Dossier: Die Zukunft von Mensch und Technologie

Die Zukunft von Mensch und Technologie, Teil VI: Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel; Copyright: Jerry Bauer/Suhrkamp-VerlagDer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hans-Ulrich Treichel im Gespräch mit Roman Brinzanik und Tobias Hülswitt.
(Berlin, 20. September 2009)

Vergänglichkeit

Tobias Hülswitt: Welche Bedeutung hat die Vergänglichkeit für Ihr Schreiben?

Hans-Ulrich Treichel: Ich habe sie immer als starke Bedrohung empfunden, einerseits. Dass man festhalten will, weil natürlich am Ende immer der Tod lauert als Zielstellung der menschlichen Zeit. Auf der anderen Seite habe ich aber auch gespürt, dass es etwas wie eine Sehnsucht nach vergehender Zeit gibt, eine Vergehenssehnsucht, Nostalgie nach vorne. Und das pendelt in meiner Wahrnehmung hin und her. Aber das Schreiben wiederum, und vor allem das Schreiben über das eigene Leben, ist natürlich auch ein Versuch, Lebensphasen und Empfindungsmomente zu fixieren, stillzustellen. Denn das gelingt einem ja zumindest scheinbar, dass man im Text das Vergangene und Vergehende festhält und zugleich neu beginnen lässt. Auf Seite 1 sozusagen. Und das entlastet von dem unerbittlichen Diktat der voranschreitenden Zeit.

Hülswitt: Man benutzt gerne Ausdrücke wie „Der Autor lässt das 17. Jahrhundert wieder auferstehen“ – aber das stimmt ja nicht. Das 17. Jahrhundert ist vorbei, und es wird auch niemand wieder lebendig, indem man über ihn schreibt. Mein Eindruck ist, dass es sich hier um eine sehr gut funktionierende Illusion handelt, die auch beruhigende Wirkung hat, aber nichts desto trotz ist das Vergangene fort und das Vergehen geht ungebremst weiter.

Wobei ich das selber in meiner eigenen Schreibpraxis viel enger dimensioniere. Wer weiß, vielleicht würde ich mich daran vergnügen können, einen historischen Roman zu schreiben, aber mein innerster Impuls ist nicht, irgendeine Epoche wieder auferstehen zu lassen. Sondern eigentlich sind es immer Selbstrettungen. Ganz egozentrisch funktioniert das. Nur auf mich selbst bezogen, auf meine Erfahrung. Dieser Unerbittlichkeit, der vergehenden Zeit etwas entgegenzusetzen – und sich aber auch fiktiv lustvoll in sie hineinzuschmeißen! Man beschreibt ja in fiktionalen Texten, in Variationen der eigenen Erfahrung einerseits Entfaltungsprozesse des Lebens, andererseits aber auch Vergehensprozesse. Es gibt nicht nur die Zeitdehnung, sondern auch die Zeitraffung. Was insgesamt aber heißt: Man macht sich zum Souverän über zeitliche Prozesse und über Lebenszeit. Und wenn es zudem Lebenszeit ist, die aus der eigenen Erfahrung herausgenommen ist, ist das natürlich eine reizvolle Angelegenheit. Denn diese Souveränität hat man sonst nie.

„Der Mensch ist von Natur aus künstlich“

Hülswitt: Ihr Vater trug eine Prothese.

Mein Vater war einarmig, kriegsversehrt, er trug eine künstliche Hand, und ich erinnere mich an die Situation, als ein Prothesenvertreter mit einer neuen Technik kam, durch die sich die Finger bewegen ließen. Irgendwie durch elektrische Impulse mit dem Armstumpf verbunden. Wir Kinder saßen am Tisch, als er das anprobierte, und dann machte es klack, klack, und die Finger gingen auf und zu, und wir Kinder sind schreiend aufgesprungen vor Schreck. Dieses Starre und Ungelenke – mein Vater hatte sich in einen Roboter verwandelt! Die ursprüngliche Prothese, die wir vom ersten Moment an an ihm kannten, war dagegen ja sozusagen seine Natur.

Hülswitt: Sie schreiben in einem Essay, dass diese ursprüngliche Prothese für Sie der einzig warme Körperteil des Vaters war.

Das stimmt. Zu dieser Hand hatte ich ein zärtliches Verhältnis. Sie war keine Schlaghand, daher drückte sich in ihr viel stärker ein angenehmes Persönlichkeitsmerkmal aus als in der lebendigen Hand. Und dann war sie aus dunklem Leder, also kein kaltes Plastik. Sie war der Teil des Vaters, der keine Angst auslöste.

Hülswitt: In den USA gibt es einen Biomechatroniker, der als Jugendlicher beide Beine verlor. In einem Radiointerview hörte ich ihn sagen, er habe heute ein innigeres Verhältnis zu seinen Prothesen als zu seinen natürlichen Gliedmaßen. Leuchtet Ihnen das ein?

Wenn man an den Satz von Helmuth Plessner denkt: „Der Mensch ist von Natur aus künstlich“ – so eine Einstellung könnte man auch zu sich selber haben, anstatt in Natürlichkeits-/Nichtnatürlichkeits-Kategorien zu denken. Zudem fangen die Austauschprozesse schon sehr früh an. Zum einen werfen wir immer etwas ab, Haare, Nägel, Schuppungen, die man vollzieht, und die erste Erfahrung prothetischer Dimension, die man macht, ist beim Zahnarzt, Füllungen. Plötzlich ist da fremdes Material in einem. Und dann kommt irgendwann die Brille, da wird es äußerlich. Im Prinzip ist es eine Frage der Abstufung. Bei den Zähnen ist es Konvention geworden, man vergisst es mit der Zeit. Wenn die Leute Stents haben, vergessen sie es vielleicht nicht so schnell, weil es ein größerer Schock, eine schlimmere Erkrankung ist als Karies. Aber es gibt bereits einiges an Technik und gegebenenfalls auch an Prothetik, was wir integrieren und wieder vergessen.

Stent: Medizinisches Implantat um Hohlorgane wie etwa Blutgefäße offen zu halten.

Brinzanik: In naher Zukunft ist ein Zustand denkbar, in dem die genetische Ausstattung des Kindes kein Lotteriespiel mehr ist, zum Beispiel durch Gentherapie an Keimzellen. Und neben der geschlechtlichen Fortpflanzung – der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle der Eltern und der zufälligen Neuanordnung des genetischen Materials im Kind – könnte sich das Klonen etablieren. Eine weitere neuartige Möglichkeit der Reproduktion wäre diese: Man denke sich zwei Frauen mit gemeinsamem Kinderwunsch, die eine gibt eine ihrer Eizellen, der anderen entnimmt man eine Hautzelle und reprogrammiert sie zu einer Spermie. Danach verläuft alles so, wie man es aus der künstlichen Befruchtung kennt. Da gibt es viele ethische Fragen und Bedenken, ganz klar, aber wären solche Techniken nicht auch eine Bereicherung?

Also ich würde da doppelt reagieren. Einerseits mit einem Entsetzen, natürlich, weil man sich da so eine Roboterwelt, eine Laborwelt vorstellt, andererseits aber, wenn man länger darüber nachdenkt, könnte man auch sagen, wenn man keinen unbefragten Natürlichkeitsbegriff hat, dann ist es eigentlich egal. Dieses Befremden meiner Existenz, auch meiner leiblichen Existenz gegenüber, das ich als Kind empfunden habe, wenn ich meine Hände angekuckt habe – das ist aber komisch, was soll das denn jetzt, fünf Finger sind da ... –, wenn ich dieses Befremden ernst nehme, wenn ich die konventionelle Ausstattung des Menschen nicht als unhinterfragbare Natürlichkeit akzeptiere, dann relativiert sich das Entsetzen.

Eine unendliche Perspektive

Brinzanik: Wie steht es mit Leiden als Stoff des Schreibens? Sie beschreiben beispielsweise in einem Ihrer Bücher, wie Ihr Vater an einem Herzinfarkt stirbt – solche Sachen werden gerade erforscht. Die Naturwissenschaften und die Biomedizin versuchen im Augenblick, genau diese typischen Leidensformen, die im Alter zum Tod führen, tatsächlich abzuschaffen und die Grenzen der Sterblichkeit immer weiter zu verschieben. Man könnte dann nicht mehr über den Herzinfarkt des Vaters schreiben.

Es wäre zumindest uninteressant, weil es keine Erfahrung mehr wäre. Tuberkulose war ein großes Thema in der Literatur, Syphilis hat Kulturgeschichte geschrieben. Das ist ja auch vorbei. Auch Leidenserfahrungen sind historischen Prozessen unterworfen. Aber ich habe keine Sorge, dass es nicht neue Leidensformen geben wird, die einen Anlass liefern, darüber zu schreiben. Und ich glaube nicht, dass die Leidquantität, die Angstquantität geringer geworden ist. Genauso wenig wie ich an diese Art Fortschritt glauben kann, der den Tod eliminieren will, die Unsterblichkeitsutopie. Sollte sie jemals real werden, dann müssten wir diesen Preis bezahlen, natürlich. Das wäre dann vielleicht das Ende der Kunst, das Ende der Literatur.

Hülswitt: Es gibt auch die gegenteilige Meinung, dass die Kunst nicht überflüssig würde, sondern immer besser, immer intensiver.

Das glaube ich nicht, weil sie, wenn wir die entscheidende Angst nicht mehr hätten, nur noch der Dekoration diente und kein Existenzial mehr wäre. Warum sollte sich jemand anstrengen, wenn diese Angst weg wäre? Und Künstler, echte Künstler, emphatisch gesagt, opfern ja sehr viel an Lebenszeit und Anstrengung für ihre Arbeit, ohne vorab den Ertrag zu kennen, und die Anstrengung ist in den meisten Fällen erheblich größer als der Ertrag, würde ich sagen. Und das, glaube ich, funktioniert nur deshalb, weil die Angst bohrt, die existenzielle Beunruhigung. Wenn die weg wäre, dann würde man neu tapezieren, aber man würde nicht mehr gegen seine Lebensangst respektive Todesangst kämpfen.

Brinzanik: In der Geschichte der Literatur lassen sich, wohl abhängig von Epoche und Zeitgeschehen, Tendenzen zu eher positiven oder eher negativen Utopien beobachten. wie die von Thomas Morus, Edward Bellamy oder George Orwell. Obwohl der technische und medizinische Fortschritt den Menschen seit dem 20. Jahrhundert immense Erleichterungen verschafft hat, fallen die Zukunftsvisionen in derselben Epoche überwiegend dystopisch aus, zum Beispiel in Huxleys „Schöne neue Welt“ oder zuletzt in Michel Houellebecqs „Die Möglichkeit einer Insel“, wo das Dasein der Klone sehr negativ besetzt ist. Warum eigentlich?

Es ist vielleicht die Einsicht, dass das Leben unmenschlich wird, wenn der Grundsatz „Alles, was besteht / ist wert, daß es zu Grunde geht“, wenn dieser Grundsatz aufgegeben wird. Weil für uns gerade diese sogenannte Sinnlosigkeit und Endlichkeit des Lebens am Ende eben doch sinnstiftend ist. Und wir würden uns in der Unendlichkeit verlieren, das ist auch ein Horrorgedanke.

Brinzanik: Also die Abschaffung des Todes würde nicht zu einer unendlichen Befreiung führen?

Nein, sie würde zu einer unendlichen Depressivität der Gesamtbevölkerung führen. Weil man es womöglich nicht ertragen würde, nicht mehr kämpfen zu müssen. Man müsste ja nicht mehr um das gute Leben kämpfen, man müsste nicht mehr sagen: Das muss ich noch tun, dies will ich noch erreichen. Es gäbe eine unendliche Perspektive.

Hans-Ulrich Treichel, geboren 1952 in Westfalen, ist Schriftsteller und Literaturwissenschaftler und seit 1995 Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Romane wurden in 28 Sprachen übersetzt. Treichel erhielt unter anderem 2003 den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis, 2005 den Hermann-Hesse-Preis und 2006 den Eichendorff-Literaturpreis. Letzte Veröffentlichungen: Der Papst, den ich gekannt habe. Erzählung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007; Anatolin. Roman, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008; Liebesgedichte, Frankfurt am Main: Insel 2009; Grunewaldsee. Roman, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010.
Cover „Werden wir ewig leben?“; Copyright: Suhrkamp VerlagAuszug aus: »Der Mensch ist von Natur aus künstlich«, in: Werden wir ewig leben? – Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie, Tobias Hülswitt und Roman Brinzanik (Hg.), edition unseld, Berlin: Suhrkamp Verlag 2010

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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags

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