sich hier als im engeren Sinn religiös – und auch in Israel und der Türkei hat die Religion große Bedeutung für das Leben junger Menschen.

Einfluss der Eltern

Das liegt auch an der religiösen Erziehung: Die Studie hat einen klaren Zusammenhang zwischen elterlichem Einfluss und der Religiosität der Kinder nachgewiesen. Demnach sind Jugendliche, die von ihren Eltern religiös erzogen werden, nicht nur selbst religiöser als ihre Altersgenossen. Ihre Religiosität ist auch traditioneller ausgerichtet, stärker angelehnt an die Formen und Strukturen der jeweiligen Religionsgemeinschaft. So sind über die Hälfte der jungen Israelis und mehr als Dreiviertel der Türken der Ansicht, dass ihre heiligen Schriften, die Tora und der Koran, als authentisches Wort Gottes zu lesen seien. In Deutschland, wo nur rund 14 Prozent der Befragten angaben, religiös erzogen worden zu sein, teilen nur 19 Prozent diese Sicht.

Interessant ist ein Vergleich der Länder, in denen die Jugendreligiosität am stärksten ist, hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Strukturen. So sind Polen, Israel und die Türkei jeweils recht junge Demokratien mit einem ausgeprägten Nationalstolz. Gleichzeitig ist die religiöse Landschaft eher einheitlich: Der Katholizismus in Polen, der Islam in der Türkei und die jüdische Religion in Israel haben quasi staatsreligiösem Charakter. Es liegt also nahe, zwischen den gesellschaftlichen Bedingungen und der Bedeutung der Religion im Leben junger Menschen einen Zusammenhang zu vermuten.

Multireligiöses Modell bevorzugt

Copyright: picture-alliance / GodongGestützt wird diese Theorie durch eine andere Erkenntnis aus der Studie: In allen Ländern außer Polen, Israel und der Türkei bevorzugen Jugendliche in der Beziehung der Religionen untereinander ein multireligiöses Modell. Während also etwa junge Schweden oder Deutsche der Meinung sind, alle Weltreligionen seien gleichwertig und auf denselben Gott bezogen, ist diese Haltung in den drei genannten Ländern nicht konsensfähig. Vielmehr sind junge Menschen in Polen, Israel und der Türkei der Überzeugung, ihre Religion sei die einzig wahre.

„Mix von Nationalkultur und Religion“ ausschlaggebend

Diese Einstellung schlägt sich auch in nicht-religiösen Lebensbereichen wieder. „In den Ländern, in denen die gesamte Kultur stark religiös geprägt ist, bedingen sich natürlich Religion und gesellschaftspolitische Vorstellungen wechselseitig“, so Ziebertz. So hätten stark religiös geprägte Jugendliche generell größere Schwierigkeiten mit einem modernen Meinungspluralismus – und zwar unabhängig davon, welcher Religion sie angehörten. Mit durchaus negativen Begleiterscheinungen: In Ländern, deren religiöse Praxis und Kultur insgesamt einen hohen Ideologiegehalt aufweist, sind fremdenfeindliche Einstellungen und die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen stärker akzeptiert als in säkular geprägten Ländern.

Eine direkte Abhängigkeit von religiöser und politischer Einstellung will Jugendforscher Ziebertz allerdings nicht konstatieren. Es komme immer auch auf den gesellschaftlichen und persönlichen Kontext an, auf den spezifischen „Mix von Nationalkultur und Religion“ (Ziebertz). Die Statistik gibt ihm Recht. Gut 11 Prozent der jungen Muslimen in der Türkei sagen, sie seien unter Umständen bereit, Gewalt gegen Sachen und Personen anzuwenden. Befragt man aber in Deutschland lebende junge Türken, äußern sich nur noch 7,6 Prozent gewaltbereit.

Michael Birgden
ist Theologe und Journalist

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August 2008

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