„Zu den Sachen selbst!“ oder „Geben Sie Kleingeld!“ − Edmund Husserl zum 150. Geburtstag

Beschäftigt sich Philosophie mit alltäglichen Gegenständen? Das wird man kaum erwarten. Doch genau das war das Geheimnis der immensen Wirkung des am 8. April 1859 im mährischen Proßnitz geborenen Philosophen Edmund Husserl, dem Begründer der modernen Phänomenologie.
Die enorme Wirkung von Husserls Phänomenolgie beschränkte sich nicht auf die philosophische Fachwelt, sondern strahlte auch auf andere Wissenschaften aus und zwar eben wegen ihres Anspruchs, dass selbst die scheinbar unbedeutendsten Dinge in der Welt Gegenstand der Erkenntnis werden könnten. So lautet Husserls programmatisches Schlagwort: „Zu den Sachen selbst!“ anstatt bei „bloßen Worten stehen zu bleiben“. In der Tat lässt Husserl seine Studenten Tintenfässer oder Streichholzschachteln beschreiben, ein Mitarbeiter hält ein ganzes Seminar über einen Briefkasten. Und wenn einer seiner Studenten über große Ideen schwadroniert, verlangt Husserl: „Geben Sie Kleingeld.“
Eher klein hat auch Edmund Husserl selbst angefangen – das Abitur besteht er als schlechtester Absolvent seines Jahrgangs. Trotzdem studiert er ab 1876 Mathematik in Leipzig, Berlin und Wien. Später nähert er sich unter dem Einfluss von Franz Brentano zunehmend der Philosophie. Brentano fragt, wie sich die innere Wahrnehmung konkret beschreiben lässt und begründet damit die Psychologie als Erfahrungswissenschaft.
Brentano motiviert Husserl, sich in Halle in Philosophie zu habilitieren, was ihm 1887 auch gelingt. Ab 1890 beginnen seine Arbeiten an den Logischen Untersuchungen, deren erster Band 1900 erscheint. Im selben Jahr erhält der mittlerweile dreifache Vater gegen den Widerstand der Fachkollegen endlich eine feste Anstellung in Göttingen. Schnell entfaltet die erste Fassung der Phänomenologie eine enorme Strahlkraft, die viele Schüler auch aus dem Ausland anzieht.
Mittelweg zwischen Materialismus und Idealismus
Wenn man zu den Sachen selbst will, dann darf man den Blick nicht allein auf einen konkreten Gegenstand richten, sondern auch auf den Menschen, auf sein Bewusstsein, das sich vom Gegenstand faszinieren lässt. Im Bewusstsein erlebt der Mensch aber nicht nur die äußeren Eindrücke, sondern auch das eigene Denken. Zu diesem gehört die Logik, die von äußeren Erfahrungen unabhängig ist, diese aber offenbar in einen vernünftigen Zusammenhang zu bringen vermag.
Wie aber begegnet der konkrete Gegenstand dem Bewusstsein? Indem es sich von ihm anziehen lässt und sich auf ihn ausrichtet. Das nennt Husserl Intentionalität, die zum Leitbegriff der Phänomenologie avanciert. Husserl sucht nach einem Mittelweg zwischen Materialismus und Idealismus: Er nimmt einerseits den konkreten Gegenstand in den Blick, will aber dabei nicht die Bedingungen dafür übersehen, wie das Bewusstsein den Gegenstand subjektiv wahrnimmt.
Transzendentale Phänomenologie
Um 1905 verändert Husserl sein Konzept. Sein zweites Hauptwerk Ideen zu einer reinen Phänomenologie erscheint 1913. Husserl richtet den Blick jetzt noch konzentrierter nach Innen auf die logischen Bedingungen der Erkenntnis von Gegenständen, während der konkrete Gegenstand in den Hintergrund seines Interesses rückt.
Dieses neue Konzept einer transzendentalen Phänomenologie führt indes dazu, dass sich viele Schüler von ihm abwenden, die mit der Phänomenologie ihre jeweiligen wissenschaftlichen Gegenstände erfassen wollen, sich aber weniger dafür interessieren, wie die innerliche Subjektivität mittels Logik der Welt überhaupt erst einen Horizont eröffnet.
Die Krisis der europäischen Wissenschaften
1916 wechselt Husserl an die Universität Freiburg. Die Schrecken des Krieges verstärken seine Neigung zur Depression. Sein gerade einmal 27-jähriger Sohn Wolfgang stirbt an der Front, sein Sohn Gerhart wird verwundet. Husserl, der bereits im Alter von 27 aus religiöser Überzeugung vom Judentum zum Protestantismus übergetreten war, wendet sich verstärkt religiösen Fragen zu. In diese Zeit fällt auch seine Begegnung mit Martin Heidegger, der für einige Jahre sein Assistent wird und schließlich sogar Nachfolger auf seiner Freiburger Professur. Doch Heideggers Engagement für den Nationalsozialismus hat da bereits zum persönlichen Bruch geführt.
Nach seiner Emeritierung beginnt die letzte Schaffensphase Husserls. In seinem Spätwerk Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie kritisiert er, dass die modernen Wissenschaften mit ihrem Anspruch, die Welt objektiv zu erfassen, die Fragen der Menschen nach dem Sinn des Lebens nicht mehr beantworten. Daher fordert er die Wissenschaften auf, sich darauf zu besinnen, dass sie ihre Entstehung der menschlichen Lebenswelt verdanken – der zentrale Begriff in der husserlschen Spätphilosophie, der sich wiederum auf die konkrete Welt bezieht, in der wir leben. Die transzendentale Phänomenologie möchte damit die Entfremdung zwischen den Menschen und den Wissenschaften vermindern.
Diese Gedanken entwickelt Husserl vor dem Hintergrund des Erstarkens und später der Herrschaft der Nazis. Bereits 1933 versuchen ihn die Behörden von der Universität zu entfernen. Aufgrund seiner internationalen Reputation gelingt das aber erst im Januar 1936, nachdem 1935 die Nürnberger Rassengesetze erlassen worden waren. Von da an verhindert das Ministerium Auslandsreisen zu internationalen Tagungen. 1937 müssen die Husserls in Freiburg umziehen, weil Nachbarn antijüdische Hetze verbreiten. Von einem schweren Sturz im August 1937, am Tag seiner goldenen Hochzeit, erholt er sich nicht mehr und stirbt am 27. April 1938. Sein Nachlass wird vor den Nazis zunächst ins belgische Leuven gerettet. Nach dem deutschen Einmarsch muss er ein zweites Mal in Sicherheit gebracht werden und entgeht dabei nur knapp einem Bombenangriff.
Verena Mayer: Edmund Husserl. Verlag C. H. Beck (Reihe Denker) 2009, 200 Seiten, ISBN 978-3406586880.
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
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April 2009
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