Philosophie und Ethik in Deutschland

Soziologie sickert in den Alltag ein – Martina Löw im Interview

Martina Löw; Foto: privat Hat die Soziologie seit den Debatten der 1970er- und 1980er-Jahre an Bedeutung verloren? Goethe.de sprach mit Martina Löw, der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), darüber, wie präsent die Soziologie in unserem Alltag tatsächlich ist.

Frau Professor Löw, der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) in diesem Jahr steht unter dem Thema „Vielfalt und Zusammenhalt“. Da denkt man unwillkürlich an die in gewissen Abständen wiederkehrenden „Leitkultur“-Debatten in Deutschland. Dieser Begriff trifft ja bei vielen Bürgern einen Nerv, vor allem in der Sorge um gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was wir verloren haben, ist das Gefühl einer klar definierten Mitte in unserer Gesellschaft. Eine „Leitkultur“ ist ein Versuch, ein Mittel gegen die Unsicherheit zu finden. Dabei gibt es diese symbolische Mitte einfach nicht. Wir können sie nicht einmal mehr als Fiktion aufrechterhalten. Aber die neu gefühlte Vielfalt ist unsere eklatante Chance. Weil die gesellschaftliche Homogenität schon immer eine Illusion war. Jetzt müssen wir uns mit der Realität auseinandersetzen.

Welche konkreten Auswirkungen hat das?

Es stellt sich jetzt die Frage: Was heißt Politik, wenn man nicht mehr weiß, welche die eine Hauptgruppe ist, die man repräsentiert? Schauen Sie auf die Politikverdrossenheit: Diese Diskussion ist überfällig!

Wie entsteht in den heutigen hochdifferenzierten Gesellschaften noch so etwas wie Zusammenhalt?

Zusammenhalt entsteht in modernen Gesellschaften gerade aus der Differenzierung – also, wir haben ja nicht mehr die Idee, dass alle gleich sein müssen, dass Zusammenhalt wie bei einem Stamm aus der Gleichheit entsteht. Sondern unser ganzes Leben funktioniert heute arbeitsteilig und dadurch sind wir aufeinander angewiesen. Zusammenhalt entsteht aus dieser Abhängigkeit voneinander.

Also produziert die Vielfalt den Zusammenhalt?

Genau! Man kann zum Beispiel durchaus sagen, dass eine Megacity in all ihrer Vielfältigkeit so etwas wie einen Zusammenhalt herausbilden kann. Vor hundert Jahren haben wir darüber diskutiert, ob man sich mit Großgebilden wie Chicago überhaupt identifizieren kann – heute ist Chicago vielfach gewachsen und man kann sich immer noch damit identifizieren. Es ist ein Lernprozess: Zusammenhalt in einer Stadt braucht nicht Homogenität, sondern nur eine bindende Idee, auf die man aufbauen kann, und eine bindende Struktur.

Eine Stadt zwingt uns in ihren Rhythmus

Cover des Buches „Soziologie des Städte“; © SuhrkampEine Art bindender Idee ist ja auch die von Ihnen untersuchte „Eigenlogik der Städte“. Ihrer Meinung nach ist es kein Zufall, dass viele Menschen zum Beispiel Frankfurt am Main vor allem mit Bankern und Finanzkapital assoziieren?

Die Eigenlogik der Stadt Frankfurt beinhaltet eine starke Kultur der Effizienz, dazu gehören zum Beispiel auch klar geregelte Zeit- und Geldverhältnisse. Und das spiegelt sich im gesellschaftlichen Diskurs über die Stadt, der dieses Denken befördert.

Beeinflusst die Eigenlogik einer Stadt die in ihr lebenden Menschen?

Ja, eine Stadt legt uns ihre Weltsichten nahe und sie zwingt uns in ihren Rhythmus. Sie können nicht schneller laufen als das Tempo der Bewohner einer Stadt. Kopenhagen zum Beispiel ist einer der Spitzenreiter in Schnelligkeit – was man ja eigentlich gar nicht erwarten würde. Außerdem legen Städte uns auch bestimmte Konventionen nahe. Innerhalb der kleinen Einheit Stadt führt das zu einer Homogenisierung, aber auf regionaler oder bundesdeutscher Ebene zu einer Heterogenisierung innerhalb der Identitätskonstruktion „deutsch“.

Also ist „deutsch“ nie gleich „deutsch“

Ja, „das Deutsche“ ist nicht so homogen, wie das vielfach gedacht wird. München hat unter Umständen mit einer Stadt in Südamerika mehr gemein als mit Berlin oder einer anderen deutschen Stadt. Deshalb glaube ich auch, dass wir an dieser Stelle nicht weit kommen mit Großkonstrukten wie „Europa“ und „Südamerika“.

Das Konzept der Globalisierung relativiert ja schon seit geraumer Zeit in zunehmender Weise die Ideen von „Nationalstaaten“ und damit auch von „Gesellschaft“.

Ja, denn Gesellschaften sind einfach umfassender als das die bisherige Identifikation von Gesellschaften mit Nationalstaaten vermuten ließ. Trotzdem glaube ich nicht, dass der Gesellschaftsbegriff ganz obsolet ist – auch, wenn das an mancher Stelle diskutiert wird. Vielleicht gibt es tatsächlich bessere Begriffe. Aber das müssen wir einfach weiter diskutieren, nicht nur in der Soziologie, sondern wir alle. Denn: Versuchen Sie einmal, ein beliebiges Alltagsgespräch ohne den Gesellschaftsbegriff zu führen.

Das Verbindende der Soziologie ist die gemeinsame Frage

Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie, der Sie vorstehen, zählt ganze 36 Sektionen – darunter viele der sogenannten „Bindestrich-Soziologien“ wie Europa-Soziologie, Raumsoziologie, Sportsoziologie, Religionssoziologie … Wo ist bei all dieser Vielfalt hier der Zusammenhalt?

Die Verbindung ist die gemeinsame Frage nach der sozialen Ordnung unseres Zusammenlebens: Wie kommt sie zustande? Das kann man bei der sozialen Ordnung im Sport fragen oder auch in Bezug auf Krieg. Insofern ist es immer gut, wenn die Sektionen miteinander ins Gespräch kommen: Wenn die Sportsoziologie mit der Arbeitsgruppe Kriegssoziologie zusammenarbeitet, kann das zu erstaunlich neuen Erkenntnissen führen.

Ein Kritikpunkt gegenüber der heutigen Soziologie lautet, sie sei zu selbstreferenziell geworden: Ihr Kollege Ulrich Beck nannte das vor einiger Zeit „wissenschaftlichen Autismus“. Sollte sich die Soziologie wieder mehr einbringen, so wie in den 1970er- und 1980er-Jahren?

Tatsächlich bringt sich die Soziologie in vielen Formaten ein, die jedoch leider nicht (mehr) als Soziologie klassifiziert werden. Sie finden Unmengen soziologischer Erkenntnisse in den Feuilletons, in der Berichterstattung und den Kommentaren: Dort wird über „Globalisierung“ und „Individualisierung“ gesprochen, aber man sagt halt nicht mehr „Soziologie“ dazu. Im Gegensatz dazu ist bei der Ökonomie der Gegenstand viel stärker von unserem Alltag getrennt, da wissen wir: Hier handelt es sich um ökonomisches Wissen. Ich habe also nicht den Eindruck, die Soziologie sei nicht präsent. Im Gegenteil: Soziologie sickert so selbstverständlich in den Alltag ein, dass wir sie nicht mehr als solche wahrnehmen.

Am diesjährigen Soziologiekongress in Bochum nehmen knapp 2.000 Fachkolleginnen und -kollegen teil. Was erhoffen Sie sich von diesem „Come-together“?

Ich wünsche mir viele Ergebnisse zu der Frage: Mit welchen neuen Vielfalten haben wir es zu tun? Wo sind die Probleme, die Herausforderungen, und wo sind die Chancen und Möglichkeiten? Wie kann Zusammenhalt neu gedacht werden? Und ich wünsche mir, dass das der interkulturell organisierte Kongress wird, als den wir ihn geplant haben. Und dass wir dort streiten. Ich glaube, im Streit können wir uns am besten weiterentwickeln.

Martina Löw ist Professorin für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind die Raum- und Stadtsoziologie, Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Soziologische Theorie. Zu ihren wichtigsten Publikationen zählen Soziologie der Städte (2008) und (gemeinsam mit Renate Ruhne) Prostitution – Herstellungsweisen einer anderen Welt (2011).

Der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) findet zum Thema „Vielfalt und Zusammenhalt“ vom 1. bis zum 5. Oktober 2012 in Bochum statt, ausgerichtet von der Ruhr-Universität Bochum und der Technischen Universität Dortmund. Erwartet werden rund 2.000 Soziologinnen und Soziologen, darunter namhafte Persönlichkeiten wie Richard Sennett, Agnes Heller, Armin Nassehi, Renate Mayntz und Elisabeth Beck-Gernsheim. Diesjähriges Gastland ist die Türkei.
Fabian Kroll
stellte die Fragen. Er ist Theologe, Philosoph und Religionswissenschaftler und arbeitet beim Goethe-Institut im Bereich Wissenschaft und Zeitgeschehen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2012

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland