Buchmesse Turin

David Wagner - „Schreiben ist auch manchmal asozial“

David Wagner ist Literat mit Leib und Seele. Er grübelt Tage über Textpassagen und muss sich manchmal komplett abschotten, um an einem Buch weiterzuschreiben. Dass er überhaupt noch schreiben kann, verdankt er einer Spender-Leber.

„Ich schreibe Texte. Ob das jetzt Literatur ist oder ein Einkaufszettel, ordnet jemand anderes ein“ – David Wagner ist ein Schriftsteller, der es seinen Lesern überlässt, darüber nachzudenken, was seine Texte nun für Texte sind. Die Feststellung, dass seine Bücher nicht alle derselben Literaturgattung angehören, findet der 43-Jährige unwichtig: „Natürlich lassen die sich einordnen, das eine sind eben Romane und das andere Erzählungen“, sagt er. Nur er selbst mache sich zuvor eben keine Gedanken darum. Der Leser sei der, um den es ginge und „derjenige der das dann liest, entscheidet eben auch, für was er das hält.“

Der Wahlberliner David Wagner ist niemand, der zu viel über sich erzählt. Seine eigene Geschichte kommuniziert er lieber über seine Bücher. Wie in dem Roman Leben, für den er 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Im teils autobiographischen Leben erzählt Wagner die Geschichte eines Mannes, der seit seiner Kindheit an Autoimmunhepatitis erkrankt ist und ohne eine Spender-Leber sterben wird. Genau wie Wagner. Als der Autor zwölf Jahre alt ist, stellen Bonner Ärzte bei dem Jungen, der oft an Bauchschmerzen leidet, die Krankheit fest. Wagner hat zu diesem Zeitpunkt eine Leber, wie die eines Alkoholabhängigen. Sein Immunsystem richtet sich gegen sein eigenes Körpergewebe, frisst ihn quasi von innen auf.

„Ich konnte nur dieses Buch schreiben, weil mir jemand sein Organ schenkte“



Wie der Protagonist seines Buches hat Wagner eine kleine Tochter, die bei ihm wohnt. Er scheint ein sehr liebevoller und verantwortungsbewusster Vater zu sein, denn er klingt zärtlich, wenn er über sie spricht. Vielleicht will er sie deshalb noch viel mehr als sich selbst vor den Folgen seiner Erkrankung schützen und lehnt die erste Spenderleber ab. Ein Irrsinn könnte man meinen, doch der Anruf des Arztes kommt mitten in einer Winternacht und Wagner weiß nicht, wie er seiner Tochter erklären soll, warum er geht und nicht weiß, wann er wieder kommt. Monate später, seine Tochter ist bei ihrer Mutter, kommt ein weiterer Anruf – diesmal fährt der Schriftsteller ins Krankenhaus. Ihm wird erfolgreich eine Leber transplantiert, sodass er 2015 sagen kann: „Ich konnte nur dieses Buch schreiben, weil mir jemand sein Organ schenkte.“

Im Buch selbst schwebt der Leser im „Raumschiff Krankenzimmer“ in 277 Miniaturgeschichten permanent zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Erinnerungen des Protagonisten, dem, was er gerade erlebt und den Erzählungen seiner Krankenhauskumpane. Im Krankenhaus – diesem Zwischenreich – trifft er auf andere Leben, z.B. dem des übergewichtigen libanesischen Fleischers und des Kellners aus Ost-Berlin. „Geheilt ist man nie. Die Grunderkrankung kann, muss aber nicht wieder auftreten. Aber, ich fühle mich ganz gut zurzeit“, sagt Wagner heute.

Wahlheimat Berlin



David Wagner wuchs im rheinischen Andernach auf. Aus ihm hätte, der Vater arbeitete beim Bankenverband, der Bruder ist Investmentbanker, ein Mensch der Wirtschaft werden können. Das VWL-Studium brach Wagner jedoch nach zwei Semestern ab. Stattdessen wechselte er dann, seiner Leidenschaft folgend, zu Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte und studierte in Paris, Bonn und Berlin. In der deutschen Hauptstadt blieb er: „Berlin ist immer Thema. Zu Berlin hat jeder was zu sagen. Berlin ist ein großes Faszinosum“, sagte er in einem Interview mit der Deutschen Welle über die Stadt, die in Deutschland am wenigsten deutsch sei. Auch über Berlin schrieb Wagner schon einige Bücher, zeichnet z.B. in Welche Farbe hat Berlin und Mauer Park die Veränderungen der Stadt nach.

Er geht oft ins „Haliflor“ – tagsüber ein Café, nachts eine Bar. Der Laden in Mitte ist ein Kleinod im Art-deco-Lebensstil. Nichts im Haliflor ist Kommerz, kaum etwas wirkt wie Hipster-Lifestyle. Die Gäste hier sind bunt durcheinander gewürfelt, aber alle wirken irgendwie vergeistigt, wie Künstler auf der Suche nach Inspiration. Neben ukrainischen Studenten, die Brettspiele spielen, finden sich oft zeitungsblätternde Halb-Greise und eben Wagner, der öfter einkehrt, um einen Kaffee zu trinken oder sich mit Freunden zu treffen.

Mit Schreiben wird man nicht reich



Wagner spricht langsam und bedacht, wenn man mit ihm redet. Er wirkt so, als würde er sich auch über jedes gesprochene Wort, noch bevor er es sagt, sehr viele Gedanken machen, so wie er es beim Schreiben tut: „Das Buch, was ich am meisten hasse, ist immer das, was ich gerade schreiben muss. Weil es mich noch quält, weil es nicht so richtig will oder weil ich nicht will.“ Zum Schreiben gehöre eben auch, dass man mal nicht schreiben könne und sich zerstreue, um dann wieder konzentriert arbeiten zu können, meint der Autor. „Schreiben ist auch manchmal asozial“, sagt Wagner „man muss sich isolieren können und das auch aushalten.“

Wagner ist keiner, der von seinem Beruf desillusioniert ist: „Ich kann es ehrlich nicht empfehlen Schriftsteller zu werden. Es ist anstrengend, unsicher und nicht besonders einträglich.“ Trotzdem ist er in dem, was er schreibt, scheinbar herausragend und ist deshalb seit 2014 Inhaber der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur an der Universität Bern.

Marieke Reimann
ist freie Journalistin für Sport, Medien und Gesellschaft in Berlin
und Absolventin der Deutschen Journalistenschule.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2015

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
info@rom.goethe.org

Bücher, über die man spricht

Empfehlungen aus Mittelosteuropa zu neuer deutschsprachiger Belletristik und Sachliteratur: „Bücher, über die man spricht“ stellt zwei Mal im Jahr Neuerscheinungen vor und vermittelt aktuelle Tendenzen.

litrix.de: German literature online

Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur