Chronik einer langen Debatte: Die Rechtschreibreform

Mehr als zehn Jahre lang wurde über die Reform der deutschen Rechtschreibung debattiert und – teilweise hochemotional – gestritten, bevor sie nach zahlreichen Modifikationen zum 1. August 2007 verbindlich in Kraft trat.
Die lange Geschichte der deutschen Rechtschreibreform ist im Prinzip schnell erzählt. Mitte der 80er Jahre setzte sich eine Gruppe von Fachleuten aus der Bundesrepublik, aus Österreich und der Schweiz zusammen, um über eine staatliche Regelung der Rechtschreibung zu beraten. Die Reform sollte das Monopol des Duden beenden, der seit den 50er Jahren – so hatte es die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen – maßgebend war: "In Zweifelsfällen gilt der Duden."
Diverse Vorschläge für eine Reform, die das Institut für Deutsche Sprache im Auftrag der zuständigen staatlichen Stellen ausarbeitete, wurden kritisiert, abgelehnt, überarbeitet. Am 1. Juli 1996 war nach zehn Jahren der erste Meilenstein erreicht: Deutschland, Österreich und die Schweiz unterzeichneten in Wien eine Gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Sie trat zum 1. August 1998 mit einer Übergangszeit von sieben Jahren offiziell in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt wurde die neue Schreibung in den Schulen unterrichtet und im Schriftverkehr der Behörden verwendet – und es wurde vor allem heftig über sie gestritten.
Eine Reform unter Druck
Auch damit, dass die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen und mit ihnen die meisten Zeitungen und Zeitschriften zum 1. August 1999 auf die neue Schreibung umstellten, kam keine Ruhe in die Debatte. Je näher das Ende der festgelegten Übergangsfrist rückte, desto mehr Raum erhielten die Proteste in den einschlägigen Feuilletons.Zunächst kehrte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 1. August 2000 zur – wie es dort hieß – "bewährten" Schreibung zurück. Im März 2003 legte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Kompromissvorschlag vor. Akademien der Wissenschaften und Künste appellierten im November 2003 an die Kultusminister, die Reform grundlegend zu überarbeiten. Das deutsche PEN-Zentrum forderte im Mai 2004 sogar das Ende der Rechtschreib-reform. Und ab August 2004 schließlich schrieben dann auch die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags (unter anderem Bild und Die Welt) sowie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel wieder nach den alten Regeln.
Der Rat der Weisen
Trotz des Drucks der Kritiker beschlossen die Kultusminister der deutschen Bundesländer am 3. Juni 2004, die Rechtschreibreform verbindlich an den deutschen Schulen einzuführen. Jedoch kündigte die KMK zugleich an, einen "Rat für deutsche Rechtschreibung" einzusetzen.Dem neuen Gremium, das sich im Dezember 2004 unter dem Vorsitz des ehemaligen bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair konstituierte, gehörten 38 Experten aus fünf Ländern an – Sprachwissenschaftler, Vertreter von Verlagen, Schriftsteller- und Journalistenverbänden, Lehrerorganisationen sowie Vertreter des Bundeselternrates. Seine Aufgabe war es, im Streit um die Reform eine einvernehmliche Lösung zu finden. Dabei wurden auch Gegner der Reform eingeladen, sich im Rat an deren Weiterentwicklung zu beteiligen.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung lehnte zunächst eine Teilnahme ab, nachdem die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem offenen Brief dazu aufgerufen hatte, die Mitarbeit an der "vollständig mißratenen" Reform prinzipiell zu verweigern. "Wir sind nicht irgendwelchen Autoritäten, die uns etwas 'vorschreiben' wollen, hörig, und wir sind auch nicht auf Kompromißsuche. Zweitbeste Lösungen sind nicht unsere Sache, weil wir Per-fektionisten der Sprache sind." Anfang Juni 2005 wurde die Deutsche Akademie dann dennoch – und "für den Rechtschreib-frieden" – ordentliches Mitglied des Gremiums.
Der ausgehandelte Kompromiss
Das erste Ergebnis, das die Arbeit des Rates auf der Suche nach einem Kompromiss zeitigte, lautete damals, dass die Rechtschreib-reform am 1. August 2005 für die deutschen Schulen und Behörden nur teilweise verbindlich werden sollte. So traten zunächst lediglich die von der KMK als unstrittig bewerteten Teile der Reform in Kraft: die Laut-Buchstaben-Zuordnung (also zum Beispiel Doppel-"s" statt "ß" nach kurzem Vokal), das Zusammentreffen dreier Konsonanten (wie in "Schifffahrt") und die Fremdwortschreibung.Für die vier großen umstrittenen Kernbereiche der Reform – die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Groß- und Klein-schreibung, die Zeichensetzung sowie die Worttrennung – arbeitete der Rat Empfehlungen aus. Sie wurden am 2. März 2006 in Berlin einstimmig von der Kultusministerkonferenz beschlossen. Die Ministerpräsidentenkonferenz bestätigte diese Entscheidung am 30. März, so dass die Reform der Rechtschreibung mit den beschlossenen Modifikationen am 1. August 2006 endgültig in Schulen und Behörden in Kraft treten konnte. Verbindlich wurden die neuen Regeln aber erst ein Jahr später – zum 1. August 2007. Seither werden die überholten Schreibungen in Schulen als falsch gewertet.
Bereits zum 1. Januar 2007 passten auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere reformkritische Tageszeitungen ihre Schreibung den modifizierten Regeln an. Und damit war das von vielen lang ersehnte Ende der Debatte erreicht – ungeachtet einer Reihe von Unversöhnlichen. Schriftsteller wie Judith Hermann, Daniel Kehlmann, Christian Kracht, Helmut Krausser und Feridun Zaimoglu erklärten: „Der Staat gehört nicht zu den Instanzen, denen Literatur sich unterwirft. […] Wir jedenfalls werden unsere Bücher weiter in der Schreibweise drucken lassen, die wir für richtig halten.“ Und das bleibt ihnen (weiterhin und in aller Zukunft) unbenommen.
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Dezember 2007










