Der erste Babyschrei – aber bitte mit Akzent!

Vergleiche zwischen wenige Tage alten Babys zeigen: Selbst Neugeborene schreien in ihrer Muttersprache. Der Grund sind vermutlich unterschiedliche Betonungsmuster, die bereits im Mutterleib wahrgenommen und später reproduziert werden.
Verglichen wurden Tonaufnahmen von je 30 französischen und deutschen Säuglingen im Alter zwischen zwei und fünf Tagen. Immer wenn die wenige Tage alten Babys Hunger, Durst oder einfach nur Sehnsucht nach ihrer Mutter hatten und dies mit ihrem Schreien kund taten, standen die Wissenschaftler mit ihren Mikrofonen parat und zeichneten die Klagen auf. Mithilfe eines Computerprogramms wurden die mehr als 20 Stunden Schreiaufnahmen dann ausgewertet.
Französisch oder Deutsch? Plattdeutsch oder Oberbayrisch?
Dass sich Babys im Mutterleib im letzten Schwangerschaftsdrittel zu aufmerksamen Zuhörern entwickeln, wusste man schon vorher. „Besonders die Stimme der Mutter wird schon früh wahrgenommen“, erklärt Prof. Dr. Angela D. Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. „Im Uterus nehmen die Kinder in etwa bei 400 Hertz gefilterte Informationen wahr, die Worte selbst können sie nicht hören. Das ist etwa so, wie wenn Sie den Kopf unter Wasser halten und neben der Badewanne jemand spricht.“
Unterschiede zwischen dem Walisischen und Nordschottischen oder dem Plattdeutschen und Oberbayrischen können die Kleinen also eher nicht wahrnehmen, sehr starke Unterschiede in den Betonungsmustern der jeweiligen Muttersprachen jedoch schon. Das konnten die Leipziger Forscher bereits 2007 mithilfe hirnphysiologischer Untersuchungen an drei bis vier Monate alten Babys zeigen. Dafür wurden den Kleinen Hauben mit Elektronen aufgesetzt und verschiedene Betonungsmuster vorgespielt. Selbst wenn die Kinder schliefen, haben ihre Hirnwellen auf die Unterschiede reagiert.
Mit dem ersten Schreien beginnt Sprache
Zur gleichen Zeit konnte Prof. Dr. Kathleen Wermke in ihrer Habilitation zeigen, dass es sich beim Babygeschrei um einen ersten Schritt bei der Entwicklung der Sprache handelt. „Vorher dachte man“, so Wermke, „der Babyschrei sei nur ein Alarmsignal, um die Mutter zu rufen. Diese Annahme wurde korrigiert, als wir bemerkten, dass sich die Schreie von Woche zu Woche ändern. Was hätte das für einen biologischen Sinn? Wenn eine Feuerwehrsirene jeden Tag anders klingen würde, würden wir sie ja gar nicht erkennen!“
Die Frage, ob die Babyschreie schon Betonungsmuster der verschiedenen Muttersprachen aufweisen, lag somit auf der Hand. Dafür arbeiteten die Leipziger Hirnforscher und die „Schreiforscher“ vom Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Universität Würzburg Hand in Hand mit den Kollegen am Laboratoire de Sciences Cognitives et Psycholinguistique der Ecole Normale Supérieure in Paris. Für den Vergleich wurden deutsche und französische Babys ausgewählt, weil in den beiden Muttersprachen besonders große Unterschiede in der Intonation, also in Melodie und Rhythmus, bestehen. So wird der deutsche „Pápa“ auf Französisch zum Beispiel „Papá“ genannt.
Das erstaunliche Ergebnis: Den akustischen Input, den die Babys im Uterus wahrnehmen, nutzen sie schon wenige Tage nach der Geburt, um sich in ihrer Sprachproduktion auf ihre Zielmuttersprache einzustellen. Die Schreimelodie der deutschen Säuglinge begann meist laut und hoch und folge dann einer abfallenden Kurve, die französischen Säuglinge schrien dagegen öfter in ansteigenden Melodien. Damit reproduzieren sie genau diejenigen Intonationsmuster, die für ihre jeweiligen Muttersprachen typisch sind.
„Stimmexperten im Vergleich mit allen anderen Tieren“
Das Ergebnis unterstützt die These, dass die Sprachentwicklung nicht wie bisher angenommen erst mit den ersten sprachähnlichen Babbellauten wie „mam-mam-mam“ oder „ba-ba-ba“ im Alter von neun bis zehn Monaten, sondern mit den ersten Lauten beginnt. „Wir werden geboren, um Sprache zu lernen. Und das geht sofort los“, meint Prof. Dr. Kathleen Wermke vom Zentrum für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Universität Würzburg. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Werner Mende von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat sie herausgefunden, dass die frühe Sensibilität für sprachmelodische Eigenschaften den Säuglingen später beim Erlernen ihrer Muttersprache hilft. „Die im Weinen trainierten Melodiemuster sind Bausteine für die nachfolgenden Lautproduktionen, wie dem Gurren und Babbeln bis hin zu den ersten Worten und Sätzen“, so Wermke.
Außerdem wurde mit den Ergebnissen wieder einmal belegt, wie die Sprache den menschlichen Säugling von allen anderen Primaten unterscheidet. Bei Schimpansenjungen ist die „Schreimelodie“ nämlich eng an Aufbau und Abfallen des Atemdrucks gekoppelt und wird nicht vom Gehirn generiert. „Im Vergleich zu den Lauten anderer Primaten zeigt das Schreien eines menschlichen Neugeborenen ein fantastisches Repertoire an melodisch-rhythmischen Variationen“, so Wermke. „Unsere Babys sind Stimmexperten im Vergleich zu allen anderen Tieren.“ Ob das ein kleiner Trost für nervengeplagte Eltern sein kann?
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Literatur: Birgit Mampe, Angela D. Friederici, Anne Christophe, Kathleen Wermke: K. Wermke, D. Leising, A. Stellzig: |
Janna Degener
arbeitet als freie Journalistin in Köln.
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Januar 2010
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