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Das Behandlungszimmer – Sebastian Fitzek, Thriller-Autor aus Versehen

© Fitzek
Sebastian Fitzek © Fitzek

Sebastian Fitzek ist einer der erfolgreichsten deutschen Thriller-Autoren. Millionenfach ging sein Buch über den Ladentisch. Mit Passagier 23 bricht er nun auf zu neuen Ufern.

Die Häuser huschen vorbei. Ihre Silhouetten spiegeln sich auf den gekrümmten Scheiben des Taxis. Nur noch ein paar Minuten bis zum Ziel. Plötzlich biegt der Fahrer ab. Eine Seitenstraße, die in eine andere Richtung führt. Der Mann auf der Rückbank schaut irritiert. Dann hält das Auto an. Die Handbremse knarzt, als sie einhakt. Der Taxifahrer dreht sich um. Ein fragender Blick. "Ich habe ein Problem", sagt der Taxifahrer und greift zum Türgriff, wuchtet sich aus dem Fahrersitz und steigt aus. Die Tür fällt ins Schloss. Die Zentralverriegelung schnappt zu. Der Mann auf dem Rücksitz schaut ihm nach. Gefangen.

Aus einem Gedankenspiel entsteht ein Buch – und wird ein Riesenerfolg



Es sind solche Momente, die Sebastian Fitzek liebt: skurril. Beängstigend. Voller vibrierender Möglichkeiten. Als er eines Tages auf dem Rücksitz eines Berliner Taxis wartet, eingesperrt und nervös, gehen die Gedanken mit ihm durch. Was, wenn plötzlich eine Stimme aus dem Navigationsgerät erklänge? Wenn sie ihm eine Aufgabe erteilte? Und wenn er sich weigerte, was dann? Es sind diese Augenblicke, in denen sich die Welten von Fantasie und Wirklichkeit beängstigend nahe kommen. Selbst wenn der Taxifahrer sich am Ende nur kurz erleichtern musste.

Aus solchen Was-wäre-wenn-Momenten entstehen Fitzeks Bücher. Als er seine Freundin zu einem Orthopäden begleitet und diese 45 Minuten lang im Behandlungszimmer des Arztes verschwindet, beginnt Fitzek zu fantasieren. Was wäre, wenn sich keiner der anderen Menschen im Wartezimmer an seine Begleitung erinnern könnte? Was, wenn die Tür aufginge und jemand fremdes herauskäme? Die Freundin, verschwunden, und die einzige Spur die eigene Erinnerung. Aus dem Gedankenspiel wird ein Buch. Die Therapie, sein Erstlingswerk. Und ein riesiger Erfolg. 2007 erhält er den Friedrich-Glauser-Preis. Danach schreibt er ein Buch nach dem anderen. Noah, Der Seelenbrecher, Abgeschnitten. Über 4,5 Millionen mal gehen seine Bücher über die Ladentheke. Im Oktober 2014 erscheint sein bislang letztes Werk, Passagier 23. Ein Mann, kaum mehr als ein seelisches Wrack, nachdem Ehefrau und Sohn während einer Kreuzfahrtreise verschwanden. Doch dann erfährt er von einem Mädchen, das ebenfalls verloren ging und nun wieder aufgetaucht ist – mit dem Teddybären seines Sohnes auf dem Arm.

50 Lesungen in der Woche, sieben pro Tag



Sebastian Fitzek ist einer der wenigen deutschen Thriller-Autoren, die auch außerhalb von Deutschland erfolgreich sind. In 24 Sprachen wurden seine Werke übersetzt. "Auch wenn ich bei der japanischen Version nicht wusste, wo oben und wo unten war", sagt Fitzek. Im September 2013 wird aus seinem Buch Der Seelenbrecher erstmals blutige Realität. Am Berliner Kriminal Theater wird das Stück uraufgeführt. Einige seiner Bücher erscheinen zudem als Hörbuch und werden teilweise verfilmt. Selbst Hollywood war an den Filmrechten des Therapie-Romans interessiert. Doch die waren bereits vergeben.

Immer wieder versucht Fitzek Ungewöhnliches zu tun. 2013 beschließt er 50 Lesungen in einer Woche zu machen, sieben bis acht pro Tag – bei seinen Lesern zu Hause. Doch die haben andere Ideen. Und so liest Fitzek in der Trauerhalle eines Bestattungsinstituts und in einer Zahnarztpraxis. Dann in einer Studenten-WG in einem Dresdener Plattenbau, in einer Villa in Niedersachsen und einem Sterbehospiz. Auf der Leipziger Buchmesse mietet er 2013 als erster Autor überhaupt einen eigenen Stand an, um sein neues Werk Noah anzupreisen. Und weil Bücher ihren eigenen Soundtrack haben, wie Fitzek findet, lässt er die darauf folgenden Lesungen von Noah von der Berliner Band Buffer Underun begleiten.

"Gestatten, Fitzek, Doktor der Rechtswissenschaft"



Dabei sah es anfangs so aus, als würde Sebastian Fitzek einer ganz anderen Form der Sprache widmen: dem Beamtendeutsch. Als junger Mann schreibt er sich in Berlin an einer Universität ein: ein halbes Semester Tiermedizin, dann Jura bis zum ersten Staatsexamen. Er promoviert im Urheberrecht zum Doktor der Rechtswissenschaft. Und will doch eigentlich in die Musikindustrie, wie er später sagt. Ein Volontariat bei RTL trägt ihn dann aber in den journalistischen Bereich. Fitzek arbeitet für Radiosender, wird Unterhaltungschef und Chefredakteur beim Berliner Rundfunk, dann Mitglied der Programmdirektion von 104.6 RTL Berlin. Er schreibt TV-Show-Konzepte, die im ZDF beispielsweise von Johannes B. Kerner moderiert werden. Ein Schriftsteller ist er nicht. Bis zu jenem Tag, als seine damalige Freundin nicht mehr aus dem Behandlungszimmer des Arztes kommen will. Fitzek wartet 45 Minuten. Als sie zurückkehrt, sitzt im Wartezimmer ein anderer.
Sebastian Fitzek, Thriller-Autor.

Michel Penke
ist freier Journalist in Berlin, unter anderem für den Tagesspiegel und das ZDF.

Copyright: Goethe-Institut Italien, Information & Bibliothek
Online-Redaktion
März 2015

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