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„Der Wunsch, die Welt zu verändern“ – Hermann Kurzke über Georg Büchner



Georg Büchner (1813–1837) starb jung. Doch er hinterließ ein kraftvolles Werk, das bis heute fasziniert. Der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke hat zum 200. Geburtstag des Schriftstellers eine Biografie vorgelegt, die das bisherige Bild Büchners neu interpretiert.

Herr Professor Kurzke, zu Büchners Werk gehören Stücke wie „Dantons Tod“ und „Woyzeck“, die bis heute Bestandteile der Lehrpläne an Gymnasien und Universitäten sind. Immer wieder regt der Revolutionär und Schriftsteller auch Gegenwartsautoren zur literarischen Auseinandersetzung an. Wie erklären Sie sich diese ungebrochene Aktualität Büchners?

Büchner ist einer der Urväter der Moderne, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Er beschäftigt sich mit den Grundlagen des Menschseins, mit Aufsässigkeit, dem Wunsch, die Welt zu verändern, auch damit, ihre Fatalität hinnehmen zu müssen. Das fasziniert bis heute.

Ein Beispiel einer solchen literarischen Aktualisierung ist Eduard Habsburgs „Lena in Waldersbach“ aus dem Jahr 2013, eine Novelle auf der Folie von „Lenz“.

Habsburgs Novelle ist ein skurril-verspieltes, heiter-tragisches Buch. Er lässt die Figur Lena den Weg von Büchners Lenz nachgehen. Anders als Lenz wird sie dabei nicht verrückt, sondern löst sich aus der Versuchung, den Verlockungen des Wahnsinns anheimzufallen.

Was gab für Sie den Ausschlag, eine neue Biografie über Büchner zu schreiben?

1999 habe ich eine erfolgreiche Biografie über Thomas Mann vorgelegt. Dafür habe ich mich ab etwa 1990 mit biografischem Schreiben beschäftigt und auch neue Verfahren entwickelt. Als mich eine Anfrage seitens des C. H. Beck Verlages erreichte, ob ich Büchners Biografie zu seinem 200. Geburtstag schreiben wolle, habe ich gerne zugesagt. Er stellt ja besondere Herausforderungen an einen Biografen.

Hat das mit der Quellenlage zu tun?

Ja, bei Thomas Mann gibt es hunderttausend handschriftlich erhaltene Seiten, aus denen man auswählen muss. Bei Büchner umfasst das ganze Werk einschließlich der wenigen erhaltenen Briefe 150 bis 200 Seiten. Man hat also fast nichts. Einiges ist verbrannt oder vernichtet worden, manches Erhaltene kaum zu entziffern.

Die Quellen zum Sprechen bringen

Wie sind Sie diesem Problem begegnet?

Wenn man von einem fünfhundertteiligen Puzzle nur noch ein Drittel der Teile hat, darf man diese nicht mit Gewalt zu einem falschen Ganzen biegen. Man muss sie so legen, dass die Konturen der Lücken erkennbar werden, und die Lücken so füllen, dass alle anderen Teile an ihren Platz kommen. Es geht um die Stimmigkeit im Ganzen. Die Hauptquelle meines Buchs ist das literarische Werk. Die Briefe wurden von Büchners Bruder Ludwig gefiltert, der 1850 die erste Ausgabe besorgte. Die Originale sind schon 1851 verbrannt. Es hat einmal an die 600 Briefe gegeben, von denen nur 60 bis 70 bekannt sind, oft nur ausschnittweise. Ludwig Büchner hat alles Private weggelassen und das Politische bevorzugt.

Sie wenden sich in der Biografie gegen etablierte Büchner-Bilder wie das des Revolutionärs, der gegen die alte Ordnung kämpfte. Was war Ihr Ziel?

Ich wollte die Quellen zum Sprechen bringen. Die Forschung habe ich zunächst, so gut es ging, außen vor gelassen. Und ich wollte den Romantiker Büchner stärken und weg von dem Bild des ewigen Revolutionärs.

Büchner und die Frauen

Sie analysieren viele Aspekte sehr gründlich: Büchners Familie, seine Beziehungen zu Freunden und zu Frauen, seine politischen Vorstellungen. Welche Entdeckung hat Sie am meisten überrascht?

Die Sache mit den Frauen. Ich wusste lediglich von der Verlobten Wilhelmine Jaeglé. Früh habe ich mich gefragt, woher all die wunderbaren Frauenfiguren im Werk kommen. Ich glaube, sie sind Ausdruck von Büchners Sehnsucht nach vielen Frauen, man kann bei ihm von einer polyamourösen Veranlagung sprechen. In seiner Verlobung mit Wilhelmine Jaeglé sah Büchner sich dagegen ein wenig als Gefangener, sein dichterisches Werk ist voll von klaustrophobischen Bildern. Die Nachricht von einer „fille perdue“, einem gefallenen Mädchen, die Büchners Freund Alexis Muston 1833 in seinem Tagebuch überliefert, zeigt Büchner verliebt in ein Mädchen, das er auf die Stufe von Engeln zu erheben träumte. Man kann vermuten, dass es sich um eine Prostituierte handelt, die Büchner privat gekannt hat, nicht als Kunde. Darum weiß er so viel von der Welt der Prostituierten, die in Dantons Tod, aber auch in Leonce und Lena vorkommt.

Büchners Stücke werden heute viel gespielt. Inwieweit könnte Ihre Biografie Regisseure zu neuen Interpretationen anregen?

Büchners Werk wurde immer politisch, selten aber autobiografisch gelesen. Indem ich mehr oder weniger eine Psychoanalyse des Werks vorgenommen habe, könnte man darauf aufbauend nun die Person Büchners stärker durchscheinen lassen, zum Beispiel in Dantons Tod, wo Büchner in der Personenliste die Titelfigur nachträglich noch mit seinem eigenen Vornamen versehen hat. Im Woyzeck könnte man weniger das Sozialdrama als die Trieb- und Sexualunterdrückung in den Vordergrund rücken. Arzt und Hauptmann werden meist als Repräsentanten der gesellschaftlichen Ordnung interpretiert. Schaut man aber genauer hin, stellt man fest, dass sich hinter dem Arzt eher die Vaterfigur, hinter dem Hauptmann mit seiner Potenzangst ein schräges Selbstporträt Büchners verbirgt.

Welches Werk würden Sie einem Leser empfehlen, der zum ersten Mal mit Georg Büchner in Berührung kommt?

Lenz bietet den einfachsten Einstieg. Für Dantons Tod ist es von Vorteil, etwas von der Französischen Revolution zu wissen. Ist das der Fall, kann man auch damit einsteigen. Auch Leonce und Lena liest sich relativ leicht.

Und welcher von Büchners Texten bedeutet Ihnen heute persönlich am meisten?

Lange Zeit war es Dantons Tod, ein Stück, das mich durch mein Leben begleitet hat. Woyzeck habe ich dagegen während der Arbeit an der Biografie neu entdeckt. Das ist ein gewaltiger Stoff, der sich auf engstem Raum in großer Tiefe entfaltet.

Hermann Kurzke

Hermann Kurzke wurde 1943 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik und katholische Theologie an den Universitäten München und Würzburg und war Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Hermann Kurzke ist Mitherausgeber der Großen Kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe. Insbesondere durch seine Biografien über Thomas Mann und Novalis wurde er weit über Fachkreise hinaus einer breiten Leserschaft bekannt.
Beate Tröger
stellte die Fragen. Sie ist Literaturkritikerin und arbeitet unter anderem für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und den „Freitag“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Juni 2013

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