Kinderbuchmesse Bologna 2016

Die Ateliergemeinschaft Labor – kreativ-anarchische Explosionen



Acht Gestalter aus Frankfurt am Main arbeiten gegen das Klischee vom einsamen Künstler. Dabei entstehen unterschiedlichste Projekte, die eins verbindet – schräge und überraschende Ideen.

„Nur für Kinder und alle anderen“ steht über der gezeichneten Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wer die auf den ersten Blick harmlosen Zeichnungen als Kinderkram abtut, übersieht die doppelten Böden der Bild- und Wortspiele. Wer sich darauf einlässt, purzelt schnell durch mehrere Bedeutungsebenen und kann sich mit der Viertelseite länger befassen als mit manchem Leitartikel. Als Absender firmiert ein „Labor“. Was sind das für Leute, die das Kind im Erwachsenen ansprechen und Kinder so ernst nehmen? Es sind dieselben, die 2015 Band sieben ihrer Kinder Künstler Bücher herausgebracht haben und die Presse begeistern. Die Kinder Künstler Bücher sind eine kreativ-anarchische Explosion – nach dem Motto: Es gibt keine verrückten Ideen, wenn dein Kopf sie nur ausspuckt. Nicht zuletzt lebt Labor von einer Vielfalt, wie sie ein Einzelkünstler kaum leisten kann.

Wer also ist das Labor? Auf dem Klappentext heißt es lapidar: „Das Labor, das ist die seit nunmehr zehn Jahren existierende Ateliergemeinschaft bestehend aus freiberuflichen Gestalterinnen und Gestaltern in Frankfurt am Main. Gegenseitiger Austausch und gemeinsames Mittagessen sind erklärtes Ziel.“ Das kreative Epizentrum der Gruppe liegt sogar schon einige Jahre länger im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Dort, im zweiten Stock eines Hinterhauses, haben Anke Kuhl, Moni Port und Philipp Waechter im Sommer 1999 die Räume eines ehemaligen Dentallabors angemietet – die Ateliergemeinschaft Labor war geboren. Bald kamen weitere schreibende und zeichnende Künstler hinzu, andere gingen. Heute gehören neben den drei Gründern zur Gruppe: Alexandra Maxeiner, Jörg Mühle, Natascha Vlahovic, Kirsten und Zuni von Zubinski – alle Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre geboren.

Halt und Freiraum in der Gruppe

Die Gruppe trotzt dem Klischee vom einsam vor sich hin arbeitenden Künstler. Der Zusammenschluss funktioniert als gemeinsamer Dreh- und Angelpunkt des künstlerischen Lebens, der allen Mitgliedern zugleich Halt und Freiraum gibt: Mal sind die Türen offen, mal braucht einer absolute Ruhe; mal arbeitet jeder für sich, mal gehen sie gemeinsam oder in Zweier- und Dreier-Teams an die unterschiedlichsten Projekte. Dazu gehören Kinder- und Jugendbücher, Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften, Buchumschläge, Romane, Drehbücher, Theaterstücke und zahlreiche Ausstellungen. Eine Ausstellungsreihe, die inzwischen legendären Laborproben, findet pünktlich zu jeder Buchmesse im Herbst in Frankfurt statt.

Anke Kuhl studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und wollte danach keinesfalls allein in einem Atelier arbeiten. Dass „immer ein Ansprechpartner greifbar ist, wenn man jemanden braucht”, ist für sie das große Plus der Gemeinschaft. Alexandra Maxeiner ist die einzige in der Gemeinschaft, die nur schreibt und nicht zeichnet: Drehbücher, Kabarett- und Theaterstücke; ihr erster Roman Unentschieden erschien 2014. Für ihr gemeinsames Kinderbuch Alles Familie haben Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Philip Waechter studierte an der Fachhochschule Mainz und hat zahlreiche Bücher illustriert, darunter Werke von Peter Härtling, Robert Gernhardt, Paul Maar, Kirsten Boie und Klaus Kordon. Sein 2004 erschienenes Buch über Bären Ich wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Moni Port hat schon während ihres Studiums als Umschlaggestalterin beim Eichborn Verlag gearbeitet. Sie schreibt und zeichnet Kinderbücher, ihre Illustrationen sind regelmäßig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu sehen. Natascha Vlahovic stieß erst 2008 zum Labor, ihre Spezialität sind Collagen und Piktogramme. Jörg Mühle hat zahlreiche Bücher illustriert, darunter viele Titel aus der Pixi-Reihe des Carlsen-Verlags  und das witzig-skurrile Kinderbuch An der Arche um Acht von Ulrich Hub. Kirsten und Zuni von Zubinskis raffiniert vereinfachte Grafiken sind häufig auf Magazincovern und Plakaten zu sehen.

Lob statt Kritik

Die Laboranten verstehen sich nicht als Kollektiv, sie sind eigenständige Künstler mit sehr individuellen Fähigkeiten und Vorstellungen. Doch obwohl alle Mitglieder über die Jahre ihren ganz eigenen Stil bewahrt haben und sie alle mit eigenen Projekten ausgelastet sind, finden sie immer wieder Zeit für schräg-schöne Gemeinschaftsprojekte. Allen voran die Kinder Künstler Bücher, deren Gesamtauflage bald eine halbe Million erreicht. Oder jüngst die handliche Kleinbuchreihe Kinder Künstler Kritzelkino – Daumenkino und Kritzelbuch zum selbst Bemalen in einem. Die Labor-Künstler befeuern sich weiter gegenseitig. Auf die Frage, ob sie ihre Bücher untereinander kritisieren, hat Jörg Mühe einmal geantwortet: „Wir loben uns lieber, als dass wir uns kritisieren. Das ist vermutlich auch konstruktiver.“

Matthias Bischoff
arbeitet als Kulturjournalist in Frankfurt am Main.

Copyright Text:
Goethe-Institut, Matthias Bischoff. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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März 2016

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