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Autorin Olga Grjasnowa: „Mit meinen Figuren soll man sich nicht identifizieren“

Sonja von Struve
Foto: Sonja von Struve
Olga Grjasnowa im Autorengespräch auf der Frankfurter Buchmesse (Foto: Sonja von Struve)


Olga Grjasnowa ist eine, die Rio und Hunde liebt. Und seit ihrem Debütroman repräsentiert die 28-Jährige eine neue Schriftstellergeneration in Deutschland. Das Goethe-Institut hat die in Baku geborene Berlinerin jetzt nach Brasilien geschickt. Porträt einer Weltenbürgerin. Von Sonja von Struve

Ihr Mund mit dem pflaumenfarbigen Lippenstift lacht kaum. Die stahlblauen Augen prüfen und fragen gleichzeitig unter langen Wimpern und geschminkten Lidern. Ihre Arme hat sie vor der Brust verschränkt, und manchmal zupfen die Fingerspitzen den grau-blauen Strickpulli zurecht. Neben Olga Grjasnowa sitzen die Autorinnen Carmen Stephan und Ina Hartwig auf der Arte-Bühne in Halle 4 der Frankfurter Buchmesse. Sie sprechen über Brasilien, gestikulieren und nicken zustimmend, wenn die andere etwas sagt. Olga Grjasnowa nickt nicht. Ihr Kopf wendet sich den beiden zwar zu, zeigt aber keinerlei Reaktion. Erst als sie selbst redet, kommen Mimik und Hände in Bewegung und begleiten Worte, die über Samba und Singvögel in brasilianischen Favelas sprechen.

Auf der Buchmesse ist Olga Grjasnowa als Stadtschreiberin. Sechs Schriftsteller hat das Goethe-Institut für einen Monat in brasilianische Städte geschickt hat. Grjasnowa reiste nach Rio de Janeiro und bloggte auf der dazugehörigen Website über ihre Eindrücke. Zum Beispiel über die Präsenz weiblicher Hintern in brasilianischer Werbung oder über Ilha Grande, eine Insel, die das „Konzept des Aussteigens“ kommerzialisiert. „Ich hatte das Gefühl, dass dieser Ort überall sein könnte, ein Nicht-Ort. Komplett apolitisch, aber auf alternativ getrimmt. Und eigentlich weißt du, dass es immer noch Kapitalismus ist.“ Sie war von der Insel gelangweilt, eines ihrer Grundprobleme, wie sie sagt: „Ich verkrafte es nicht so gut, wenn ich mitten im Nirgendwo bin.“ Die zweitgrößte Metropole Brasiliens hingegen hatte es ihr angetan: „Nach ein paar Tagen in Rio ist alles klar – es ist die ganz große Liebe“, lautet ihr erster Eintrag im Stadtschreiber-Blog.

Copyright: Goethe-Institut
Autoren bloggen im Stadtschreiber-Projekt über ihre Erlebnisse in Brasiliens Städten: Klicken Sie auf den Screenshot, um zum Blog zu kommen.

Als Autorin bekannt wurde die 1984 im aserbaidschanischen Baku geborene Jüdin Olga Grjasnowa, nachdem sie das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig absolviert und 2012 ihren Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt veröffentlicht hatte. Das Buch erzählt die Geschichte von Mascha, die in Aserbaidschan geboren wird, traumatisiert durch den Krieg in den Neunzigern mit ihren Eltern nach Deutschland flüchtet, dort aufwächst und schließlich versucht, den Tod ihres Freundes in Israel zu verarbeiten. Grjasnowas Roman sorgte auf Anhieb für Aufsehen und erhielt den Michael-Kühne-Preis. „Mascha Kogan musste für die deutsche Literatur erfunden werden“, schrieb die Zeit und verglich Grjasnowa mit Judith Hermann. Rezensionen feierten den Roman vor allem als Typus einer neuen Generation ohne Heimat. Autobiografisch sei das Buch jedoch trotz einiger biografischer Parallelen zwischen Protagonistin und Autorin nicht, betont Grjasnowa immer wieder. „Es ist ein politisches Buch.“

Vom Kofferpacken und Ankommen

Als die Veranstaltung am Arte-Stand vorbei ist, kommt Olga Grjasnowa von der Bühne, bietet das Du an, schreibt mit schwungvollen Buchstaben Widmungen in zwei Ausgaben ihres Romans und geht auf dem Weg durchs Buchmessengedränge fast verloren, weil sie einen Haarreif mit Katzenohren bewundert, den ein männlicher Mangafan trägt. „Ich laufe nicht gerne über das Messegelände, weil ich während meiner Schulzeit auf Messen gekellnert habe. Wenn ich jetzt in diesen Hallen bin, fühle ich mich immer so, als müsste ich mir gleich eine Schürze umbinden und Gläser abräumen“, sagt sie und schaut weiteren Mangafans in bunten Kostümen hinterher.

