Buchmesse Turin

Joachim Meyerhoff - „Teile in meinen Büchern sind dazugedichtet“

© Reinhard Werner, Burgtheater
Joachim Meyerhoff © Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff wächst auf dem Gelände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Holstein auf. Erst als Erwachsener erkennt er, dass das ein Ort war, der seine Familie manchmal verrückter werden ließ, als die Patienten drumherum, und fängt an darüber zu schreiben.

„Wir nannten sie knallhart Idioten, Irre oder Verrückte. Aber auch Dödies, die Blödies, die Tossen, Spaddel, Spackos und Spasties. Oder die Psychos, Mongos, die Deppen, Debilen und Trottel“, der Theaterschauspieler Joachim Meyerhoff wuchs mit 1.500 Patienten einer Kinder- und Jugendpsychiatrie auf und hielt das lange Zeit für nichts Ungewöhnliches. Sein Vater war Chefarzt und Direktor der Anstalt „Hesterberg“ und die Familie wohnte mitten auf dem Klinikgelände. Die Patienten-Spitznamen, die der 47-Jährige in seinem zweiten Buch, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war aufzählt, unterstreichen, wie normal er es fand, mit psychisch Kranken aufzuwachsen – so eine Fülle an Namen für etwas zu haben, zeugt von viel Nähe.

Die Einsicht über den irrsinnigen Ort der Heimat kommt Meyerhoff erst mit Anfang Dreißig: „Als ich gemerkt habe, dass ich Freunden immer wieder von einzelnen Insassen erzähle, dachte ich irgendwann: Du hast wirklich 19 Jahre deines Leben an diesem abenteuerlichen und ungewöhnlichen Ort verbracht.“ Auf einmal wird „Hesterberg“ in Schleswig zu dem „Mythos“, der Meyerhoff bislang fehlte: „Ich komme, wie viele meiner Generation, aus gutbehütetem Haus. Ich bin ein Ärztesöhnchen, habe erst Abitur und dann Zivildienst gemacht. Wir haben nicht so einen Mythos zur Verfügung, wie die Nachkriegsgeneration oder die 68er.“ Deshalb beginnt Meyerhoff seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben – zunächst fürs Theater.

Die Toten sollen leben



„Ich bin kein Fan von Lesungen, die haben meist einen lähmenden Pathos“, deshalb spielt der Schauspieler dem Wiener Theaterpublikum seine Reihe Alle Toten fliegen hoch vor, legt immer wieder sein Manuskript weg, spricht frei und zeigt Bilder und Filme. Meyerhoff ist einer der bekanntesten deutschen Theaterschauspieler. Er hat hohe Ansprüche an sich und scheut deshalb zunächst vorm Schreiben zurück. Dadurch, dass er immer wieder mit Weltliteratur konfrontiert sei, fiel es ihm zunächst schwer, sich hinzusetzen und seine Erzählungen als Buch aufzuschreiben. Als er zu seiner Schreibe findet, merkt er, dass er „kein rotweintrinkender, haareraufender Nacht-Literat“ ist, sondern ein Frühaufsteher. 2011 veröffentlicht er Alle Toten fliegen hoch Teil 1: Amerika und 2013 Alle Toten fliegen hoch Teil 2: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Vier Bände soll sein „Romanprojekt“, wie er es nennt, umfassen. Im September erscheint das dritte Buch.

Die Romane der Alle Toten fliegen hoch-Reihe sind in einem fast mündlichen, ironischen Stil geschrieben, der sich wegliest als blättere man durch ein Donald-Duck-Taschenbuch. In all die Komik, in der Meyerhoff unzählige Anekdoten, im ersten Band von seinem Auslandsjahr in den USA und im zweiten von seiner Kindheit in „Hesterberg“ erzählt, mischt sich Tragik. Erst stirbt der mittlere Bruder bei einem Autounfall, dann die Großmutter, dann der Vater an Krebs. Aber auch diese dramatischen Ereignisse verwebt der Autor Meyerhoff mit anrührendem Charme und liebevoller Nähe, die zeigt, dass die Toten nicht tot sind, sondern in seinen Erinnerungen weiterleben. Und die sind skurril und von wunderbarem Alltagswitz.

Erfundene Erinnerungen



Meyerhoff erzählt von Thorsten, der alles anpustet und Parfüms mit einem Schluck leer trinkt. Vom „Glöckner“, einem Hünen mit Bundeswehrparka und zotteligem Haar, der stets zwei goldene Glocken mit sich herumträgt. Er beschreibt weihnachtliche Stationsbescherungen als Verwüstungsspektakel, bei dem die Patienten, von ihrer Freude über die Geschenke übermannt, Präsente in der Luft zerreißen und wild umherwirbeln. Er verliebt sich in die selbstmordgefährdete Marlene und das abendliche „Brüllkonzert“ der Geschlossenen wiegt ihn in den Schlaf.

Manchmal klingen die Geschichtchen derart fantastisch, dass man kaum glauben mag, dass sie sich so zutrugen: „Teile der Erlebnisse in meinen Büchern sind dazugedichtet“, sagt Meyerhoff ehrlich. „Wenn ich jetzt zum Beispiel vergessen haben sollte, was mein Vater auf einem Geburtstag anhatte, dann erfinde ich einfach, was er trug. Dann liest das meine Mutter und sagt zu mir: Das finde ich erstaunlich, dass du dich daran erinnern kannst. Das war ja genauso.“ Meyerhoff ergänzt seine Erinnerungslücken mit Details und lässt sie so neu entstehen. Auch das, sagt er, sei Teil der Erinnerung, „eine Ansammlung hunderter, subjektiver Eindrücke, die vielleicht gar nicht so waren, aber jetzt eben so sind.“

„Das Schreiben ist ein tolles Gegengewicht“



Seit zehn Jahren spielt Joachim Meyerhoff im Ensemble des Wiener Burgtheaters und immer mal wieder im Schauspielhaus Hamburg. Der 1.90 Meter große Norddeutsche hielt früher nicht viel vom Lesen, konnte sich nie länger als ein paar Minuten auf einen Text konzentrieren. Trotzdem bewarb er sich später an der renommierten Schauspielschule Otto Falckenberg in München. Dazu, dass er angenommen wurde, sagt er heute: „Ich befürchte heimlich, dass ich das vielleicht meiner Großmutter zu verdanken habe“, Inge Birkmann, die selbst einst angesehene Schauspielerin war.

Joachim Meyerhoff, der 2007 von der Fachzeitschrift Theater heute zum Schauspieler des Jahres gekürt wurde, fühlt sich sowohl als Schauspieler als auch als Autor sehr wohl: „Als Schauspieler setze ich mich permanent mit vielen tollen Leuten in der Probe und der Vorstellung auseinander, das ist ein sehr sozialer Vorgang. Das Schreiben ist ein tolles Gegengewicht – da kapsele ich mich eher ab und halte mich aus allem raus.“ Sobald der Vater zweier Töchter und eines Sohnes seinen 50. Geburtstag gefeiert hat, will er jedoch mit dem Schreiben aufhören und sich „einem ganz ganz anderen Hobby widmen.“

Marieke Reimann
ist freie Journalistin für Sport, Medien und Gesellschaft in Berlin
und Absolventin der Deutschen Journalistenschule.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2015

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
info@rom.goethe.org

    Bücher, über die man spricht

    Empfehlungen aus Mittelosteuropa zu neuer deutschsprachiger Belletristik und Sachliteratur: „Bücher, über die man spricht“ stellt zwei Mal im Jahr Neuerscheinungen vor und vermittelt aktuelle Tendenzen.

    litrix.de: German literature online

    Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur