Deutschsprachige Philosophen – Porträts

Johann Gottlieb Fichte – deutscher Idealist und Vordenker der Romantik

Johann Gottlieb Fichte; © Lorenz ViereckeJohann Gottlieb Fichte; © Lorenz-ViereckeAm Anfang der Karriere des am 19. Mai 1762 geborenen Johann Gottlieb Fichte steht ein Trick seines Verlegers: Ein Teil der Auflage seiner ersten Schrift „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ erschien 1792 anonym – und zuerst hielten viele Leser den großen Immanuel Kant für den Autor. In der Tat war Kant von der Schrift sehr angetan und vermittelte die Publikation. Die Aufklärung der Autorschaft machte Fichte schlagartig einem großen Publikum bekannt.

Fichte zeigte sich zunächst durch Kants Kritik der praktischen Vernunft beeindruckt, in der dieser der Ethik ein rationales Fundament im formalen Prinzip der Verallgemeinerbarkeit gibt: Moralische Maxime müssen generell, immer und unbedingt gelten, also allgemein. Während das Christentum zunächst eine Welterklärung darstellt, aus der sich eine Ethik ableitet, geht Fichte davon aus, dass der Kern jeder Religion die Ethik ist, die mit rationalen Prinzipien übereinstimmen muss. Was der Vernunft in jeder religiösen Offenbarung widerspricht, das kann nicht göttlicher Herkunft sein. Die rationale Moral gilt also absolut, von der sich jede religiöse ableitet. Zwar antizipiert er damit eine hochmoderne theologische Position, die die Ethik zum Kern der Religion erklärt. Aber dass der Maßstab die Vernunft ist, das brachte ihm den Atheismusvorwurf ein.

Professor ohne Studienabschluss

Cover der Fichte-Biographie von Wilhelm G. Jacobs; © InselTrotzdem erhielt er daraufhin 1794 einen Ruf an die Universität Jena. Und das ohne Studienabschluss und nach Jahren der Wanderschaft von einer Hauslehrerstelle zur nächsten, die ihm wenig Erfolg und manchen Ärger einbrachten. Der Patronatsherr von Rammenau förderte den Sohn eines Bandwirkers, der sich in der Schule hervorgetan hatte. Ab 1780 studierte er vier Jahre evangelische Theologie in Jena. Danach führte ihn die Suche nach Arbeit unter anderem nach Warschau und Zürich, wo er seine spätere Frau kennenlernte, mit der einen Sohn hatte.

Berühmt indes und später besonders von Nationalisten gefeiert wurde er durch seine Reden an die deutsche Nation, in denen er 1808 in Berlin nach der Niederlage Preußens keineswegs zum Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht beziehungsweise die napoleonischen Truppen aufruft. Nicht in einer militärischen Vorherrschaft sieht er die Rolle Deutschlands, sondern in einer geistigen, die sich auf die Vernunft stützt und diese somit in Staat und Gesellschaft durchsetzt. Dazu müssen alle Bürger ihren Egoismus ablegen und der Nation dienen, was dadurch ihre Gleichheit realisiert, das heißt die Ständeschranken überwindet. Dazu ist eine umfassende, allen gleichermaßen zukommende Bildung und Erziehung vonnöten. Damit zielt er auf eine moralische Weltordnung. Zuvor hatte er die Lebendigkeit der deutschen Sprache betont, was sie der französischen überlegen mache. Damit setzte er sich durchaus einer Gefahr für Leib und Leben aus, da die Besatzungsmacht jede Form des geistigen Widerstands mit Exekutionen beantwortete.

Führender Philosoph des deutschen Idealismus

Cover der Biografie über Johann Gottlieb Fichte von Manfred Kühn; © C.H.BeckNicht nur diese Reden bringen ihm 1809 einen Ruf an die neu gegründete Universität Berlin ein. Mit seiner Wissenschaftslehre, die er seit 1794 entwickelt und an der er noch in seinem Spätwerk 1813 arbeitet, avanciert er zum führenden Philosophen des deutschen Idealismus. Zu Lebzeiten erwächst ihm nur in Schelling eine renommierte Konkurrenz. Er setzt damit die Subjektphilosophie von Descartes und Kant fort und radikalisiert sie. Die Sinne und die Vernunft stellen als Subjekt die Bedingungen jeglicher Erkenntnis des Objekts dar.

Aber die Philosophie begnügt sich nicht mit dem erkennenden Ich und dem erkannten Objekt, sondern betrachtet reflexiv, was dieses erkennende Ich denn alles unternimmt. Ein solches reflektierendes Bewusstsein vereint Subjekt und Objekt, Ich und Welt. Das nennt Fichte das absolute Ich. Dieses ist nicht nur die Bedingung alles Seins, das nur durch dieses absolute Ich bewusst wird. Damit ist es die Voraussetzung des Handelns und der Moralität. Denn das absolute Ich konstituiert alles Sein – Fichtes Idealismus –, verbindet damit den Menschen mit diesem Sein als Einheit. Dagegen gehen die Zeitgenossen davon aus, dass die Umwelt eine eigene Materialität besitzt, die sie sich anzueignen versuchen und derart mit der Welt nach Belieben, also egoistisch umgehen. Wenn man jedoch erkennt, dass das absolute Ich alles Sein, alle Umwelt mit sich selbst verbindet, überwindet man seinen Egoismus: das moralische wie das erzieherische Programm Fichtes.

Einheit von Welt und Mensch

Diese Einheit von Welt und Mensch lässt Fichte zum Vordenker der Romantik werden, der vorherrschenden zeitgenössischen, vor allem auch literarischen Strömung. Fichte hat viele Kontakte zu den Romantikern, beispielsweise zu Friedrich Schleiermacher, den Gebrüdern Schlegel, Novalis. Er ist aber auch befreundet mit Friedrich Schiller und begegnete mehrfach Goethe, dem anderen Hauptvertreter der Weimarer Klassik.

Trotz seiner philosophischen Bedeutung und seinem nationalen Engagement verlief seine akademische Karriere keineswegs bruchlos. 1798 wird er nach eigenem ungeschickten Verhalten in Jena als Professor entlassen, hatte ihm seine Schrift Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung massive Atheismusvorwürfe eingebracht. In der Tat dementiert er jegliche Vorsehung. Zuerst kommt nicht der Glaube an Gott und daraus leitet sich dann dessen Wirken in der Welt ab. Man erkennt zuerst das Wirken der Vernunft, vor allem das moralische Wirken und sucht dann dafür nach einem göttlichen Grund.

Es folgen wieder unsichere Jahre, die ihn nach Berlin führen, wo er von Vorträgen und Publikationen lebt. 1805 erhält er einen Ruf an die Universität im damals noch preußischen Erlangen. Doch nach der Niederlage gegen Napoleon flieht er mit der preußischen Regierung 1806 nach Königsberg. Seine letzten Jahre an der Universität Berlin sind geprägt von Auseinandersetzungen mit den Kollegen, der Verwaltung und den Studenten, die häufig Steine in die Fenster von Professorenwohnungen warfen. Seine Frau hatte eine Infektion gerade noch überstanden, er starb vermutlich daran. Insofern kam der Tod überraschend. Aber schon Jahre zuvor quälten ihn schwere gesundheitliche Probleme, die er bis zuletzt nicht überwand. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin.

Literaturtipps:
Wilhelm G. Jacobs: Johann Gottlieb Fichte – Eine Biographie, mit zahlreichen Abbildungen, Insel Verlag 2012, 251 Seiten, ISBN 978-3458175414.
Manfred Kühn, Johann Gottlieb Fichte – Ein deutscher Philosoph, C.H. Beck Verlag 2012, 612 S., 30 Abbildungen, ISBN 978-3406630842.

Hans-Martin Schönherr-Mann
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

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April 2012

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