Job

Aus den Kampfstiefeln in die Badehose

Von der Bundeswehr zum Freiwilligendienst

Foto: privat

(Foto: privat)
David Nowotny ist eine Ausnahme. In der ersten Jahreshälfte musste beinahe noch jeder männliche Abiturient seinen Wehr- oder Zivildienst zwingend ableisten. David macht dies nun freiwillig. Seit Abschaffung der Wehrpflicht zum 1. Juli geht die Zahl derer, die aus freien Stücken zum Bund gehen oder für einige Zeit im sozialen Bereich arbeiten, stark zurück. David hat sich trotzdem dafür entschieden.

Es dauerte eine Zeit bis es auffiel, aber tatsächlich: die Horden junger Rekruten, die jeden Sonntagabend mit dem Zug in die Kaserne nach Pfreimd in der Oberpfalz gekarrt wurden, sind verschwunden. Es fühlt sich fast seltsam an, dass man sich nicht länger den Weg durch den engen mit olivgrünen Wäschesäcken gesäumten Gang bahnen muss, um einen freien Platz zwischen den grün-braun uniformierten Männern zu ergattern.

Doch nicht nur im Zug fällt der fehlende Bundeswehrnachwuchs auf. Auch die Kasernen sind längst nicht mehr so gefüllt wie noch vor einigen Monaten. Manch einer fürchtet gar den Untergang der Bundeswehr. Die gleichzeitige Abschaffung des Zivildienstes riss ebenso ein Loch in die Organisation der Altenheime, Krankenhäuser und Vereine, denen nun ein sozialer Knockout droht.

David Nowotny wollte Abstand und Zeit gewinnen, über seinen weiteren Lebensweg nachzudenken. „Da die Bundeswehr massiv nach Freiwilligen sucht, habe ich mich dann dafür entschieden“, erzählt der 18-jährige, der in diesem Jahr mit dem Abitur am Pindl-Gymnasium in Regensburg seine Schullaufbahn abschloss. Nach der Musterung wurde er dem Führungs- und Unterstützungsbatallion in Dillingen an der Donau in Schwaben zugewiesen.

Gesund aber krank

(Foto: privat)
Doch gleich in der ersten Woche konnte David den täglichen Morgensport oder den Unterricht in Marschieren nicht mitmachen. „Jeder muss zu Beginn der Ausbildung bei der Sanitätsstaffel eine Hauptuntersuchung durchführen lassen“, erklärt David. „Leider wurde jedoch nicht meine Gesundheitsakte nach Dillingen geschickt, sondern die meines Bruders.“ Deshalb konnte er nicht an der Untersuchung teilnehmen und bekam für zwei Wochen den Status eines Kranken zugeschrieben: „Obwohl ich topfit war, wurde mir lediglich das Selbststudium eines Ordners mit Informationen zur Bundeswehr verordnet.“

David wirkt deprimiert, während er von diesem ersten Eindruck beim Bund erzählt. „Ich fühlte mich immer in der Bringschuld, obwohl ich nichts für die Situation konnte.“ Zu allem Überfluss erkrankte er dann tatsächlich und wurde für einige Tage nach Hause geschickt. „Als ich wieder kam, fühlte ich mich total ins kalte Wasser geschmissen, denn meine Kameraden waren mir weit voraus.“ Der Entschluss das Handtuch zu werfen lag deshalb nicht fern.

Durch Zufall ergab sich für ihn die Chance, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Sportbereich zu absolvieren. Als der langjährige Schwimmer bei einem Wettkampf des Schwimmclubs Regensburg aushalf, kam ein Trainer auf ihn zu, um ihm ein FSJ Sport vorzuschlagen. „Die Tatsache, dass auch eine ehemalige Schwimmerkollegin aus meiner aktiven Zeit in der ersten Mannschaft bereits für ein FSJ unterschrieben hatte, bestärkte mich in meiner Entscheidung“.

David hat also im September die Betreuung der Anwärter für die erste Wettkampfmannschaft und die der Anfänger übernommen: „Dafür werde ich auch den Trainerschein machen müssen.“ Seit Oktober fällt auch ein stadtgefördertes Kindergartenprojekt in Davids Aufgabenbereich. „Natürlich helfe ich auch bei Wettkämpfen und im Trainingslager, also überall wo gerade Not am Mann ist“, sagt David.

Zu seinen Kollegen bei der Bundeswehr hat er trotzdem noch Kontakt. „Wir waren ein gemischter Haufen aus Abiturienten, Hauptschulabsolventen, gescheiterten Selbstständigen oder Jungs ohne Ausbildung.“ Viele sähen die Bundeswehr als Chance für einen Neubeginn. Selbst wenn sein Start bei der Bundeswehr nicht optimal gelaufen ist, wird David doch zumindest der Schriftzug über dem Eingang des ersten Zuges in Erinnerung bleiben: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“

Magdalena Wagner

Copyright: Goethe-Institut Prag
September 2011

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