Sprache und Gesellschaft

Die Rolle des Alters beim Sprachenlernen

Stimmt es, dass Kinder Fremdsprachen besser lernen als Erwachsene?  Foto: Catherine Yeulet © iStockphotoStimmt es, dass Kinder Fremdsprachen besser lernen als Erwachsene?  Foto: Catherine Yeulet © iStockphoto„Wer die Pubertät hinter sich hat, kann eine andere Sprache nicht mehr perfekt erlernen.“ Nicht nur solche Aussagen sind unter Hirnforschern und Linguisten umstritten. In einem Punkt sind sie sich aber alle einig: Kinder lernen Fremdsprachen anders als Erwachsene.

„Good morning, boys and girls!“ Jahrzehntelang begann der Fremdsprachenunterricht für die meisten deutschen Schüler in der fünften Klasse mit den ersten englischen Vokabeln und Floskeln. Doch seit einigen Jahren beginnen immer mehr Grundschulen, aber auch Kindergärten und Kindertagesstätten in Deutschland, schon die kleineren Kinder an die erste Fremdsprache heranzuführen. Um bereits die ganz Kleinen optimal auf eine mehrsprachige Zukunft vorzubereiten, vertreten Eltern, Erzieher und Bildungspolitiker in Bezug auf das Fremdsprachenlernen zunehmend das Credo „Je früher, desto besser!“ Aber bedeutet das eigentlich, dass kleine Kinder Fremdsprachen generell besser lernen als Jugendliche oder Erwachsene?

Lernen Kinder Sprachen besser?

Lernen Kinder Sprachen besser?  Foto: Andrew Rich © iStockphoto„Das kommt ganz darauf an, was man unter ‚gutem‘ Fremdsprachenlernen versteht“, meint Rüdiger Grotjahn, Professor für Sprachlehrforschung an der Ruhr-Universität Bochum. „Wenn man auf das letztendliche Ergebnis des Spracherwerbs schaut, ist ein früher Lernbeginn jedenfalls sicher von Vorteil.“ Das gilt insbesondere für das Erlernen einer authentischen Aussprache. Viele seiner Kollegen gehen sogar davon aus, dass man mit dem Erlernen einer Fremdsprache innerhalb einer bestimmten Altersphase – vor der Pubertät oder sogar noch viel früher – beginnen muss, um eine muttersprachliche Aussprache erreichen zu können. Es ist aber umstritten, ob eine solche sogenannte „kritische Phase“ überhaupt existiert. Denn es gibt durchaus auch Beispiele von Lernern, die noch im Erwachsenenalter eine perfekte Aussprache in einer Fremdsprache erreicht haben.

Alt an Jahren hat viel erfahren – Vorteile älterer Fremdsprachenlerner

Ältere Fremdsprachenlerner haben mitunter sogar Vorteile.  Foto: Vikram Raghuvanshi Photography © iStockphotoVersteht man unter gutem Sprachenlernen schnelles Sprachenlernen, dann schneiden junge Kinder im Vergleich zu Jugendlichen oder auch jungen Erwachsenen allerdings nicht mehr so gut ab: Vor allem zu Beginn des Fremdsprachenunterrichts machen Jugendliche und junge Erwachsene laut Grotjahn schneller Fortschritte als Kinder. Was das Vokabellernen und das Leseverständnis angeht, sind Jugendliche und zum Teil auch ältere Erwachsene nicht selten auch langfristig im Vorteil. „In diesem Bereich können die erwachsenen Lerner auf ein wesentlich breiteres Repertoire von begrifflichem Wissen in ihrer jeweiligen Erstsprache und auch auf ein breiteres Repertoire an Weltwissen zurückgreifen. Und aus der Lernpsychologie wissen wir: Erfolgreiches Lernen baut in erster Linie auf vorhandenem Wissen auf.“

Ähnliches gilt, wenn viele Wörter der zu lernenden Fremdsprache anhand der Erstsprache eines Lerners erschließbar sind. Weiterhin spielen auch die erworbenen Fremdsprachenlernstrategien eine wichtige Rolle. Wer sein Leben lang gerne und mit Erfolg Fremdsprachen gelernt hat, kann beim Erlernen neuer Sprachen auch im hohen Alter noch punkten – obwohl etwa das Gedächtnis für neue Informationen mit fortschreitendem Alter nachlässt.

Kinder lernen Sprachen mit Hand und Fuß, Erwachsene lernen Sprachen mit dem Kopf

Guter Fremdsprachenunterricht sollte das Alter berücksichtigen.  Foto: Orchidpoet © iStockphotoKinder reagieren auf neue Sprachen häufig neugierig und völlig unbefangen, während Erwachsene beim Erlernen von Wörtern, Strukturen und Konzepten einer fremden Sprache mit zunehmendem Alter auf immer mehr Lern- und Lebenserfahrungen zurückgreifen. So kommt es, dass Kinder in stärkerem Maße imitativ und spielerisch lernen, ältere Menschen sich einer neuen Sprache dagegen häufiger analytisch und mithilfe von expliziten Regeln nähen. Guter Fremdsprachenunterricht sollte diese unterschiedlichen Voraussetzungen und Herangehensweise berücksichtigen, findet Grotjahn. Ob sie nun gemeinsam Frère Jaques oder La Bamba trällern, den Kellner im Urlaub auf Polnisch oder Türkisch begrüßen, chinesische Kinderbücher oder russische Romane lesen – Freude an fremden Sprachen und Kulturen empfinden viele Junge wie Alte jedoch gleichermaßen.

Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011

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