Dossier: Die Zukunft von Mensch und Technologie

Die Zukunft von Mensch und Technologie, Teil V: Friedhelm Mennekes SJ

Friedhelm Mennekes; Copyright: Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt GeorgenDer Seelsorger und Theologe Friedhelm Mennekes SJ im Gespräch mit Tobias Hülswitt und Roman Brinzanik.
(Frankfurt, 26. Mai 2009)

Kunst, Religion, Wissenschaft

Tobias Hülswitt: Pater Mennekes, als der bekannte „Kunst-Pater“ und Kurator der Kunst-Station St. Peter zu Köln haben Sie sich immer wieder intensiv mit dem Verhältnis von Religion, Kunst und Wissenschaft zur menschlichen Sterblichkeit beschäftigt.

Friedhelm Mennekes: Für unser Gespräch ist das brisanteste Beispiel die Installation des Künstlers Gregor Schneider mit dem Titel Kryo-Tank (2006). Konzeptionell stand sie damals im Grenzbereich dieser drei kulturellen Systeme: Religion – Wissenschaft – Kunst. Die Kunst stellt darin auf ihre Weise die Fragen nach Tod und Sterben des Menschen und bereitet sie in zwei Positionen für den Betrachter auf, so dass er sich zwischen ihnen orientieren kann. Die eine Position ist das Werk selbst. Es ist ein circa drei Meter hoher, nachgebauter Kryo-Tank, mit Flüssigstickstoff gefüllt. In Kalifornien kann man sich so ein Ding bei einer Agentur »mieten«, um dort gleich nach dem Tod seinen Körper oder sein Gehirn einzulagern und nach physikalischen Gesetzen einzufrieren. Nach einer bestimmten Zeit werden bei weiterem wissenschaftlichen Fortschritt im Rahmen der Kryonik die eingelagerten Substanzen wieder zum Leben erweckt und zu ihrer ursprünglichen Identität und körperlichen Ganzheit zurückgeführt – so die Verheißung. Ihr Kern: Eine Neuerweckung zu einem Leben nach dem, was wir Tod nennen.

Behälter zur Konservierung von biologischen Objekten, zum Beispiel Zellen oder Organen, bei tiefen Temperaturen.

Hülswitt: Und die Gegenposition?

Die andere Orientierung für den Betrachter ergibt sich aus der Kontrastierung im Raum der Kirche: Die Ausstellung wurde am Vorabend von Allerseelen in einer vollen Kirche eröffnet. Voraus ging ihr die Feier eines lateinischen Requiems. Das Verlesen einer sehr langen Liste von namentlich genannten Toten, deren Leben so in Erinnerung gerufen wurde, ersetzte die Predigt. Der christliche Glaube weiß um das Leben der Toten bei Gott, und jeder erhofft es jeweils auch für sich. Aber dieses Leben ist ein anderes als das, was der Kryo-Tank verheißt. Im Rahmen der Ausstellung entstanden Gesprächskreise, die sich mit diesen unterschiedlichen Hoffnungen befassten. Es ging um „letzte“ Fragen und deren Bewältigung. In der Gegenüberstellung formte die Kunst die eigenen, existenziellen Positionen. Es ging um alte Antworten und neue Sichten. Aber auch um die Offenheit, neue Antworten nicht gleich abzulehnen, sondern ihnen standzuhalten – auch im Blick auf ein gemeinsames Verstehen. Die Frage ist doch: Wie kann ich in einer komplexeren Welt als komplexeres Individuum zu einer komplexeren Moral finden? Größere Möglichkeiten erfordern auf der anderen Seite auch größere Selbstbeschränkung. Das ist der Punkt.

Grenzen des Fortschritts

Roman Brinzanik: Gibt es eine Grenze, die der Fortschritt nicht überschreiten sollte? Gibt es so etwas wie eine natürliche Ordnung?

Die katholische Kirche und ihre Tradition sind von der Vorstellung eines Naturrechts und einer Schöpfungsordnung bestimmt. Ich konnte dem nie folgen, zumal ich oft das Gefühl habe, dass diese Haltung eine notwendige Kommunikation blockiert, bis hin zu einer Art Denkverbot. Es ist immer falsch, etwas zum Tabu zu erklären. Man muss im Diskurs bleiben. Ich glaube an den Wert des offenen Denkens, auch wenn nicht gleich ein Ergebnis herauskommen kann. Und ich glaube auch daran, dass in Dissonanz und Distanz Sinn liegt. Es gibt geistige Bindungen und persönliche Gewissheiten. Daher ist es möglich, dass jemand sagt, ich habe bleibende Einwände und Reserven, ich kann diese oder jene Position nicht teilen. Nicht alles ist möglich. Und nicht alles Mögliche ist menschlich verträglich.

