Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Martin Heidegger oder Die Unheimlichkeit des Fernblicks

Martin Heidegger und seine Frau; Copyright: Tourismus GmbH Todtnauer Ferienland Martin Heidegger und seine Frau; Copyright: Tourismus GmbH Todtnauer Ferienland

Das Alemannische des süddeutsch-badischen Raumes prägte den Menschen Heidegger ebenso wie den Philosophen. Freiburg war das Zentrum seiner akademischen Karriere, der Feldberg das Refugium des eigenbrödlerischen und gewissenhaften Denkers.

Kaum ein anderer Denker ist so sehr mit seiner Heimat verbunden wie Martin Heidegger. Bei kaum einem anderen sagt der Verweis auf den biographischen Hintergrund und die Landschaft, in der er lebte und arbeitete, so viel aus wie bei Heidegger. Heideggers Philosophie hat einen Ort: den Schwarzwald.

Martin Heidegger; Copyright: BundesbildstelleEs gibt gar nicht mal so viele echte Wendepunkte in der Geschichte der Philosophie, Punkte, an denen etwas wirklich Neues in die Geistesgeschichte hineingeboren wird. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) markiert einen solchen Punkt. Als 1927 sein Buch Sein und Zeit erscheint, wird der etwas sonderbare Mann mit ausgeprägter Vorliebe für Trachten und Volkslieder schlagartig berühmt. Schon damals verstehen viele, dass hier ein ungewöhnliches Denken neue Wege beschreitet – heute gilt Sein und Zeit als eines der wichtigsten Werke der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Worin bestand das Neue?

Die Frage nach dem Sein

Heidegger-Hütte; Copyright: Tourismus GmbH Todtnauer Ferienland
Heidegger-Hütte
1922 erwirbt Martin Heidegger eine einfache Hütte am Feldberg oberhalb des Ortes Todtnauberg, die er selbst so beschreibt: "Am Steilhang eines weiten Hochtales [...] steht in der Höhe von 1150 Meter eine kleine Skihütte. Im Grundriß mißt sie 6 zu 7 Meter. Das niedrige Dach überdeckt drei Räume: die Wohnküche, den Schlafraum und eine Studierzelle." Hier verbringt der junge Gelehrte Martin Heidegger, seit 1923 ordentlicher Professor für Philosophie, seine Mußestunden, hier formen sich die Grundzüge seines Denkens.

Die Hütte ist mit Holzbänken und -betten spartanisch eingerichtet, Wasser wird aus einem nahe gelegenen Brunnen geholt.

Heidegger stellt sich eine der ältesten Fragen der Philosophie: die Frage nach dem Sein. Was ist gemeint, wenn wir sagen, dass etwas "ist", dass Berge und Täler "sind"? Und was für eine Art von Sein ist das menschliche Sein, das sich von allen anderen (irdischen) Seinsarten dadurch unterscheidet, dass es nach sich selbst fragen kann? Und wodurch wird dem Menschen das Sein zugänglich, nach dem er fragt? Die Philosophie hat für diese Fragen eine eigene Disziplin, die sogenannte Ontologie, die "Lehre vom Sein". Diese hat von Aristoteles über Descartes bis hin zu Kant Antworten immer darin zu geben versucht, dass, grob gesagt, über bestimmte Ich-Welt- oder Subjekt-Objekt-Verhältnisse theoretisiert wurde. Genau dies ist bei Heidegger anders. Denn er begreift das menschliche Dasein konkret als dasjenige Sein, das sich selbst in der eigenen Zeitlichkeit als "vorhanden", als "schon da" erfährt. Er sagt, dass es eine ganz ursprüngliche "Befindlichkeit" ist, in der das menschliche Dasein Zugang zu sich selbst findet; nämlich die Angst. Und diese, so Heidegger, stehe gleichsam am Fundament des Seins, ohne dass irgendwelche Aussagen über Subjekt-Objekt-Verhältnisse oder verschiedene Geisteskategorien notwendig wären.

Blick vom Feldberg auf den Feldsee; Copyright: TI Feldberg
Feldberg und Feldsee
Titisee und Feldberg vom Hochfirst aus gesehen; Copyright: Erich Spiegelhalter/Schwarzwald Tourismus
Titisee und Feldberg


Um im Bild des schwermütigen Gelehrten zu bleiben, der in der Einsamkeit seiner Berghütte über das Sein nachdenkt: Der ferne Blick in die Weite der Berge vermittelt dem Betrachter ein Gefühl des Unheimlichen, ein Gefühl der Angst. Hier erfährt Heidegger die "Nichtigkeit" seiner eigenen Existenz. Er begreift, dass sich das "Sein" von Bergen und Tälern einem menschlichen "Dasein" vermittelt, das immer schon irgendeine Form von Seinsverständnis hat und haben muss, bevor es die Frage nach dem Sein überhaupt stellen kann.

Das "In-den-Schwarzwald-geworfen-Sein"

Aussicht von Schlechtbach bei Gersbach. Copyright: TI Gersbach
Schlechtbach
Seiner eigenen geistigen Herkunft, der Phänomenologie seines Lehrers Edmund Husserl, ist es zuzuschreiben, dass sich Heidegger diesem Gedanken der ursprünglichen Seinserfahrung ganz besonders gründlich widmet: Ein Verweis auf den Ort seiner Philosophie versinnbildlicht den Zusammenhang: "Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muß dann einfach und wesentlich werden. Die Durcharbeitung jedes Gedankens kann nicht anders denn hart und scharf sein. Die Mühe der sprachlichen Prägung ist wie der Widerstand der ragenden Tannen gegen den Sturm." Heidegger erfindet ganz neue, in der Philosophie einzigartige Begrifflichkeiten, mit denen er den Phänomenen des Seins beizukommen sucht: Das "In-der-Welt-Sein" ist für Heidegger die Grundverfassung des Daseins. Der Mensch erfahre sich immer und notwendig in konkreten "Verweisungszusammenhängen" inmitten all des "Zeugs" und des "Zuhandenen", mit dem er täglich umgeht. Oft spricht Heidegger noch zugespitzter vom "In-die-Welt-geworfen-Sein", um die Existenz des Menschen auf den Punkt zu bringen.

Karte des Martin-Heidegger-Panoramawegs; Copyright: Tourismus GmbH Todtnauer Ferienland
Martin-Heidegger-Panoramaweg
Blick auf Todtnau; Copyright: Tourismus GmbH Todtnauer Ferienland
Blick auf Todtnau


Die Sprache der Heidegger'schen "Fundamentalontologie" bleibt auf Jahrzehnte hin vorherrschend in den Geisteswissenschaften, viele Gedankengänge und Formulierungen tauchen später fast deckungsgleich im französischen Existentialismus wieder auf. Nach dem Krieg zieht sich Heidegger immer häufiger in "seine Hütte" zurück. Er bekennt: "Meine ganze Arbeit [...] ist von der Welt dieser Berge und ihrer Bauern getragen und geführt." Fast alle Werke des späteren Heidegger entstehen in Todtnauberg.

Martin Heidegger stirbt 1976 in Freiburg. Das Unheimliche des Heidegger’schen Fernblicks ist heute touristische Attraktion: In Todtnauberg wurde im Jahr 2002 ein 6,4 km langer "Martin-Heidegger-Panoramaweg" eingeweiht, der direkt an der "Heidegger-Hütte" vorbeiführt.

Volker Maria Neuman
Nach seinem Studium der Philosophie arbeitet er als freiberuflicher Publizist mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Geschichte

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März 2007

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