Residenzprogramme

"Kyoto ist ein Ort der Innovation"

Ausflug mit Stipendiat/-innen der Villa Kamogawa im Oktober 2014 (v.l.n.r.): Der Fotograf Jörg Koopmann, Markus Wernhard, Leiter der Villa Kamogawa, der Filmemacher Andreas Hartmann, der Architekt Sven Pfeiffer und die Bühnen- und Kostümbildnerin Dorothee Curio / Foto: Goethe-Institut/Noriko Yasui

Künstlerresidenzen sind Orte der Inspiration und des internationalen Austauschs. Seit Juni leitet Markus Wernhard die Villa Kamogawa in Kyoto. Im Interview spricht er über seine Ziele und die guten Voraussetzungen der Stadt Kyoto für Residenzprogramme.


Herr Wernhard, im Juni haben Sie die Leitung der Villa Kamogawa übernommen. Haben Sie sich bestimmte Ziele gesetzt, was die Weiterentwicklung der Künstlerresidenz angeht?

Das Hauptziel ist im Moment, die Wirkung der Künstlerresidenz zu erhöhen und die Vernetzung der Stipendiat/-innen in Japan zu verbessern. Die Villa Kamogawa soll zu einer Plattform für den Austausch von Kreativen aus Deutschland und Japan mit internationaler Ausstrahlung werden. Dafür haben wir unter anderem im Juli mit Creators@Kamogawa ein neues Format eingeführt. Das sind moderierte Podiumsgespräche mit den residierenden Künstlern und wechselnden japanischen Gästen jeweils zu Anfang und Ende ihres Aufenthalts. Dabei treten die Künstler/-innen der Villa in einen Dialog mit Kulturschaffenden aus Japan – Künstlern, Kuratoren, Intellektuellen – zu Themen, die beide Seiten interessieren. In der Regel sind das Fragen der Gegenwartskultur und Gesellschaft im deutsch-japanischen Kontext.

Können Sie ein Beispiel geben?

Die erste Creators@Kamogawa-Veranstaltung im Juli hatte beispielsweise das Thema "Berlin-Kyoto". Dabei ging es unter anderem um die Arbeitsbedingungen für Kreative in beiden Städten und um zeitgenössische Kulturtechniken wie Sampling. Auch das Problem von Originalität vor dem Hintergrund einer übermächtigen Kunstgeschichte wurde besprochen. Bei der Auftaktveranstaltung mit den derzeitigen Künstlern in der Villa stand das Thema "Dokumentieren – Erinnern" im Mittelpunkt.

Haben die Stipendiaten neben den Veranstaltungen und dem Knüpfen von Kontakten genug Zeit zum Arbeiten?

Natürlich muss bei all dem die Eigensphäre der Stipendiatinnen und Stipendiaten und ihrer Projekte gewahrt bleiben. Wir machen Angebote, sich zu präsentieren und zu vernetzen. Andererseits wird der Aufenthalt in der Villa Kamogawa so aber auch vom Druck entlastet, nach drei Monaten Ergebnisse zu präsentieren. Wenn das möglich ist, ist das immer willkommen. Ein künstlerischer Schaffensprozess ist aber nicht an so einer Zeitspanne orientiert und wird wohl eher längerfristig verlaufen und Wirkung zeigen. Auch ohne direktes Ergebnis können die Künstler/-innen sich so im Rahmen der Creators@Kamogawa-Veranstaltungen inhaltlich einbringen und Teil von einem deutsch-japanischen Dialog sein.

Sind solche Dialogveranstaltungen nicht auch schwierig, unter anderem wegen der so unterschiedlichen Sprachen der Teilnehmer?

Damit solche "Wortveranstaltungen" sich nicht dröge hinziehen und ein produktiver Dialog nicht an der hohen Sprachbarriere scheitert, ist eine Simultanübersetzung essentiell. Bei einer konsekutiv gedolmetschten Veranstaltung würde der Dialog nicht ausreichend Geschwindigkeit aufnehmen. Durch die öffentlichkeitswirksame Auftaktveranstaltung gleich zu Anfang der Residenzphase werden die Künstler aus Deutschland schnell der lokalen Kulturszene vorgestellt und es ergeben sich Kontakte, die sich dann oft von selbst weiterentwickeln.

Auftaktveranstaltung Creators@Kamogawa, Foto: Goethe-Institut/Noriko Yasui

Wie dokumentieren Sie die Veranstaltungen?

Die Creators@Kamogawa-Veranstaltungen werden zweisprachig über Film und Text dokumentiert und unter anderem auf unserem YouTube-Kanal präsentiert. Dadurch ergibt sich aber auch der Anspruch, wirklich interessante Gesprächsveranstaltungen zu produzieren, die inhaltlich den Aufwand auch rechtfertigen. Die Dokumentation soll auch Interessierten in Deutschland und Japan, die nicht dabei sein konnten, einen Zugang ermöglichen. Gleichzeitig können wir den japanischen Teilnehmer/-innen, die im Ausland vielleicht noch nicht so wahrgenommen werden, durch die Bereitstellung einer Dokumentation in westlicher Sprache im Netz etwas zurückgeben.

