Sprache im Wandel

Anglizismen verändern die deutsche Sprache

Des tournures anglaises entières ont fait leur entrée dans la langue allemandeGanze Redewendungen aus dem Englischen haben inzwischen Eingang ins Deutsche gefunden  Copyright: iStockphoto - PgiamService-Point und Mainstream – ganz klar, diese deutschen Wörter kommen aus dem Englischen oder tun wenigstens so. Doch viele Spuren des Englischen – die sogenannten Lehnübersetzungen – sind nicht so leicht erkennbar.

So wie die Lingua Franca des Mittelalters in den modernen europäischen Sprachen tiefe Spuren hinterlassen hat, durchdringt das Englische heute die Sprachen rund um die Welt. Mit besonders großer Leichtigkeit vermag die deutsche Sprache englische Ausdrücke und Wendungen zu integrieren; die enge Verwandtschaft der beiden germanischen Sprachen erleichtert das.

Englisch, das keins ist

Die Deutschen übernehmen nicht nur englische Ausdrücke, sie erfinden sogar neue. Vieles, was wie eine Übernahme aussieht, gibt es im Englischen gar nicht oder nur mit anderer Bedeutung. Der kreative Umgang von Sprechern und Schreibern des Deutschen mit englischen oder vermeintlich englischen Begriffen stellt Übersetzer und Dolmetscher vor ungewöhnliche Herausforderungen. „Man muss genau überlegen, wie ein deutscher Autor einen englischen Begriff meint und was er aussagen will“, erzählt der britische Übersetzer Chris Cave. „Wenn der Begriff eigentlich unpassend ist, muss man eine englische Alternative finden.“

Bekannteste Beispiel: Das Handy  Copyright: iStockphoto - Andrzej BurakDas bekannteste Beispiel für einen solchen Pseudoanglizismus ist die umgangssprachliche Bezeichnung des Mobiltelefons: „Handy“. Das englische Wort handy ist kein Substantiv, sondern ein Adjektiv mit der Bedeutung „handlich, griffig“. „Handy“ ist ein durch und durch deutsches Wort. Auch die Aussprache mit deutschem ä oder e erinnert allenfalls entfernt an den deutlich dunkleren englischen Laut. Auch andere englische Ausdrücke wurden an das deutsche Lautsystem angepasst. So klingt etwa „Spray“ auf Deutsch etwa so wie der Berliner Fluss Spree.

Bereicherung der deutschen Sprache

Früher deutschte man meist auch die Schreibweise ein, wie beim „Keks“, der schon Anfang des 20. Jahrhunderts aus cakes (Plural von cake – Kuchen) abgeleitet wurde. Kleine, industriell gefertigte, trockene Gebäckstücke waren Anfang des 20. Jahrhunderts etwas Neues, also musste auch ein neues Wort dafür her. Der „Keks“ hat die deutsche Sprache demnach bereichert.

Ähnlich verhält es sich heute in der Informationstechnologie: Auch hier müssen permanent neue Ausdrücke für neue Prozesse oder Produkte gefunden werden. Wen wundert, dass in einer vernetzen Welt Wörter wie „Server“ oder „Download“ nahezu ausnahmslos aus dem Englischen stammen?

Auch Lehrenden von Deutsch als Fremdsprache (DaF) machen Anglizismen zu schaffen. Räumen sie ihnen zu viel Platz im Unterricht ein, wirkt sich das negativ auf die Lernmotivation aus, glaubt der Germanist Christoph Meurer. Die Lernenden würden fragen: „Warum soll ich überhaupt Deutsch lernen, wenn die Deutschen selber nicht zu ihrer Sprache stehen?“

Der Keks wurde von dem Englischen Wort cakes abgeleitet  Copyright: iStockphoto - Pali RaoManche DaF-Experten sehen in der großen Nähe von Deutsch und Englisch aber auch einen Vorteil. Sie haben unter dem Stichwort Deutsch nach Englisch Konzepte entwickelt, wie DaF-Lehrkräfte sich die Englischkenntnisse ihrer Schüler zu Nutze machen können. Bei der Wortschatzarbeit können Anglizismen hilfreich sein, um Anfängern über vertraut klingende Vokabeln den Zugang zum Deutschen zu erleichtern.

