Kultur

Die Kunst, Nachbar zu sein

Karel Cudlín

Wie eine junge tschechische Künstlerin Menschen zusammenführt

`Das Projekt „Over and Over“ wurde auch auf dem Berliner Biennale vorgestellt. © Karel Cudlín
Manchmal wird gestritten, ob es eigentlich Kunst ist, was Kateřina Šedá macht. Normalerweise ist man sich zumindest einig, dass sie etwas Außergewöhnliches tut, egal wie man es nennt. Kateřinas Ansatz ist konzeptuell: Sie stellt keine Skulpturen, Bilder, Videos oder Fotografien her, sondern Situationen. Daraus entstehen dann meist Zeichnungen oder Objekte, die diese Situationen dokumentieren. Sie sind allerdings bei weitem nicht so wichtig wie das Geschehen selbst.

Einer von Kateřinas Interessensschwerpunkten sind die Beziehungen zwischen Menschen, die gemeinsam an einem Ort leben. Dieses Thema geht sie nicht etwa theoretisch, allgemein oder distanziert an, ganz im Gegenteil: Für ihre Projekte sucht sie konkrete Menschen und Dörfer aus und entwickelt direkt für sie Situationen, in denen die Bewohner etwas gemeinsam erleben und sich näher kennenlernen können. Sie sollen aber nicht nur die gemeinsame Erinnerung daran teilen, sondern auf dieser Basis selbst neue gemeinsame Erlebnisse schaffen. Kateřina schafft dadurch ein Geschehen, aus dem zukünftig sogar örtliche Legenden entstehen können. Das gilt ganz sicher auch für ihr bisher letztes großes Projekt Von früh bis spät (Od nevidím do nevidím) , das sie im vergangenen Jahr für die Londoner Galerie Tate Modern gemeinsam mit den Einwohnern von Bedřichovice realisierte.

Ein mährisches Dorf in London

Das Dorf befindet sich in der Nähe von Brno. Dorthin pendeln die meisten der Dorfbewohner täglich zur Arbeit, sodass ihnen nur wenig Zeit bleibt, sich mal mit den Nachbarn zu treffen. Im vergangenen September sind 80 Bewohner von Bedřichovice gemeinsam mit Kateřina Šedá nach London gefahren. Dort haben sie ihr Dorf lebendig werden lassen, in den Straßen rund um die Tate Modern Galerie. Auf einer Fläche, die den Ausmaßen von Bedřichovice entspricht, erlebten die Bewohner dieses Dorfes einen „ganz normalen“ Tag: Sie waren gekleidet wie immer und gingen auch den gleichen normalen Tätigkeiten nach. Sie spielten Fußball, hackten Beete, fegten Straßen…

Das ist egal. Foto: Cena Jindřicha Chalupeckého

Kateřinas Oma malt für das Projekt „Das ist egal (Je to jedno)“, für das Kateřina Šedá den Künstlerpreis „Cena Jindřicha Chalupeckého“ 2005 erhielt. © Cena Jindřicha Chalupeckého

Die fremde Umgebung machten diese alltäglichen Tätigkeiten aber zu einem neuen Erlebnis. Menschen, die zuhause achtlos aneinander vorbeigingen, spürten am unbekannten Ort plötzlich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. An dem Projekt nahmen auch 80 Londoner Künstler teil. Im Vorfeld hatten sie Fotografien von Bedřichovice bekommen. Während der Aktion malten sie die Fotografien aus dem Gedächtnis nach, als ob sie gerade in dem mährischen Dorf wären.

Hinter Fenstern – über Zäune

Die Kunst funktionierte in diesem Fall als etwas, das Menschen verbinden kann. Ähnliches gilt auch für viele weitere von Kateřinas früheren Projekten. Einige davon fanden in Líšeň statt, dem Wohnort der Künstlerin. 150 Bürger von Líšeň konnte sie beispielsweise für die Ausstellung hinterm Fenster gewinnen. Dabei konnte jeder in seinem Fenster irgendetwas ausstellen, was er den anderen zeigen wollte. Nachbarn hatten plötzlich etwas, über das sie sich austauschen konnten und boten damit gegenseitig einen Einblick in ihre Privatsphäre.

Jan Kout

Kateřina Šedá erhielt 2005 für ihr Projekt „Das ist egal“ den „Jindřich-Chalupecký-Preis“. © Cena Jindřicha Chalupeckého

In Líšeň wurde auch das Projekt Over and Over (Furt dokola) realisiert. Es reagierte darauf, dass die Zäune und Mauern rund um die Grundstücke im Ort immer höher wurden, so dass sich die Bewohner gar nicht mehr sehen konnten. Kateřina Šedá ging einen direkten Weg von einem Ortsende zum anderen. Dabei überquerte sie private Grundstücke, und musste über etwa 80 Zäune klettern.

Auf der Berliner Biennale baute sie dann getreue Nachbildungen dieser Zäune auf. 40 Zaun-Eigentümer, die mit nach Berlin gereist waren, sollten etwas mitnehmen, mit dessen Hilfe sie ihre Zäune überwinden und zum Nachbarn gelangen konnten. Laut Kateřina Šedá reden die Nachbarn in Líšeň selten miteinander. Es sei deshalb sehr schwer gewesen, sie zu überreden, gemeinsam irgendwo hinzufahren und dort zusammen einen Tag zu verbringen. Dass es schließlich doch gelang, trug zu einem besseren Kennenlernen der Nachbarn von Líšeň bei.

Öfter mal übers Wetter reden

Auch die Bewohner des Dorfes Ponětovice konnte Kateřina Šedá überzeugen, an einer Aktion teilzunehmen. Hierbei sollten alle Einwohner einen ganzen Tag lang zur gleichen Zeit das Gleiche tun. Mit Hilfe von Fragebögen stellte sie fest, zu welcher Tageszeit, wer was üblicherweise tut. Daraus wählte sie typische Tätigkeiten aus und legte dann ein Datum fest, an dem die Ponětovicer scharenweise einkaufen gingen, Fenster putzten und so weiter. Vielleicht hat es die Leute während dieser Aktion mit dem Titel Da ist nichts (Nic tam není) überrascht, wie viele Tätigkeiten sie eigentlich verbinden. Im Projekt Der Geist von Uhyst sollten die Einwohner von Uhyst in der Oberlausitz hingegen mit Hilfe einer gemeinsamen Zeichnung (mit einem Strich pro Person und jeweils einem anderen Zeichengerät) herausfinden, was an ihrem Dorf einzigartig ist. Obwohl die meisten zu Beginn daran zweifelten, ob es in ihrem Ort überhaupt etwas Besonderes gibt, erlebten sie zumindest beim gemeinsamen Zeichnen etwas Einzigartiges, das sich nicht an einem beliebigen anderen Ort wiederholen lässt.

Da ist nichts (Nic tam není). Foto: Karel Cudlín

Beim Projekt „Da ist nichts (Nic tam není)“ sollten alle Einwohner einen ganzen Tag lang zur gleichen Zeit das Gleiche tun. © Karel Cudlín

Ausstellungen können nie das Wesentliche transportieren. Kateřina Šedá ist überzeugt, dass die Projekte ihren wahren Sinn stets nur für die Teilnehmer entfalten. Deshalb hat sie in diesem Jahr auf ihrer ersten Werkschau in Tschechien in der Galerie Kaple in Valašské Meziříčí konsequenterweise nichts ausgestellt. Stattdessen erzählte sie Besuchern jeden Tag persönlich von ihren Projekten.

Obwohl die meisten von uns lediglich die Möglichkeit haben, Kateřina Šedás Arbeiten als Werke in Galerien zu betrachten, können sie uns dennoch dazu animieren, über die eigenen Beziehungen zu unseren Nachbarn nachzudenken. Begegnen wir ihnen überhaupt? Reden wir manchmal mit ihnen? Helfen wir uns gegenseitig? Wir müssen nicht darauf warten, dass uns Kateřina Šedá zusammen mit dem ganzen Mietshaus nach London verpflanzt. Zu Anfang würde es reichen, mit dem Nachbarn ein paar Worte zu wechseln. Vielleicht auch nur über das Wetter.

Veronika Rollová
Übersetzung: Ivan Dramlitsch

Copyright: Goethe-Institut Prag
August 2012
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