Sprache und Gesellschaft

Platt ist modern – ein paar Einblicke

Die Flagge Ostfrieslands  Foto: gemeinfreiDie Flagge Ostfrieslands  Foto: gemeinfreiPlattdeutsch ist wieder populär. Von Borkum im Nordwesten Deutschlands bis Usedom im Osten wird im Norden vielerorts Platt gesprochen. Junge Menschen lernen es wieder, Gästen wird es beigebracht. Die Nähe zum Englischen vereinfacht das Lernen.

Plattdeutsch ist keine Randerscheinung mehr. Es geht immer mehr Menschen in Deutschland über die Lippen. Längst sind die aktuellen Lieder junger Musikhörer voll davon. Mal hineinhören? Die Gruppe Fettes Brot kreuzt elegant in ihrem Song Nordisch by Nature Deutsch und Englisch mit Plattdeutsch. Bei der Tüdelband muss der Hörer schon Grundkenntnisse mitbringen, sonst bleiben die rein plattdeutschen Lieder unverständlich. Doch der Rhythmus packt die Fans wie die Stimme der gepiercten Sängerin. Quer durch Norddeutschland ist die Tüdelband auf Tournee. Woher kommt die Faszination einer alten, eigenständigen Sprache, die immerhin heute schon ein Drittel aller Deutschen versteht?

Aktuelle Begriffe: „Miendientje“ oder „Biojüch“

Die Tüdelband  Foto: © PRDie Nachfrage bei der „Ostfriesischen Landschaft“ in Aurich – pardon: auf Plattdeutsch Auerk – ergibt ein eindeutiges und humorvoll gemaltes Bild. Die Wächter über die Kultur der Region und das Plattdeutsche setzen auf Qualität, damit die Regionalsprache ernst genommen wird. Sie ist schließlich als eigenständige Sprache von der Europäischen Sprachencharta anerkannt. Die Mehrsprachigkeit in Kindergärten und Grundschulen wird von dem Büro in Aurich gefördert. „Ständig müssen wir auch neue Begriffe finden“, stöhnt eine Mitarbeiterin. „Früher gab es ja keinen Laptop, den nennen wir jetzt Klappreekner (Klapprechner).“

So ist das „starke Team“ eine „krachtige Koppel“, „downloaden“ heißt „runnerladen“, das Mobiltelefon nennt sich „Ackersnacker“, weil der Bauer damit auf seinem Traktor vom Feld aus telefonieren kann. Beim Trennstab auf dem Endlosband vor der Kasse beim Einkaufen gaben sich die Sprachwächter aus Aurich besondere Mühe: Er heißt „Miendientje“ – also Meins-Deins, was meine Einkäufe von deinen Einkäufen abgrenzt. Außerdem wird das plattdeutsche Wort des Jahres gewählt. Für 2010 stand „Spijöök“ ganz oben, was eine Verbindung aus Spaß und Flunkerei ist. 2011 war es „Langtöögsch“, was langsam und pomadig bedeutet. Der beste aktuelle Begriff beschrieb den Kraftstoff E 10 als „Biojüch“ – Bio-Jauche. Immer am 17. Juni wird das neueste „Wort des Jahres auf Plattdeutsch“ verkündet.

