Büchermarkt

Vielfalt im Herbst – aktuelle deutsche Bucherscheinungen

Terézia Mora, Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2013; © Claus Setzer2012 erschienen auf dem deutschen Markt 79.860 Titel in Erstauflage, von denen allein 35 Prozent auf den Bereich Belletristik entfallen. Angesichts dieser Menge ist es kaum erstaunlich, dass Verlage auch über günstige Programmplatzierungen um Aufmerksamkeit wetteifern. Die Buchmessen mit ihren Literaturpreisen, Lesungen und Podiumsgesprächen sind gute Gelegenheiten, die Bücher ins Gespräch zu bringen. Wovon erzählen die aktuellen deutschsprachigen Romane, die im Herbst 2013 kurz vor der Frankfurter Buchmesse erschienen?

Jo Lendle „Was wir Liebe nennen“, DVA BelletristikDer Journalist Richard Kämmerlings bemerkte anlässlich der Nominierungen zum Deutschen Buchpreis 2013, ein Marsbewohner aus Reinhard Jirgls neuem Roman Nichts von euch auf Erden würde „diese Deutschen für das unglücklichste Volk unter der Sonne halten“, blicke er zurück auf die Preisverleihung im Oktober 2013. Und tatsächlich kann man in diesem Herbst eine Tendenz zu schweren Themen auch außerhalb der Buchpreisnominierungen nicht übersehen. Die Protagonisten der neuen Bücher kämpfen mit Verlusten, psychischer Krankheit oder großen Gewissensfragen. So erzählt der Autor und Verleger Jo Lendle in Was wir Liebe nennen vom Zwiegespräch mit einem Doppelgänger (dem Gewissen?), Marion Poschmann siedelt ihren Roman Die Sonnenposition in einer psychiatrischen Anstalt an, Mirko Bonné erörtert literarisch in Nie mehr Nacht inzestuöse Liebesbeziehungen.

Verlust und Krise

Terézia Mora „Das Ungeheuer“, Luchterhand LiteraturverlagZwei persönliche Krisen, die einander in ihren Ausgangsszenarien verblüffend ähneln, schildern Uwe Timm und Terézia Mora: Alles verloren hat die männliche Hauptfigur in beiden Texten – Frau, Job, Wohnung. Die entstandene Lücke im Leben gibt Anlass zur Reflexion und Neuordnung. Während Mora sich im Roman Das Ungeheuer, für den sie den Deutschen Buchpreis 2013 erhielt, auf ein Formspiel einlässt und parallel die Erlebnisse ihres Protagonisten und die Tagebuchaufzeichnungen seiner verstorbenen Frau abbildet, verknüpft Timm in Vogelweide Vergangenheit und Gegenwart über einzelne Erzählstränge und arbeitet so die Geschichte zweier Paare in einer Liebes- und Lebenskrise auf.

Reaktionen auf Globalisierung und Beschleunigung

Eugen Ruge „Cabo de Gata“, Rowohlt VerlagPersönliche Zwiespälte zeigen sich auch als Reaktion auf eine stark beschleunigte Welt, in der das Streben nach Optimierung Einlass in alle Lebensbereiche gefunden hat. So kündigt Eugen Ruges Protagonist in Cabo de Gata seine Wohnung und zieht gen Süden, wo er länger als geplant in einem spröden spanischen Fischerdorf verweilt und an seinem Vorhaben zu schreiben scheitert. In den Zumutungen des Alltags verharrt Philipp Schönthaler in seinem Romandebüt Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn. Er führt in stillen, präzisen Beobachtungen dem Leser vor Augen, was permanenter Erfolgsdruck, beruflich wie privat, für den Menschen bedeuten kann. Anders, aber ebenso sensibel für die Auswüchse einer völlig überdrehten Welt, ist Helene Hegemanns Jage zwei Tiger. Die Geschichte zweier Jugendlicher entfaltet sich in einer Szene, in der es gilt, stets den Schein zu wahren. Das Künstlermilieu der Eltern wird über sprachliche Imitation bloßgestellt, hohle Floskeln werden enttarnt.

Jonas Lüscher „Frühling der Barbaren“, C.H. Beck VerlagEng verknüpft mit jener unterschwelligen Kritik an Beschleunigung und Überfrachtung ist die Frage nach den Auswirkungen der Globalisierung, die gerade zwei Debütanten zum Sujet ihrer Texte machen. Jonas Lüschers Novelle Frühling der Barbaren spielt in Tunesien, wo ein Schweizer Fabrikant während einer Geschäftsreise auf britische Hochzeitstouristen des Jet-Set-Milieus trifft. Als das Pfund fällt und Großbritannien plötzlich bankrott ist, wird allen bewusst, wie fragil das Netz der weltweiten Bindungen sein kann. Ähnliches illustriert auch der Roman Strom von Hannah Dübgen: Seine Protagonisten leben überall auf der Welt, ihre Biografien bewegen sich mal auf einander zu und schließlich doch wieder in entgegensetzte Richtungen.

Politik und Protest

Markus Feldenkirchen „Keine Experimente“, Kein & Aber VerlagDer bisweilen aufkommende Vorwurf, die deutsche Literatur sei nicht welthaltig genug, lässt sich nur bedingt aufrechterhalten. Einige Autoren widmen sich auch explizit politischen Fragen. Markus Feldenkirchen schreibt in Keine Experimente über einen konservativen Bundestagsabgeordneten im Wahlkampf, Friedrich von Borries erzählt in RLF von Antikapitalismus und der Protestbewegung Occupy, Peter Henning rollt in Ein deutscher Sommer den Skandal um die Gladbecker Geiselnahme von 1988 wieder auf.

Familiengeschichten

Sarah Stricker „Fünf Kopeken“, Eichborn VerlagSeltener ist im Herbst 2013 der klassische Familienroman, wie man ihn in den vorausgegangenen Jahren häufig als Generationen umspannende, eng mit der Geschichte verwobene Chronik lesen konnte. Zwar ist die Familie nach wie vor ein zentrales Thema, der Blick des Erzählers richtet sich aber vornehmlich auf einzelne Personen in ihrem Verhältnis zueinander. Fünf Kopeken, das Debüt der in Israel lebenden Autorin Sarah Stricker, setzt kurz vor dem Tod der Mutter ein, deren Geschichte mit scharfer Zunge und großer Zuneigung aus der Perspektive des Kindes erzählt wird. Eleonora Hummel spannt in In guten Händen, in einem schönen Land ein Dreieck zwischen Mutter, Kind und einer dritten Person. Wo der Sowjetapparat ganze Familien auseinandergetrieben hat, stellt Hummel eindringlich die Frage nach der Bedeutung biologischer Mutterschaft. Ganz anders nähert sich Peter Schneider in Die Lieben meiner Mutter dem Sujet. Irgendwo zwischen Roman und Doppelbiografie lässt sich das Werk, das auf tatsächlichen Briefen von Schneiders Mutter aus der Kriegs- und Nachkriegszeit basiert, verorten. Daniel Kehlmann beschreibt in seinem lang erwarteten Roman F die Geschichte dreier Halbbrüder mit Hang zu krummen Machenschaften. In gewohnt lässiger Manier stellt er dabei die zentralen Fragen: nach Glaube, Schicksal, Zufall.

Hans Pleschinski „Königsallee“, C.H. Beck VerlagUnd wer der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur jetzt ihre typische Schwere vorwerfen möchte, den kann man doch auskontern: Mit Humor und Esprit schreibt zum Beispiel Hans Pleschinski in Königsallee über die Heimkehr des Emigranten Thomas Mann in ein verklemmtes Nachkriegsdeutschland. Sven Regener lässt in Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt eine Figur aus seinem Kultroman Herr Lehmann wieder aufleben: Mit alten Freunden begibt dieser sich einige Jahre nach dem Mauerfall auf eine skurrile Reise.

Zweifellos erscheinen fantastische Bücher in dieser Saison. Neben den Werken bekannter Schriftsteller, auf die das Lesepublikum lange gewartet hat, veröffentlichen auch zahlreiche junge Autoren weitere Titel oder spannende Debüts. Tolle Bücher, hohe Auflagen und ausverkaufte Lesungen beweisen, dass Literatur immer noch der Ort par excellence ist, um die Themen der Gegenwart verhandeln.

Sarah Ehrhardt
hat Germanistik, Französisch und Angewandte Literaturwissenschaft in Bonn, Paris und Berlin studiert. Sie war neben ihrem Studium unter anderem für das Literarische Colloquium Berlin tätig und arbeitet jetzt im Bereich Literatur und Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

    Bücher, über die man spricht

    Empfehlungen aus Mittelosteuropa zu neuer deutschsprachiger Belletristik und Sachliteratur: „Bücher, über die man spricht“ stellt zwei Mal im Jahr Neuerscheinungen vor und vermittelt aktuelle Tendenzen.

    litrix.de: German literature online

    Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur