„Von Kant führt kein Weg zu den Sex Pistols“ – Thomas Hecken zu Philosophie und Popkultur

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hatte die Philosophie für die Popkultur allenfalls Verachtung übrig. Um so triviale Gegenstände wie Rock, Punk und Rap, Werbung, Film und Fernsehen zu untersuchen, musste die Philosophie erst von der Kanzel der deutschen idealistischen Ästhetik herabsteigen. Heute hat sie mehrere Zugänge zur Popkultur, erläutert Dr. Thomas Hecken im Interview für Goethe.de.Herr Hecken, was verstehen Sie unter Popkultur und warum sollten sich Philosophen damit beschäftigen?
Zur Popkultur zählen Andy Warhol und Lady Gaga gleichermaßen, James Bond wie Jean-Luc Godard, McDonalds wie Gucci. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Oberfläche über die vermeintliche Tiefe stellen, synthetische Images herstellen, technologische Künstlichkeit über die Naturschönheit setzen und das Dekorative hoch schätzen. Zweifellos braucht sich die Philosophie darum nicht zu kümmern, allerdings um den Preis, an der Gegenwart nicht teilzuhaben.
Während Popkultur jugendlich und flüchtig ist, so ist Philosophie ein Diskurs, der schon über Jahrhunderte gepflegt wird. Was verbindet beide?
Immerhin kommen aus der Philosophie, vor allem aus der Sozialphilosophie, viele wichtige Begriffe, die das Reden über Popkultur lange bestimmt haben: Masse, Subkultur, Oberfläche. Die direkteste Verbindung besteht heute nicht darin, dass einige Autoren es mit Lebenshilfebüchern oder Öko- oder Moralfibeln auf die Bestsellerlisten schaffen. Wichtiger ist, dass die Abneigung Nietzsches gegen die Tiefe und die ästhetische Interesselosigkeit eine – anti-hermeneutische – Philosophie geprägt hat, die ihre Vorbilder genauso in Warhol wie in Foucault findet.
„Adorno schätzte die Marx Brothers“
Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt haben sich amerikanische Kunstkritiker und Philosophen mit Popkultur auseinandergesetzt. Warum hinkten deutsche Philosophen so lange hinterher? Und worin liegt hierzulande der besondere Zugang?
In Deutschland ist Philosophie mit humanistischer Bildung sowie einer Ästhetik und Kunst eng verschwistert, die das Reizvolle zugunsten idealisierter oder strenger Form ablehnt. Von Kant führt kein Weg zu den Sex Pistols.
Wenn es heute überhaupt einen besonderen deutschen Zugang zur Popkultur geben sollte, dann kann es sich wohl nur um Theodor W. Adornos Auftrag handeln, jene Pop-Artefakte aufzuspüren, die Widerspruch gegen das Allgemeine, gegen das Schema, gegen den Selbstzwang einlegen. Adorno glaubte zwar nicht daran, dass sich so etwas in einer Zeit kulturindustrieller Vorherrschaft noch finden lasse, aber – freilich – auch Adorno schätzte die Marx Brothers.
Versöhnung von Philosophie mit Demokratie
Was leistet hier die Philosophie, was andere Disziplinen, wie beispielsweise die Soziologie oder die Musikwissenschaft nicht leisten können?
Die philosophische Disziplin der Ästhetik, die über Sinnlichkeit und Oberflächlichkeit nachdenkt, muss soziologische, funktionale Analysen und wissenschaftliche Formanalysen notwendigerweise ergänzen. Und auch wenn es nicht mehr darum gehen kann, von privilegierter, philosophischer Warte den Wert oder Unwert eines Kunstwerks festzulegen, kann eine philosophische Begriffsgeschichte gute Dienste leisten, die zeigt, mit welchen unterschiedlichen Begriffen Phänomene der Popkultur ab- oder aufgewertet wurden.
Inwiefern musste sich die Philosophie selbst ändern, damit sie Gegenstände wie Blechbüchsen, Comics, Fernsehserien und Popsongs als Kunstwerke ansah und darüber debattierte?
Wie der amerikanische Pragmatismus vormachte, musste sich die Philosophie mit der Demokratie – genauer: mit der Auffassung, dass auch der Ungebildete ästhetische Erfahrungen macht – versöhnen. Und sie musste sich von der Idee verabschieden, dass Philosophen ihre Arbeit nur angemessen verrichten können, wenn sie sich über kanonisierte oder avantgardistische Werke beugen.
Kein Vertrauen in die „Masse“
Popkultur und Kommerz sind aufs Engste miteinander verflochten. Die Frankfurter Schule stand Popkulturphänomen äußerst kritisch gegenüber. In ihren Augen kann Popmusik nicht als spontaner künstlerischer Ausdruck von unten gesehen werden, sondern als Verführung der Massen von oben. Warum sind Sie nicht der Ansicht, dass Popkultur zur Verblendung der Massen beiträgt?
Bin ich das nicht? Auch wenn mir Worte wie „Verblendung“ tatsächlich nicht über die Lippen kommen: Vertrauen auf den künstlerischen Ausdruck der „Massen“ habe ich keines. Wichtiger scheint mir aber, dass der viel gefährlichere Nationalismus sowohl ein Eliten- wie ein Massenphänomen ist – und dass solcher Nationalismus auch weitgehend unabhängig von der Popkultur gedeiht.
Popmusik als Kommerz-Vehikel
Rechte Gruppierungen umgarnen seit einiger Zeit die Jugendlichen mit Rockmusik. Ist das kritische Potenzial der Popmusik erschöpft?
Popmusik galt im Laufe ihrer Geschichte nur selten als links, viel öfter als kapitalistische Verführung, als Motor der Flucht in private oder kommerzielle Freizeitwelten. Was einmal als links an der Musik galt – ihr starker Hedonismus, ihr jugendlicher Aufbruchswille –, stellt sich heute zudem eher als ihr liberaler Grundzug dar.
Sobald bildungsbürgerlicher Konservatismus in rechten Szenen nichts mehr gilt, kann Pop-, besser: Rockmusik darum natürlich auch den Rechten als angemessener ungebärdiger Ausdruck dienen, vorausgesetzt, die angenehm-sinnlichen Momente der Musik weichen aggressiven Anteilen. Das kritische Potenzial der Popmusik kann folglich nur von denen als erschöpft angesehen werden, die es zuvor massiv überschätzt haben.
führte das Interview. Er studierte Philosophie, Romanistik, Staatsrecht und Rechtsphilosophie und arbeitet als freier Journalist für Bildung und Wissenschaft in Bonn.
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September 2011
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