Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Hans-Georg Gadamer – Wahrheit und Methode

Hans-Georg Gadamer; © Lorenz ViereckeHans-Georg Gadamer; © Lorenz Vierecke1960 erschien Hans-Georg Gadamers monumentales Hauptwerk „Wahrheit und Methode – Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“. Der maßgebliche Einfluss dieses Buches auf die Philosophie des Verstehens nicht nur in Deutschland hält bis heute an. Denn es liefert nicht nur Analysen der Zeit, sondern Vorschläge zur Linderung konkreter Probleme.

Beeinflusst wurde Gadamer, der bis dahin vom Typus her eher dem Bild eines soliden deutschen Professors als eines innovativen Philosophen entsprach, vor allem von Martin Heidegger. Geboren wurde der 2002 in Heidelberg gestorbene Denker im Jahr 1900 in Breslau. 1939 erhielt er einen Ruf als Professor an die Universität Leipzig. Politisch hielt er sich in jener Zeit zurück. 1949 wurde er in Heidelberg Nachfolger von Karl Jaspers.

Die Lehre vom Verstehen

Was kann die Hermeneutik zur Lösung heutiger Probleme beitragen? Was heißt überhaupt Hermeneutik? Zunächst fasst man in der Theologie unter Hermeneutik das Problem, wie aus christlicher Perspektive das Alte Testament zu interpretieren sei. Ansonsten führt sie ein Schattendasein: Im 18. Jahrhundert will man die Welt naturwissenschaftlich erklären. Erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts fragt man hermeneutisch, wie man Kunstwerke verstehen kann. Dann stellt sich die Frage, wie man Geschichte interpretieren muss. Damit setzen sich die beiden ersten Teile von Wahrheit und Methode auseinander.

Aber braucht man heute angesichts der Fortschritte der Naturwissenschaften noch ein anderes Weltverständnis? Ja! Denn die Welt kann man nicht bloß durch Ursachen und Wirkungen erklären. Man muss das Verhältnis von Mensch und Welt vielmehr verstehen, indem man beispielsweise den Traditionen oder den Hoffnungen und Wünschen der Menschen nachspürt. Daher erweitert der dritte Teil von Wahrheit und Methode den hermeneutischen Horizont, indem er danach fragt, wie man die Welt versteht: das avanciert zur Aufgabe der Hermeneutik im 20. Jahrhundert.

„Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache“

Cover von „Wahrheit und Methode“; © Mohr SiebeckGadamers zentraler Gedanke lautet: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“ Damit kritisiert Gadamer nicht nur den blinden Glauben an den naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt. Er knüpft damit zugleich an das große philosophische Thema „Sprache“ an. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte es philosophisch ein Schattendasein. Dann greifen derartige Fragestellungen um sich und breiten sich in vielen Wissenschaften aus. Die Linguistik entsteht. Die Kunst experimentiert mit der Sprache.

Aber kommt es nicht darauf an, die Welt technisch zu beherrschen, als sie sprachlich bloß zu verstehen? Jeder Gestaltung der Welt muss Verständnis und vor allem Verständigung unter den Beteiligten vorausgehen. Dazu ist das Gespräch nötig, das Menschen miteinander führen – eine alte philosophische Tradition, die bereits Sokrates pflegte, die aber in der modernen Informationswelt der Videospiele und des Internet verblasst.

Verstehen und Gespräch

Dagegen heißt Sprechen für Gadamer überhaupt Leben, was sich nicht in technischen Strukturen realisiert. „So ist das eigentliche Gespräch“, bemerkt Gadamer, „niemals das, was wir führen wollten. (...) Wie da ein Wort das andere gibt, wie das Gespräch seine Wendungen nimmt, seinen Fortgang und seinen Ausgang findet, das mag sehr wohl eine Art Führung haben, aber in dieser Führung sind die Partner des Gesprächs weit weniger die Führenden als die Geführten.“

Gespräch und Verstehen entwickeln dabei keineswegs bloß subjektive, sondern auch objektive Ansprüche: Jemanden verstehen, heißt nicht, dass man sich erfolgreich in den Anderen hineinversetzt. Das, was der Andere sagt, das muss man begreifen, den Gegenstand, nicht den Gesprächspartner.

So versteht man den Anderen, wenn man die unterschiedlichen Blickwinkel auf den Gesprächsgegenstand miteinander abgleicht; wenn sich diese Perspektiven überschneiden und schließlich sogar miteinander verschmelzen. Ein zentraler Begriff in der Philosophie Gadamers ist die „Horizontverschmelzung“. Soweit folgt Gadamer nicht nur dem wissenschaftlichen Anspruch auf Objektivität und Sachlichkeit. Vielmehr löst sich die Welt denn auch nicht in der Sprache auf.

Rehabilitation des Vorurteils

Aber wenden Marxismus und Positivismus dagegen nicht zu Recht ein, dass trotzdem in jedes Weltverstehen die Vormeinungen und Vorurteile eingehen, so dass man die Welt derart nicht objektiv erfasst? In der Tat lassen sich die Vormeinungen bei keinem Verstehensprozess ausschließen: Verstehen heißt, sich eine neue Angelegenheit durch sein bisheriges Verständnis klar zu machen.

Doch auch wenn die letzte Begründung fehlt, so sind Vorurteile keineswegs immer, sondern höchstens manchmal falsch. Zudem wurzeln sie in den kulturellen Traditionen, die die Zeitgenossen auch nicht einfach hinter sich lassen, wie es die Konflikte der Kulturen heute wieder vorführen. Will man diese Konflikte mildern, dann muss man die verschiedenen religiösen Traditionen verstehen. Eine wissenschaftliche Erklärung hilft dabei wenig weiter.

Es ist das Verdienst von Hans-Georg Gadamer mit seinen Auseinandersetzungen um den Sinn der Hermeneutik neben Jürgen Habermas zur Rehabilitierung der Vorurteile beigetragen zu haben. Wahrheit und Methode liefert keine Patentrezepte, aber hintergründige Konzepte, um einigen großen Herausforderungen heute zu begegnen, seien es kulturelle Konflikte oder die Schattenseiten des technischen Fortschritts.

Buchtipp
Günter Figal (Hrsg.): Klassiker Auslegen, Bd. 30 – Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, Berlin: Akademie-Verlag 2007. 
Hans-Martin Schönherr-Mann
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

    Rückeroberung des Öffentlichen

    Foto: kallejipp; Quelle: Photocase
    Wie physisch oder digital ist der öffentliche Raum? Eine Konferenz zur Rolle der Kultur in diesem Spannungsfeld am 22. und 23. April in Berlin.

    Dossier: Kierkegaard 2013

    Foto: Søren kierkegaard, drawn by Niels Christian Kierkegaard
    Mit „Kierkegaard 2013“ feiert die Welt den 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard. Auch in Deutschland spielen Leben und Werk des Dänen eine wichtige Rolle.

    Twitter

    Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland