Kulturelles Leben

Die Zärtlichkeit der Mameloschen

Nizza Thobi; Copyright: Nizza Thobi
Nizza Thobi; Copyright: Nizza Thobi
Nizza Thobi
MP3, 1:51 Min.
Mameloschen, Muttersprache, wurde das Jiddische liebevoll von den osteuropäischen Juden genannt. Der Erinnerung an diese jiddische Kultur widmet Nizza Thobi, ein kleine, temperamentvolle Frau mit wunderbar sanft rauchiger Stimme, ihre musikalische Arbeit.

1947 in Jerusalem als Kind sephardischer Juden geboren, kommt sie schon früh mit der deutschen und jiddischen Kultur in Berührung. Viele ihrer Lehrer sind emigrierte deutsche Juden, die in den Schulen Heine und Goethe lesen. Ihre Nachbarn und auch ihre Mutter sprechen jiddisch, das sie wunderbar findet, obwohl sie es nicht versteht. „Die Sprache ist so saftig“, sagt Nizza Thobi, „man fühlt, man kann sie singen“. In ihr entsteht die Sehnsucht mehr zu erfahren: über die deutsch-jüdische Geschichte und ihre brutale Zerstörung, über die Menschen, die in der Mameloschen Zeugnis der vernichtenden Gewalt ablegten, aber auch ihre Träume und Hoffnungen artikulierten. So geht Nizza Thobi auf die Reise: von Jerusalem nach Berlin, von dort nach München, das zu ihrer Wahlheimat wird. Im Gepäck ihre Liebe zu Jiddisch und Deutsch und den Wunsch, diese Neigung zu teilen.

Frau Thobi, Ihre CD Gebojrn in a sajdn hemdl ist eine Hommage an die jiddische Sprache. Genauer gesagt eine Hommage an die Mameloschen, die Muttersprache. Ruth Klüger hat einmal geschrieben, dass sie aus ihrer Muttersprache – dem Deutschen - vertrieben wurde, aber sich ihrem Bann nie entziehen konnte, weil sie die Sprache der Intimität ist.

Ja natürlich, die Muttersprache hat eine Grundbedeutung für jeden Menschen, sie klingt uns besonders vertraut. Es ist leider so, dass sehr große Dichter der jiddischen Kultur, die nach Israel emigrierten, wie zum Beispiel Itzik Manger - er stammte aus Czernowitz und war der große Dichter der jüdischen Ballade - nicht mehr schreiben konnten. Mangers Kunst blühte in Israel nicht mehr auf. Das war eine sehr schmerzliche Erfahrung; er konnte nur in seiner Muttersprache Kunst schaffen.

Man muss sich das immer wieder vorstellen: Jiddisch war die Muttersprache von 12 Millionen Menschen, es war eine der wichtigen Weltsprachen. Ich kann Jiddisch und Deutsch auch gar nicht trennen, für mich sind sie immer miteinander verbunden, weil Jiddisch zu 70 Prozent Deutsch ist. Jiddisch hat seine Wurzeln im Mittelhochdeutschen und ist eine Fundgrube für Germanisten. Leider bekommen heute viele Versuche, die Sprache zu beleben, so eine folkloristische Note. Da findet überhaupt keine Auseinandersetzung statt, das mag ich nicht.

Aber was mich fasziniert ist, dass die Juden Osteuropas Zuflucht in der Kunst gesucht haben. Trotz Hunger und Todesangst - sie wussten, dass es keinen Weg zurückgibt - haben sie noch geschrieben; auf kleine Zettel, auf ein Stückchen Papier. Dieser Wille etwas zu hinterlassen, mit der Hoffnung, dass das nicht vernichtet wird und so die Erinnerung bewahrt bleibt.

Vielleicht ist das auch eine Erklärung, warum ein Volk, das so oft ohne Heimat war, nicht verschwand: Diese enge, beinahe religiöse Beziehung zur Sprache. Der Buchstabe ist heilig.

Viele der Lieder und Gedichte, die Sie interpretieren, sind am Abgrund der Shoah in den Ghettos entstanden und daher oft nur noch in Bruchstücken vorhanden. Es gibt nur noch Spuren, denen Sie folgen können. Wie gestalten Sie diese Spurensuche?

Cover `Gebojrn in a sajdn hemdl´; Copyright: David Records
Gebojrn in a sajdn hemdl
MP3, 1:28 Min.
Diese Spurensuche übt einen ganz großen Reiz auf mich aus. Manchmal finde ich nur eine kleine Notiz irgendwo. Und dann denke ich: Oh, da ist ein Lied, das niemand singt. Ich brauche ein Lied, das ich am Anfang gar nicht verstehe. Wenn ein Lied ganz leicht ist, dann interessiert mich das nicht. Ein Lied oder ein Gedicht ist ja nicht nur ein Text. Ich versuche mich in den Autor einzufühlen, ich übersetzte das Gedicht ins Hebräische, ins Deutsche, um es zu besser zu verstehen. Ich versuche möglichst viel über das Leben derjenigen Autoren herauszufinden, die verschwunden sind, die ermordet wurden. Ich suche Photos und wühle in Bibliotheken. Manchmal dauert das Monate oder sogar Jahre, bis man irgendetwas findet. Das ist eine Riesenarbeit.

Ihre neue CD ist als Reise von Wilna nach Jerusalem betitelt. Sie folgen den Lebenswegen deutscher und osteuropäischer jüdischer Künstler. Häufig war dies ja eine erzwungene Reise, die tiefe Wunden geschlagen hat. Ihre CD vermittelt aber auch den Eindruck eines Aufbruchs.

Ich beginne in Wilna - Wilna war sehr jüdisch - und gehe von dort nach Jerusalem. Jeder Israeli hat einen Bezug zu Wilna, ob er es wahrnimmt oder nicht. Von hier kam der große Hebraist Eliezer Ben Jehuda, der die hebräische Sprache modernisierte und die ersten hebräischen Wörterbücher herausgab. Die erste Ausgabe wurde übrigens von Langenscheidt in Berlin gedruckt. Man kann die Geschichte nicht erklären, wenn man nicht den Weg zeigt.

Ich mache auch einen kleinen Seitensprung nach Amerika, aber das ist wirklich nur ein Seitensprung. Natürlich war der Aufbruch oft erzwungen und oft heilt die Wunde gar nicht. Ich versuche von dieser Wunde zu erzählen, die die Leute haben. Man sieht das sehr deutlich bei Jehuda Amichai. Er ist für mich der bedeutendste israelische Schriftsteller. Amichai wurde in Würzburg geboren und konnte rechtzeitig mit seinen Eltern 1935 emigrieren. Er war 11 Jahre alt und hatte eine Sandkastenfreundin, Ruth, die nicht emigrieren konnte. Noch mit 75 Jahren hat er ein Gedicht für Ruth geschrieben und ich habe dieses Gedicht vertont. Er beschreibt darin seine Schuldgefühle des Überlebens. Seine eigene quälende Ambivalenz zwischen Erinnern und Vergessen kommt sehr stark in einer Zeile dieses Gedichts zum Ausdruck: "Und ein Koffer ist da, der zurückkommt und wieder verschwindet und wiederkehrt." Bis zu seinem Tod blieben diese Schmerzen und diese Ambivalenz.

Sie sagen, der Koffer spielt bei Jehuda Amichai eine große Rolle. Er ist ein Symbol für Verlust und Vertreibung, aber auch für Bewahrung. Öffnen Sie in Ihren Konzerten diesen Koffer und lassen das Publikum einen Blick hineinwerfen?

Ja, der Koffer ist beides. Auf jeden Fall auch ein Symbol für die Bewahrung eines Stückchens Identität. Aber ich muss ganz stark betonen, dass es nicht mein Koffer ist. Es ist der persönliche Koffer von Menschen, in den ich versuche hineinzuschauen. Ich darf, denke ich mir, schon reinschauen, um zu untersuchen, was geblieben ist. Denn dann leben diese Menschen weiter, wenn wir über sie reden. Das versuche ich in meinen Konzerten. Ich kommentiere jedes Lied und porträtiere die Autoren, so dass das Publikum weiß, worum es geht. Auf diese Art kann man in einem Konzert einen Faden spinnen, und das Publikum erfährt sehr viel mehr, als wenn es ein Buch in der Hand hält. Singen ist sehr viel emotionaler.

Das Interview führte Martina Weibel
Sie lebt und arbeitet als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2007

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