Und als weitere Programmschiene wollen wir Dialogveranstaltungen mit Multiplikatoren, Denkern und Vertretern von Kulturinstitutionen im Bereich Kunst und Gesellschaft etablieren und auch dabei wo möglich Bezüge zu den residierenden Künstlern und ihren Projekten herstellen. Wichtig ist es, mögliche deutsch-japanische Themen zu erkennen und in die Villa Kamogawa zu holen, wo immer sich Chancen bieten. Künftig kann ich mir die Villa Kamogawa auch gut als Ort für hochrangig besetzte Gespräche zu aktuellen kulturellen Themen in einem internationalen Kontext und mit Partnern aus Deutschland, Japan und weiteren Ländern vorstellen.

Was macht Kyoto als Ort für eine Künstlerresidenz besonders?

Die Stadt ist – obwohl etwas größer als München – ebenso wie ihre Kulturszene überschaubar und auf diese Weise für die residierenden Künstler leichter zu verstehen. Das erleichtert die Vernetzung. In Megastädten ist es vielleicht schwieriger, Zugänge zu finden. Gleichzeitig sind die Großstädte Tokio und Osaka leicht zu erreichen.

Ein gängiges Missverständnis ist, dass Kyoto wegen der Übermacht der traditionellen Kultur quasi ein "Freiluftmuseum" sei. Die Stadt hat teils auch wirklich eher pastoralen Charakter. Kyoto war und ist aber auch ein Ort der Innovation. So sind zum Beispiel wichtige Impulse der studentischen Gegenkultur der 60er-Jahre von Kyoto ausgegangen. Auch heute setzt die Stadt auf Gegenwartskultur: 2015 findet erstmals eine neue internationale Biennale für zeitgenössische Kunst, Parasophia, statt und ein Theaterkomplex mit mehreren Sälen, das Rhom-Theater, wird eröffnet. Wir suchen auch hier nach Möglichkeiten für Kooperationen mit der Villa Kamogawa und Synergien mit den residierenden Künstlern.

Wie erleben Sie persönlich den Kontakt mit den Stipendiaten?

Die Villa Kamogawa ist ein ungewöhnlicher Dienstort: Die Institutsleiterfamilie lebt in der Villa unter dem Dach, die Stipendiaten im zweiten Stock in ihren Ateliers. Es ergeben sich also auch im Alltag viele Begegnungen. Eine Begegnung bei der ersten Creators@Kamogawa-Veranstaltung im Juli war für mich besonders erhellend: Wir hatten mit Marion Poschmann und Shin Fukunaga zwei Autoren im Panel. Da Herr Fukunaga aber keine Fremdsprache spricht, war ein Austausch praktisch nicht möglich, obwohl beide großes Interesse an einander hatten. Während der Veranstaltung kamen dann von beiden sehr gute Beiträge und Fragen. Danach schrieb mir Shin Fukunaga, wie gut er dieses Format und die Chance fand, simultan gedolmetscht direkt zu sprechen. Mir wurde klar, dass wir künftig Chancen für solche Begegnungen früher erkennen und wo möglich dann auch zum Beispiel ein separates Gespräch veranstalten und aufzeichnen sollten. Ich bin mir sicher, dass es in Deutschland und Japan nicht wenige Leute gibt, die sich das gerne im Netz ansehen würden.

Worin besteht aus Ihrer Sicht die Bedeutung einer mehrmonatigen Künstlerresidenz?

Die Stipendiaten bleiben für drei Monate in der Villa Kamogawa. Durch die mehrmonatigen Residenzen kann eine viel nachhaltigere Vernetzung und tiefere Auseinandersetzung mit Themen und der Umgebung vor Ort entstehen als bei Kurzbesuchen. Die kreativen Impulse nehmen die Künstler/-innen dann mit nach Hause, sie wirken weiter und werden früher oder später sichtbar: Auf unserer Webseite weisen wir auf die manifesten Ergebnisse der Aufenthalte hin.

Markus Wernhard, Foto: Goethe-Institut/Eriko Shigematsu Markus Wernhard kam nach dem Abschluss seines Studiums der Sinologie, Japanologie und Germanistik an der Universität München ans Goethe-Institut. Dort leitete der u.a. die Institute in Peking und Taipei und betreute die Programmarbeit der Region Ostasien. Seit 2014 ist er Leiter der Villa Kamogawa.
Die Fragen stellte Pia Entenmann
© Goethe-Institut, 2014
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