Auszubildende und Demenzhelfer sollten Platt können

„Nordisch By Nature“ von der Band Fettes Brot  Foto: © AlternatioVon Borkum im Westen Norddeutschlands über Bremen und Hamburg hinauf bis Sylt und Flensburg und bis Usedom in Mecklenburg-Vorpommern an der polnischen Grenze reicht das Verbreitungsgebiet des Plattdeutschen. Im Süden reicht es bis Göttingen. Die regionalen Unterschiede sind da. Alle lieben aber ihre Sprache, die sie möglichst vielen Gästen beibringen möchten. Neuerdings gibt es Sprachkurse für Touristen. Es suchen Handwerksbetriebe verstärkt Auszubildende, die die Regionalsprache beherrschen. „So verstehen uns die Kunden auf dem Lande besser“, erläutert der Meister eines Elektrobetriebs in Leer, der auf diese Art der Ansprache schon mehr Aufträge als die Konkurrenz bekam. Selbst bei Demenzhelfern wird an manchen Orten darauf Wert gelegt, dass sie Plattdeutsch beherrschen. „Die alten Leute gehen bei der Krankheit in ihrer geistigen Entwicklung ständig zurück zur Kindheit“, sagt eine Pflegeleiterin in einer Alteneinrichtung in Hannover, „da verlieren sie ihr Hochdeutsch irgendwann und sprechen nur noch Niederdeutsch.“

Niederdeutsch lautet der andere Name dieser westgermanischen Sprache, die sich nicht nur im Norden Deutschlands, sondern auch im Osten der Niederlande verbreitet hat. Plattdeutsch ähnelt in vielen Ausdrücken dem Englischen. Das plattdeutsche „water“ wird nur anders gesprochen, aber genauso geschrieben wie im Englischen. Ebenso ist es bei der „pann“, „the pan“ oder der Pfanne wie auch bei der „melk“, „the milk“, der Milch. Deshalb lockte es einst den Afroamerikaner Curtis Fort aus Massachusetts in den USA in die Nähe von Leer in Ostfriesland. Er lernte sogar Saterfriesisch, eine bedrohte Sprache, die dem Plattdeutschen ähnelt und nur noch von etwa 1.500 Menschen gesprochen wird. Fort wurde Professor für Germanistik und übersetzte sogar das Neue Testament ins Alt-Ostfriesische.

Vier Millionen Deutsche können es gut sprechen

Das Buch „Fiete lehrt Plattdüütsch“ Foto: © Husum VerlagHeute sprechen rund sechs Millionen Deutsche Plattdeutsch, vier Millionen davon beherrschen es sogar gut bis sehr gut. Um die Kultur zu verbreiten, hat sich schon 1996 die Ostfriesische Botschaft gegründet. Dort lässt sich spaßeshalber ein Einbürgerungsantrag mit Testfragen absolvieren. Wächst der Tee bei Ebbe im Wattenmeer oder auf Plantagen in Indien? Der Kandidat muss auch eine Kuh erkennen und als solche bezeichnen können, um dann die Frage zu beantworten: Wird dieses Tier in Ostfriesland im Agrarbereich eingesetzt, als Gottheit verehrt oder zu Hochzeiten verschenkt?

Die sentimentale Hymne mitzusingen ist dann schon fast ein Zeugnis für mehrmonatiges Lernen. In Oostfreesland is’t am besten lautet der etwas platte Titel, aber so ist auch die Landschaft im Norden Deutschlands – platt oder flach. Dafür ist der Text voller Selbstironie und die Melodie eingängig. Sie stammt vom Volkslied Weißt Du wieviel Sternlein stehen? Für Ostfriesen ist das eine Sternstunde.

Literatur:

Rolf Schwippert:
Fiete lehrt Plattdüütsch: En Lehrbook för Anfänger, Lütte un anner Lüüd (Verlag Husum, 6. Aufl. Nov. 2011)

Ina Müller:
Platt is nich uncool (Quickborn-Verlag, 2002)

M. Ord(t)schreiber:
Treffer in Telgte (Kriminalroman, Aschendorff Verlag, 2009)

Adolf Wohlers:
Keen Tied, keen Tied! Plattdeutsche Döntjes (Frieling Verlag Berlin, 1999)

Knut Diers
versteht Plattdeutsch und hat zwei Reisebücher über Ostfriesland geschrieben. Zuvor studierte er in Gießen Geographie und Volkswirtschaft, war 20 Jahre Zeitungsredakteur und ist jetzt mit dem Redaktionsbüro Buenos Diers Media in Hannover selbstständig.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2012

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