Leben

Für ein schöneres Plzeň

Kultura(k) vítězí
Buttons der Bürgerinitiative, die überall in der Stadt Plzeň zu sehen waren. Foto: © Kulturá(k) vítězí, Petr Vaněk

Plzeň war im Januar 2013 im wahrsten Sinne des Wortes mit gelben Plakaten tapeziert, die die Aufschrift ANO („JA“) trugen. Sie waren wirklich überall – an Haltestellen, in Schaufenstern, sogar an Autos und viele Leute trugen an ihren Jacken Buttons mit demselben Logo. Der Grund war ein Referendum, in dem die Bewohner von Plzeň entscheiden konnten, ob sie den Bau des Einkaufszentrums Corso Americká stoppen möchten. Es ist an der Stelle geplant, wo früher das Haus der Kultur stand. Wie ist die Sache ausgegangen?

Die treibende Kraft hinter dem Volksentscheid ist die Bürgervereinigung Kultura(k) vítězí (auf Deutsch „Die Kultur siegt“ bzw. „Das Haus der Kultur siegt“) [Das Wort „kulturák“ bedeutet umgangssprachlich „Haus der Kultur“. Das Wortspiel geht außerdem zurück auf den Wahlspruch der Tschechischen Republik „Pravda vítězí“ / „Die Wahrheit siegt“, Anm. d. Übersetzers]. Mit der Unterstützung weiterer Bewohner von Plzeň bemüht sich die Bürgervereinigung um eine bessere bauliche Nutzung des Stadtzentrums. Sie existiert bereits seit März 2011 aber ihr Ziel ist immer noch das gleiche: den Bau eines Gebäudes verhindern, das aller Voraussicht nach dem Zentrum von Plzeň ästhetisch schaden würde. Daraüber hinaus soll erreicht werden, dass ein regulärer Architekturbewerb ausgeschrieben wird.

„Das ganze Gebiet vom Hauptbahnhof bis zum Fluss Radbuza ist für Plzeň so wichtig wie etwa für Prag der Wenzelsplatz. Die Realisierung von Bauvorhaben muss hier verantwortungsvoll geschehen, denn das geplante Einkaufszentrum würde für Jahrzehnte in der urbanen Struktur seine Spuren hinterlassen,“ sagt Filip Kastl, einer der Mitbegründer der Bürgervereinigung. Diese Ansicht teilt auch der Architekt Jakub Mareš (28), ebenfalls ein Gründungsmitglied von Kultura(k) vítězí. Er fügt hinzu, die Stadt plane zu wirr und störe damit Beziehungen, die im urbanen Raum wichtig seien. „Es handelt sich um das wertvollste Grundstück in Plzeň, das geradezu perfekt alle Anforderungen erfüllt – es liegt am Fluss, es führt dort ein Fahrradweg entlang, es ist angeschlossen an den öffentlichen Nahverkehr und angebunden an den Durchreiseverkehr. Ein solches Grundstück kann eine gewisse Lebensqualität bieten,“ zählt Jakub die Vorteile des Ortes auf.

Ideale Lösung

Nicht nur Filip Kastl, auch weitere Mitglieder der Bürgervereinigung und Architekten bescheinigen dem ehemaligen Standort des Kulturhauses ein enormes Potential. Noch befindet sich das Grundstück allerdings im Besitz eines Investors, der dort das Einkaufszentrum Corso bauen will. Dagegen hat sich schließlich im Referendum die Mehrheit der Wähler ausgesprochen. Deshalb besteht nun Hoffnung, dass es zu einem Umdenken kommt.

An Ständen wurde um Unterschriften geworben. Foto: © Kulturá(k) vítězí, Petr Vaněk

Filip Kastl würde es begrüßen, wenn der Investor das Grundstück zum Verkauf freigeben würde. Dann könnte ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden, in dem die zukünftige Gestalt der Lokalität erneut zur Debatte stünde. Ein neuer Investor solle dann aber verpflichtet werden den siegreichen Entwurf umzuzusetzen. „Ich könnte mir dort eine Straße vorstellen – eine direkte Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und dem Westböhmischen Museum,“ skizziert Kastl seine Vision. Seiner Meinung nach fehlen der Stadt bedeutende Verbindungswege zwischen den einzelnen Vierteln, Orte an denen sich das städtische Leben entfalten könnte. „Hier gibt es nur wenige solcher Orte, die sehr verstreut sind, und Plzeň würde im Zentrum wirklich etwas Bedeutendes brauchen, auf das es stolz sein kann. Das sollte eine Kombination von allem sein, was eine Stadt ausmacht – Geschäfte, Verwaltungsgebäude, Grünflächen, Wohnraum, Plätze, aber auf keinen Fall in Form eines einzigen Klotzes,“ findet Filip.