Brinzanik: Das Forscherteam um den Genom-Pionier Craig Venter hat jüngst in einem Aufsehen erregenden Experiment die vollständige und blanke DNA eines Bakteriums, also quasi nur seine Software ausgetauscht gegen die DNA einer anderen Bakterienart und jenes erfolgreich in die andere Spezies umprogrammiert. Und man erwartete, dass die gleiche Forschergruppe im Jahr 2010 verkünden würde, sie habe ein komplett synthetisch hergestelltes – gleichwohl abgeschriebenes – Genom in einer lebenden Bakterie installiert und in diesem Sinne künstliches Leben hergestellt. Dies ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum langfristigen Ziel der Synthetischen Biologie, DNA mit sinnvollen Informationen neu zu beschreiben und neuartige Lebensformen, etwa künstliche Bakterien oder Pflanzen zu kreieren. Bei solchen Perspektiven kommt oft die Reaktion: „Das darf man nicht, denn man darf nicht Gott spielen!“

Soweit ich das verstehe, hat ein solches Operieren am Ende etwas im Blick, was den Menschen reduziert. Er wird zum Konstrukt rationalisiert, zurückgestutzt auf seine körperlichen und physikalischen Funktionen. Der Mensch ist aber mehr als ein chemischer Apparat. Das Transrationale bleibt dabei auf der Strecke. Deshalb habe ich gegenüber solcher Forschung meine dauernden Bedenken.

Brinzanik: Venter hat das ja an Bakterien durchgeführt, nicht an Menschen.

Was für den allgemeinen Lebensbegriff gilt, ist auch für den menschlichen richtungsweisend. Und ich habe meine Bedenken, ob man das menschliche Leben bedenkenlos manipulieren soll. Partielle Körperfunktionen machen es nicht aus. Es muss immer in der Frage stehen, ob einzelne Veränderungen der Ganzheit des Menschen, seiner physischen und geistigen Mitte dienlich ist, seinem Ichbewusstsein, seinem Herzen, seinem menschlichen Lieben und Leiden. Ich bleibe grundsätzlich skeptisch. Eine rationalisierte Sicht auf den Menschen bedeutet für mich immer die Gefahr der Eingrenzung auf ein beengtes und geschlossenes System, in das man dann eingezwängt wird. Gleichwohl bin ich aber nicht für irgendein Denk- und Forschungsverbot.

Ethik

Brinzanik: Dennoch sind Wissenschaftler manchmal erstaunt über das große Misstrauen, das ihnen entgegengebracht wird, denn sie haben selbst die fast missionarische Überzeugung, etwas sehr Sinnvolles und für die Menschheit Nützliches zu tun. Wie sehen Sie das? Wie kann Religion hier und heute zu einer Ethik des Wissens beitragen?

Der methodische Kernsatz des modernen, cartesianischen Denkens heißt in der Formulierung von Hugo Grotius „etsi deus non daretur“, also so zu fragen und zu forschen, „als gäbe es keinen Gott“. Wenn Forschung in diesem Sinne rücksichts- und vorbehaltlos sein muss, führt sie zu reinem Rationalismus – egal ob in der Philosophie, in Politik und Wirtschaft oder in der Jurisprudenz. Die Folgen eines solchen Denkens sind heute nicht zu übersehen, denken Sie nur an den aus den Fugen geratenen, grenzenlosen Kapitalismus, den verabsolutierten Fortschrittsglauben und die politischen Ideologien inklusive der Systeme, die aus ihnen hervorgegangen sind. Erfolg und Gewinn und Ruhm und Macht haben sich als Maßstäbe des Handelns herausgebildet. Was soll da die Religion? Kann sie mehr sein als eine Bedenken tragende alte Tante?

Brinzanik: Was ja nichts per se Schlechtes ist. Was hätte die alte Dame denn zu sagen?

Nun, ich denke, Religion lebt von einem Impuls, vom Gottesverdacht. Sie dreht den Kernsatz von Hugo Grotius um: „Etsi deus daretur“ – das bedeutet, so zu denken, „als gäbe es Gott“. Als gäbe es einen lebendigen Gott, vor dem der Mensch zur Verantwortung gezogen wird, um es einmal moralisch oder ethisch zu formulieren. Als gäbe es eine Instanz, vor der der Einzelne sein Handeln reflektieren muss: Was bringt dein Handeln? Nutzt es anderen? Nutzt es dem Leben? Mehrt es die Freiheit? Die Gerechtigkeit? Den Respekt voreinander? Denke und handle ich „etsi deus daretur“, transformiert sich die Frage nach dem rein materiellen Nutzen von allein. – Der Mensch braucht Gott nicht unbedingt, um verantwortlich in dieser Welt zu leben. Der Glaube aber nährt eine optimistische Einstellung zur Welt, eine Freude und Gelassenheit, die den Menschen von der fixen Idee befreit, dass alles und jedes nach seinen Vorstellungen und seiner Kontrolle abzulaufen hat. Der Glaube schenkt eine kreative Verantwortung, die sich von Gott inspiriert weiß.

Bio-Autoren

Hülswitt: Könnte man sagen, dass die Bioingenieure Autoren im wahrsten Sinne des Wortes sind? Das lateinische „auctor“ bedeutet ja sowohl Autor als auch Schöpfer. Der Künstler schafft nicht im Sinne von Schöpfung, aber der Bioingenieur kann das heute.

Es kommt darauf an, was Sie unter Schöpfung verstehen. Wenn Sie das autonome Herstellen von Vorstellungen, Bildern, Umständen, Dingen und so weiter meinen, erschaffen beide, der Künstler wie der Bioingenieur, etwas Neues, ja. Aber ob das schon Schöpfung ist? Die amerikanische Künstlerin Kiki Smith geißelt diese Auffassung als „typisch männlichen Schöpferwahn“.

Hülswitt: Nehmen wir einmal den aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlichen Fall an, dass es den Naturwissenschaften tatsächlich gelänge, den Tod abzuschaffen. Welche Funktion bliebe dann der Religion?

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Religion für Ihre Verheißungen von neuen Voraussetzungen auszugehen hat, wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse freisetzt. Also die unwahrscheinliche, aber realisierte Utopie, dass der Tod nicht einträte: Darauf ist zu sagen, dass der biblische Glaube von einer Neuschöpfung „des Himmels und der Erde“ ausgeht. Damit geht die Hoffnung weiter: Gerechtigkeit, Friede, Barmherzigkeit, Vergebung ... und die Schau Gottes. Es geht um den „neuen Menschen“ und eine „neue Welt“. Der biblische Lebensbegriff arbeitet also mit einem weiteren Verständnis der Überwindung des Todes. Es geht über die Konturen dieses Lebens hinaus.

Brinzanik: Es gibt Langlebigkeitsbefürworter wie den Erfinder und Futurologen Ray Kurzweil, die meinen, wir hätten den Tod rationalisiert und akzeptiert, weil es bislang sowieso keinen Ausweg gab. Aber angenommen, es gäbe nun einen Ausweg?

Zunächst einmal wäre ich mit Kurzweil darin einig, dass beide, Religion und Wissenschaft, dem Menschen Wege aufzeigen, wie er mit Krankheit und Tod umgehen kann. Als Christ habe ich den Tod aber nicht als ein Ende vor Augen, sondern als ein Ereignis, das eine neue Lebenspräsenz in die Gegenwart bringt. Sie gibt mir die Kraft, im Tod stark zu bleiben und seiner zerstörerischen Macht zu widerstehen. In diesem Sinn steckt für mich im Tod immer auch eine Geburt. Ich sterbe zwar real, werde aber zugleich in Gott hinein neu geboren. Ich habe Teil an der Auferstehung Christi. Das freilich verstehe ich nicht als Ausweg. Für mich ist das lebendige Hoffnung – meine Zukunft.

Friedhelm Mennekes SJ, 1940 in Westfalen geboren, ist Jesuit und war Professor für Pastoraltheologie an der Philosophisch-theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt und Pfarrer an St. Peter zu Köln. Er lehrt unter anderem an der Universität Bonn und der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Seit 1979 kuratiert Friedhelm Mennekes Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum, vor allem in der Kunst-Station Sankt Peter Köln. Er hat zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen zwischen Kunst und Religion vorgelegt. Im Jahr 2002 erhielt er die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München.
Cover „Werden wir ewig leben?“; Copyright: Suhrkamp VerlagAuszug aus: »Denken, als gäbe es Gott – Kunst, Religion und der technische Fortschritt«, in: Werden wir ewig leben? – Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie, Tobias Hülswitt und Roman Brinzanik (Hg.), edition unseld, Berlin: Suhrkamp Verlag 2010

Copyright: Suhrkamp Verlag
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

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