Stipendiatinnen und Stipendiaten

Balkan Stories

Prishtina © Ralph Hammerthaler

Unter dem Druck der Europäischen Union verhandeln derzeit Serbien und seine ehemalige Provinz Kosovo – die Literatur geht ihre eigenen Wege. Ein deutscher Schriftsteller berichtet aus Priština.

Hm, das also soll meine Wohnung sein. Sieht aus, als wäre meine Großmutter in Priština kürzlich verstorben und hätte mir ihr Zuhause vererbt. Bin gespannt, weil Jeton da und dort Schranktüren und Fächer aufzieht. Keine Kalaschnikow, sagt er. Da werde ich nervös, verdammt, du hast mir eine versprochen.

Ein paar Tage später sitze ich mit einem Typen vor einer Bar, und weil es regnet und schon nach Mitternacht ist, darf ich, wie ich finde, jede Frage stellen: Stimmt es eigentlich, dass man hier alles kriegt, also, ich meine, an Waffen und Drogen? Ja, sagt er, was brauchst du?

Priština has no river. Auch das stimmt. In Anführungszeichen gesetzt, heißt so mein Gaststipendium, Writer in Residence in der Hauptstadt Kosovos, ich bin der Erste, und ich weiß, dass man es mir ansieht. Jeton Neziraj, mein Gastgeber, hat schon fünfzehn Stücke geschrieben, er gilt als Unruhestifter, weil er, der Kosovo-Albaner, sich mit serbischen Künstlern einlässt, ganz so, als gebe es keine Feindschaft. Im Erdgeschoss eines heruntergekommenen Wohnblocks hat er ein Kulturzentrum aufgemacht, Qendra Multimedia, mit einem schwarzen Saal, darin Eimer zum Drunterstellen, wo es leckt. Ein paar Jahre zuvor noch war Jeton Direktor des Nationaltheaters.

Doch schon damals hatte er es mit den Serben, quasi Raki-Connection, gab ein Gastspiel in Belgrad und lud die Belgrader nach Priština ein. Politisch hat das nicht so recht gepasst, darum musste er gehen.

Im Kosovo-Museum sind die Waffen der UÇK ausgestellt

Mit den Machern von Beton, einer politisch ätzenden Literaturzeitschrift in Belgrad, hat Jeton dann zwei Anthologien herausgebracht, „Aus Belgrad, in Liebe“ für den albanischen Buchmarkt und „Aus Priština, in Liebe“ für den serbischen. Klar, damit spielen sie nun auch auf der nationalen Klaviatur, aber mit verdrehten Vorzeichen.

Ralph Hammerthaler in Prishtina © Ralph Hammerthaler Beton liegt einmal im Monat einer Belgrader Zeitung bei, einmal im Jahr gibt es eine Ausgabe auf Deutsch, zur Leipziger Buchmesse. Tomislav Markovic, serbischer Dichter und Beton-Redakteur sagt: Wer für uns schreibt, ruiniert seine Karriere.

Alle reden von den Ex-Nazis in der Belgrader Regierung. Aber ausgerechnet Die Ex-Nazis träumen von der EU, und darum haben sie mit Kosovo das berühmte, wenn auch nicht öffentlich gemachte 15-Punkte-Abkommen ausgehandelt. Im Juni wird der EU-Gipfel darüber beratschlagen, ob Beitrittsgespräche mit a) Serbien und b) Kosovo in Angriff genommen werden.

Im Kosovo-Museum feiert eine ganze Etage den Unabhängigkeitskampf der paramilitärischen UÇK, Waffen und immer wieder Waffen in den Vitrinen, ein Foto Von Miloševic hängt neben einem Foto von Hitler. Der Gründungsmythos des Staates Kosovo ist nationalistisch eingefärbt, antiserbisch sowieso. Auch deshalb wird Jeton die Arbeit nicht ausgehen.

Als ich auf die Frage „Sprechen Sie Deutsch?“ nicht die Flucht ergreife, lerne ich den Nachtwächter M. kennen. Angestellt in der Zweigstelle eines Ministeriums, verdient er zweihundert Euro im Monat. Mit ihm ziehe ich drei Stunden umher und setze mich dann in seine Loge. Er zeigt mir einen Haufen Zeitungen und findet im Fernseher im Nu den Porno-Kanal. „Willst du lieber eine junge oder eine alte?“, fragt er mich. Ich besorge dir eine Frau, die es dir mit dem Mund macht für zehn Euro.

M. sagt, dass viele sich dazu hergäben. Weil sie keine Arbeit haben. Aber seine Tochter schickt er für vierzig Euro im Monat in den Deutsch-Unterricht. Sie soll es einmal besser haben.

Priština ist eine junge Stadt, mehr als die Hälfte der Leute unter fünfundzwanzig. Rund um die Fußgängerzone, die Mutter Teresa heißt, gepflastert mit deutschen Steinen und begrünt mit italienischen Bäumen, ganz so, als hätten sie hier nichts selber, reiht sich ein Café ans andere, und alle sind voller junger Menschen. Das geht zurück auf die Neunziger, sagt Doruntina Vinca auf der Gäste-Terrasse. Damals trafen wir uns alle im Café, weil die offiziellen Institutionen versperrt waren. Tatsächlich verjagten die serbischen Machthaber damals alle Albaner aus ihren Ämtern. In den Grundschulen wurden separate Eingänge geschaffen, damit Serben und Albaner nichtmehr in Berührung kamen. Die Älteren, Schüler und Studenten, versammelten sich in Privatwohnungen zum Unterricht. So entstand eine Schattenwelt, ein paralleles Bildungssystem. Doruntina schreibt Kurzgeschichten und übersetzt aus dem Englischen; acht Jahre hat sie in New York verbracht. Zurzeit arbeitet sie für eine NGO, es geht um die Reisefreiheit der Kosovaren. Alles wird untersucht, sagt sie, und dann nach Brüssel gemeldet, Studie um Studie. Sie stockt. Ein Vogel hat auf ihre nackte Schulter heruntergemacht. Sie wischt es weg. Bringt Glück, sagt sie.

Erst seit Dezember 2011 können alle Kosovo-Albaner wieder nach Serbien fahren, mit Personalausweis, weil der Pass eines Staates, den es für Serbien nicht gibt, nichts gilt. Kommen sie heute mit dem Auto, wird das Kosovo-Nummernschild ab und ein Jugo-Nummernschild angeschraubt. Mehrmals am Tag fährt ein Bus nach Belgrad. Immer wieder befragt Doruntina die Reisenden. Oft führen sie medizinische Gründe an, ein gutes Krankenhaus, gute Versorgung. Am Abend begleite ich Jeton ins Universitätskrankenhaus von Priština. Jetons Cousin hat angerufen, weil er nichts Anständiges zu essen bekommt; außerdem braucht er Kissen und Bettdecke.

Mit Imbiss und Bettzeug versehen, betreten wir das Zimmer. Im mittleren Bett liegt ein älterer Mann, der von seinen Jahren in Deutschland schwärmt. Gute Menschen, keiner darunter, der dich übers Ohr haut. Ich sage: Da haben Sie Schwein gehabt.

Mit dem Bus fahre ich nach Graçanicë, einer serbischen Enklave, gar nicht weit, vielleicht zwanzig Minuten. Es heißt, sie hüteten dort ihr eigenes Geld, Dinar natürlich, doch der langhaarige Kellner muss nicht lange umrechnen, als er von mir 70 Cent für den Kaffee verlangt. Das Städtchen hat eine orthodoxe Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Aber außer Stacheldraht auf der Klostermauer erinnert nichts mehr daran, dass sie besonders geschützt werden müsste. Am Eingang hängt eine Verbotstafel, vier Symbole, die rot durchgestrichen sind: keine kurzen Klamotten, keine Zigaretten, keine Kameras, keine Waffen. In der fünfkuppligen Kirche stoße ich auf fünf Soldaten, die sich von einer Nonne auf Englisch erklären lassen, was sie sehen. Draußen parkt ein weißer Kfor-Bus, und als sie weg sind, denke ich, dass sie zurück nach Prizren fahren. Ich denke an Doruntinas Worte, dass alle in Priština sich die Deutschen herbeigewünscht hätten, dann nämlich wäre ihre Stadt genauso schön und sauber geworden wie das schöne, saubere Prizren.

Prizren has a river. Vor dem Qendra rauche ich mit Kujtim Paçaku, einem Roma- Dichter, Zigaretten. Er lebt in Prizren, und er erinnert sich noch genau daran, wie ihn Jeton nach dem Krieg nach Priština eingeladen hat. Im Bus, das Gesicht hinter einer Zeitung verborgen, sei er fast gestorben vor Angst. Denn früher hätten sie Busse gestoppt und die Roma herausgezogen. Alles ging gut, das ist vorbei.

Die Serben kommen. Und dann eröffnen Qendra und Beton ihr Internationales Literaturfestival, Raki-Connection unlimited. Aus Budapest stößt György Dragomán dazu, und als ich seinen Vornamen aussprechen kann, frage ich ihn nach der Lage.

Die Kroatin Alida Bremer ist der Wirbelwind der Balkanliteratur

Sieht so aus, sagt er, als werde Fidesz in Ungarn auch die nächsten Wahlen gewinnen, die Opposition ist zu schwach. Wir anderen treffen uns meist privat in Wohnungen, auch für Lesungen. Alles machen wir umsonst. Weil der Staat für uns kein Geld übrig hat. Klingt nach Kosovo der Neunziger.

Alida Bremer sagt: Serbien hatte ein legitimes Interesse, für seine über die Teilrepubliken verstreuten Minderheiten zu sorgen. Aber dann haben sie sich so was von verrannt, dass es Politikern bis heute schwerfällt, diese furchtbaren Irrtümer einzugestehen. Alida ist die wirbelnde Dame der Balkanliteratur. Promoviert wurde sie in Germanistik, und noch immer träumt sie von einer Germanistik-Professur, am besten in New York. Aber der Balkan lässt sie nicht ziehen. Als Kroatin hat sie viele Jahre in Belgrad studiert, sie kennt Gott und die Welt und fördert zumal die jüngere Literatur – als Übersetzerin, Vermittlerin, Mentorin. Wenn diese Literatur etwas gemeinsam hat, dann die traumatische Erfahrung des Krieges. Alida sagt: Je mehr wir uns der EU annähern, desto mehr werden wir uns wiederfinden im Jugoslawien der Achtzigerjahre.

Wo bist du, alle Regionen im Blick, besonders gern? In Split, sagt sie, auf der Fähre zur Insel Brac. Jedes Mal, wenn sie ablegt, könnte ich jubeln. Ja gut, sage ich, solange der Kaffee an Bord wie der Kaffee in Priština schmeckt.

Ralph Hammerthaler, geboren 1965 in Wasserburg am Inn, lebt als Autor in Berlin. Von Anfang Mai bis Anfang Juni 2013 war er Writer in Residence in der Hauptstadt Kosovos. "Priština has no river" heißt das Residenzprogramm, für das sich Schriftsteller und Übersetzer aus Südosteuropa und Deutschland bewerben können.
Der Artikel erschien am 22. Mai 2013 in der Süddeutschen Zeitung, Bayern, Deutschland, München, Seite 14.

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