Der vertrackte Weg zum Volksentscheid

Schon im Jahr 2010 entstand eine Petition gegen den Bau eines Einkaufszentrums und der damalige Stadtrat hatte sogar einen Architekturwettbewerb ausgerufen. Der wurde allerdings später wieder abgesagt mit der Begründung, ein Investor habe bereits mit der Projektierung begonnen und die Pläne seien schon zu weit fortgeschritten. Zudem gebe es keine größeren Einwände gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums. „Dieser Moment war eine vertane Chance für die Zukunft der Lokalität,“ kritisiert Filip die Vorgehensweise der Stadtführung. „Mir scheint, die Stadt kämpft eher für den Wohlstand der Gewerbebranche, aber nicht für eine positive Entwicklung von Plzeň im Sinne der urbanen Struktur und Gestalt,“ ereifert er sich.

Das Organisationsteam. Foto: © Kulturá(k) vítězí, Petr Vaněk

Als einzige Möglichkeit, dem Wunsch der Bürger eine Stimme zu verleihen, erwies sich ein Referendum. Und so machte sich im Oktober 2011 eine Gruppe von Freiwilligen an die Arbeit, um an verschiedenen Orten in Plzeň die erforderlichen Unterschriften zu sammeln. Innerhalb eines Jahres gewannen sie so schließlich über 14.500 Unterschriften von Unterstützern, fast 1300 mehr als vorgeschrieben. Die Stadtverwaltung erkannte jedoch einen Teil der Unterschriften nicht an und strich sie. Obwohl es den Aktivisten gelang innerhalb weniger Tage eine ausreichende Zahl neuer Unterschriften zu sammeln (insgesamt waren es schon beinahe 20.000) lehnte der Stadtrat im Oktober 2012 die Durchführung des Referendums ab.

Die Bürgervereinigung betrachtete dies als Rechtsbruch und reichte vor dem Kreisgericht Klage ein – und bekam Recht. Das Kreisgericht genehmigte die historische erste Volksbefragung in Plzeň; als Termin wurde das Datum der ersten Runde der tschechischen Präsidentschaftwahlen Mitte Januar 2013 festgelegt.

Chance auf Erfolg

Bis zum letzten Moment gingen die Meinungen über den Bau des Einkaufszentrums auseinander. „Manche waren ausdrücklich dagegen, andere wiederum absolut dafür, manch einer zögerte noch und wieder andere waren der Meinung, jedwede Aktivität in dieser Richtung sei vollkommen überflüssig,“ beschreibt Filip Kastl die Stimmung vor dem Urnengang. Gleichwohl hatte er den Eindruck, dass die Zahl derer, denen die fatale Auswirkung des geplanten Gebäudes bewusst war, stetig größer wurde. „Wir brauchen 53.000 Leute, die abstimmen, und von denen 38.000 Ja-Stimmen,“ rechnete Filip vor der Entscheidung.

Eines der zahlreichen Plakete: „Stimmen Sie mit Ja! Ja für Plzeň !“ Foto: © Kulturá(k) vítězí, Petr Vaněk

Es herrschten Spannung und Unsicherheit in Plzeň, denn auch für die Gegenmeinung gab es Unterstützung. Die Stadt hatte nämlich eine Kampagne ins Leben gerufen, die auf die negativen Folgen hinwies, die eine Ablehnung des Bauvorhabens mit sich bringen würde – etwa die drohende Abfindung für den Schaden, der dem Investor entstehen würde.

Während der Direktwahl des Staatsoberhauptes konnten die Bürger von Plzeň also erstmals auch ihre Meinung über die Zukunft ihrer Stadt abgeben. Davon machten etwa 42 Prozent der Wahlberechtigten Gebrauch. Fast 64 Prozent der Teilnehmer sprachen sich gegen den Bau des Einkaufszentrums aus. Die Aktivisten hatten damit nicht nur die erforderliche Wahlbeteiligung erreicht, sondern auch ihr Ziel eines Baustopps. „Das Ergebnis ist ein positiver Anfang und gibt Hoffnung, dass es zu einem Wandel und einer besseren Lösung für die Lokalität kommen kann. Jetzt wird es vor allem an der Stadt liegen, wie sie sich zu der Sache äußert, und welche Schritte sie unternimmt. Mein bescheidener Wunsch ist immer noch, dass die Bürger informiert werden, was geplant wird, dass eine bessere und billigere Lösung für den Ort gefunden wird, mit der alle zufrieden sind,“ so Filip Kastl.

Übersetzung: Patrick Hamouz

Copyright: Goethe-Institut Prag
Februar 2013
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