Leben

Friedlich, aber volle Kanne dagegen

Friedlich, aber volle Kanne dagegen (Foto: Svenja Bednarczyk)

Fast 50 Fahrräder stehen im Eingangsbereich der Obstwiese in Kerpen-Manheim. Wo sich sonst nicht viel mehr tummelt als die Bewohnerinnen zweier Wespennester, campen zehn Tage lang rund hundert Klimaaktivisten. Die meisten Teilnehmer des Klimacamps im Rheinischen Braunkohlerevier bei Köln studieren oder gehen noch zur Schule. In den täglichen Workshops und Seminaren lernen sie auf dem Camp viel über den Klimawandel. Aber es gibt hier auch Samba- und Theaterkurse.

Organisiert wird das Klimacamp von mehreren Nichtregierungsorganisationen (NGOs). „Mir gefällt die Vernetzung im Planungsteam“ sagt Julia Weber aus Wuppertal. Sie ist mit ihren 17 Jahren eine der jüngsten Organisatorinnen. Schon mit 13 begann sie sich für grüne Themen zu interessieren. Vor zwei Jahren ist sie in die BUND Jugend eingetreten, einer NGO, die sich für den Naturschutz in Deutschland einsetzt. Julia half auch schon bei der Organisation des Klimacamps 2010 und lernte so die Auswirkungen der Braunkohlekraftwerke auf unser Klima kennen. „Grün ist mein Thema. Schon als ich klein war hat mein Vater mir viel über die Natur beigebracht. Über Braunkohle wusste ich aber bis voriges Jahr nicht viel.“

Braunes Gold ist der Untergang für ganze Dörfer

Friedlich, aber volle Kanne dagegen (Foto: Svenja Bednarczyk)


Der Ort, an dem das Klimacamp stattfindet, ist nicht zufällig ausgewählt. Kerpen-Manheim wird es ab 2013 so nicht mehr geben. Die knapp 1600 Einwohner müssen dem Kohleabbau weichen. Nicht nur Mensch und Umwelt, auch die eigene Braunkohlebahn und sogar eine Autobahn verlegt der Konzern RWE Power, um an das braune Gold in 400 Metern Tiefe zu kommen. Die meiste Kohle, die abgebaut wird, verheizt RWE direkt vor Ort. Neben der regionalen Tragödie für Einwohner und Umwelt spielt das Rheinische Braunkohlerevier auch im gesamtdeutschen CO2-Verbrauch keine unwesentliche Rolle. Allein die drei Kraftwerke Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem produzieren, laut Organisatoren des Camps, so viel CO2 wie 25 Millionen Autos pro Jahr. Und es gibt noch viel mehr Kraftwerke in der Gegend. Das Klimacamp sollte daher auch die Öffentlichkeit wach rütteln. Am ersten Wochenende gab es deshalb eine Fahrraddemo und einen Gottesdienst in der Nachbarortschaft. Außderdem planten einige Campteilnehmer die Braunkohlebahn des Stromkonzerns zu besetzten.

Die Telefonnummer der Rechtshilfe auf dem Arm

Ein Anwalt klärte die Teilnehmer vor der Aktion über mögliche Konsequenzen auf: Eine Strafanzeige könne drohen oder eine Schadensersatzklage. Alle haben sich die Telefonnumer des Ermittlungsausschusses, einer Art Rechtshilfe, auf den Arm geschrieben, falls es zu Festnahmen kommen sollte. Da die Aktion im Internet angekündigt wurde, war RWE vorbeitet und versuchte, die Besetzung zu verhindern. Die weißen Jeeps der Sicherheitsfirma patroullierten auf den Straßen. Trotzdem konnten sie eine Besetzung der 21 Kilometer langen Schienenstrecke nicht verhindern. Als die Gruppe auf den Gleisen saß, passierte jedoch nicht mehr viel. Keine Räumung.

Friedlich, aber volle Kanne dagegen (Foto: Svenja Bednarczyk)


„Es ist viel entspannter hier als auf den Klimacamps in England“, meint Chris Fairless. Der 24-jährige Brite bereist in seinen Ferien Europa und machte auch einen kleinen Stop auf dem Klimacamp bei Köln. „Hier gibt es keine 30 Polizeiautos, die vor dem Camp auf einen warten und auch keine Helikopter. Auf den englischen Klimacamps gab es oft Stress mit der Polizei, aber da waren es auch mehr Menschen. Etwa Zweitausend.“

Nur eine Insel

Friedlich, aber volle Kanne dagegen (Foto: Svenja Bednarczyk)


Bei den 50 jungen Kohlebahnbesetzern blieb jedenfalls alles friedlich. Nach elf Stunden mit Suppe und Jonglierkurs auf den Schienen räumen die Klimaaktivisten das Feld und kehren zum Camp zurück. Für die Brüder Tobias (17) und Lukas (18) Weber-Czekalla aus Mönchengladbach war die Aktion jedoch alles andere als unspektakulär: „Nach meinen Berechnungen haben wir 56.000 Tonnen Kohle blockiert. Das ist doch was“, freut sich Tobias. Außerdem gehe es doch auch um die Blockade als ein Symbol für den Anfang einer Antibraunkohlebewegung. „Es war cool: Friedlich, aber volle Kanne dagegen.“

Lukas war schon beim Klimacamp 2010 dabei: „Hier trifft man so viele Leute, mit denen man über Politisches diskutieren kann. In der Schule ist das anders. Es gibt zwar viele, die zustimmen, wenn man über so ein Umweltthema spricht, aber die zeigen keinen Einsatz.“ Große Illusionen machen sich die beiden deshalb nicht: „Das Camp ist eine tolle Erfahrung aber letztendlich auch nur eine Insel und nicht der Alltag. Trotzdem versuchen wir mit unseren Eltern auch Zuhause möglichst ökologisch zu leben.“
Svenja Bednarczyk

Copyright: Goethe-Institut Prag
September 2011
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