Eine lebendige, entwicklungsfähige Sprache

Die vielen Anglizismen vor allem in Bereichen wie Werbung, Wirtschaft und Technik wundern auch den Übersetzer Cave. „Normalerweise werden Lehnwörter nicht in dem Ausmaß übernommen, wie das in Deutschland in den vergangenen Jahren passiert. Ich weiß nicht, wie ältere Leute ohne Englischkenntnisse überhaupt noch zurechtkommen – besonders wenn sie einen Telefon-, Fernseh- oder Internetanschluss brauchen.“

Anglizismen mögen viele stören und vor Verständnisprobleme stellen, doch in Auflösung ist die Deutsche Sprache deshalb nicht begriffen. Solange eine Sprache im Stande ist, fremde Wörter so wie einheimische Wörter den eigenen Regeln zu unterwerfen, ist sie nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Es ist ein Zeichen für eine lebendige und entwicklungsfähige Sprache. So werden Verben wie „mailen“ oder „downloaden“ ganz selbstverständlich wie alle anderen deutschen Verben konjugiert. „Downloaden“ ist sogar trennbar („Ich habe das downgeloadet“). Auch die Lehnübersetzung „(he)runterladen“ ist gebräuchlich.

Bedeutungserweiterung oder -verwirrung?

Doch: Die deutsche Sprache ist nicht in Gefahr  Copyright: iStockphoto - foto IEIn den vergangenen Jahren haben nicht nur einzelne Wörter, sondern auch ganze Redewendungen als Lehnübersetzungen Eingang ins Deutsche gefunden: Vom „frühen Vogel“, der „den Wurm fängt“ und Dingen, die sich „am Ende des Tages“ als gut erweisen werden, hört und liest man immer häufiger. Auch beliebt: „Ich erinnere das“ (statt „Ich erinnere mich daran“, von I remember that), „in 2007“ (anstatt „im Jahr 2007“) oder „Er hat das erst später realisiert“ (von realise, eigentlich: „Er hat das erst später bemerkt“).

Der Sprachkritiker Dieter E. Zimmer warnt vor Missverständnissen: Oft sei nicht sicher, ob die englische oder die hergebrachte deutsche Bedeutung gemeint sei. Ist diese Sorge berechtigt? Das englische vital bedeutet „lebenswichtig“ oder „entscheidend“, das deutsche Wort – ursprünglich – „lebenskräftig, energetisch“. Bestehen tatsächlich Zweifel daran, welche Bedeutung gemeint ist, wenn deutsche Politiker von „unseren vitalen Interessen“ sprechen? Bekannt für diese Diplomaten-Sprache ist der ehemalige Außenminister Joschka Fischer. Nach dessen Ausscheiden aus dem Amt sagte sein Parteifreund Reinhard Bütikofer, Fischer sei noch „vital und jung“. Energetisch, ja, aber lebenswichtig, gar für die eigene Partei? Wollte Bütikofer das sagen? Nicht wirklich. Verzeihung: Bestimmt nicht.

Literatur:

Britta Hufeisen:
Englisch im Unterricht Deutsch als Fremdsprache (München 1994)

Britta Hufeisen/Gerhard Neuner (Hrsg.):
Mehrsprachigkeitskonzept – Tertiärsprachen – Deutsch nach Englisch (Strasbourg 2003)

Christoph Meurer:
Anglizismen im DaF-Unterricht? Phänomen, Probleme und Möglichkeiten zur praktischen Erarbeitung, in: Deutsch als Fremdsprache 4/2008. S. 228–232.

Graham Pascoe/ Henriette Pascoe:
Sprachfallen Englisch (Ismaning 2008)

Uwe Pörksen:
Is German a mixed language? The Role of Latin, French, and English in the History of the German Language, in: Art & Thought/Fikrun wa Fann 91. S. 16–21. (2009)

Dieter E. Zimmer:
Deutsch und anders. Die Sprache im Modernisierungsfieber (Reinbeck bei Hamburg 1997)

Christoph Brammertz
Online-Redaktion des Goethe-Instituts

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August 2009

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