Foto: 'privat
Olga Grjasnowa: „Nach ein paar Tagen in Rio ist alles klar – es ist die ganz große Liebe“ (Foto: privat)
Auf der anderen Seite sei sie damals froh gewesen, drei Mal pro Woche nach Frankfurt zu kommen: „Nach unserer Immigration habe ich mit meinen Eltern in Friedberg gewohnt, und ich habe es gehasst. So schnell ich konnte, bin ich da weg. Furchtbare Stadt. Nur die Bücherei mochte ich und habe sie als Kind komplett ausgelesen“, erzählt Grjasnowa, während sie darauf wartet, dass ihre Cola Light über den Tresen des kleinen Buchmessen-Cafés geschoben wird. Eigentlich trinkt sie immer Kaffee, sagt sie, als die Cola kommt, „aber ich darf die Lust daran nicht verlieren, mein ganzes Leben funktioniert mit Kaffee, deshalb muss ich ab und zu etwas anderes trinken“. Mit schnellen Schritten geht sie zum kleinen Tisch ganz in der Ecke, der schwarz-weiße Satinrock schwingt dabei um ihre Beine, die in Schuhen verschwinden, „die viel höher sind, als sie aussehen, und leider noch nicht eingelaufen“. Für die Buchmesse hat sie zu spät gepackt und zu viel vergessen, sagt sie, die das Kofferpacken durch ihre Lesereisen und zahlreichen Umzüge eigentlich gewohnt ist.

Wer Olga Grjasnowa jetzt als junge erfolgreiche Autorin sieht, kann sich kaum vorstellen, dass ihr Anfang in Deutschland nicht leicht war. Als sie und ihre Eltern zunächst in Nieder-Mockstadt, einem kleinen Dorf in der Nähe von Friedberg, ankamen, gab es keinen Platz mehr in dem Haus für russlanddeutsche und jüdische Flüchtlinge. „Kommen sie morgen wieder“, hieß es. Um ein Dach über dem Kopf zu haben, „mussten wir an der Landstraße entlang bei minus 10 Grad in den nächsten Ort laufen“, erzählt Grjasnowa. Dann kam sie in die deutsche Grundschule und wurde erst mal zurückgestuft. Auch als sie Deutsch gelernt hatte, konnte sie nicht wieder in ihre ursprüngliche Klassenstufe wechseln. „Eine Klasse überspringen gibt es nicht für Ausländer“, sagt sie trocken.

Der Russe und das Klischee

Trotzdem wurde Deutsch zu der Sprache, in der sie ihren Roman schreiben sollte, der einzigen „in der ich wirklich weiß, was ich grammatikalisch mache, in welchem Kontext ich mich gerade bewege oder worauf ich anspiele“. Und heute ist es gerade ihre bildstarke Sprache, die viele Rezensionen loben. Grjasnowa hat dennoch aufgehört, sie zu lesen. Auch ihr eigenes Buch hat sie nie wieder gelesen – nur Auszüge bei Lesungen. Immer dieselben, die sie geübt hat. Aber manchmal haben die Zuhörer Schwierigkeiten mit dem Text. „Es kommen immer wieder Leute zu Lesungen, die ihr Geld zurück haben möchten, weil sie ernsthaft dachten, sie kriegen etwas über die russische Seele zu hören. Die nehmen den Titel wörtlich und glauben, sie kaufen so ein schönes Sibirienbuch und können die alten Erinnerungen auffrischen.“


Olga Grijasnowa liest aus Der Russe ist einer, der Birken liebt

Neulich hat Olga Grjasnowas Tante sogar einen Blog gefunden, auf dem sich russische Neonazis über den Buchtitel aufregten und „darüber, dass eine Jüdin schreiben würde, wie die Russen sind. Die haben dann vorgeschlagen, mich zu vergasen“, sagt sie nüchtern. Sie selbst bezeichnet ihr Buch ganz bewusst als „voller Klischees“ und versteht nicht, wieso sich Leser überhaupt damit identifizieren wollen: „Meine Figuren sind nicht dazu da, dass man sich mit ihnen identifiziert, ich kriege schon fast Angstzustände, wenn ich so was höre“, sagt sie. „Mascha leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es gibt nur sehr wenige Personen, die sich mit so was identifizieren können.“ Überhaupt ist Identität eines der Worte, die Olga Grjasnowa nicht mag. Genauso wenig wie Heimat und Migrationshintergrund. Und trotzdem sind es genau diese Worte, nach denen sie immer wieder gefragt wird – auch heute auf der Arte-Bühne.

Tanz in die Zukunft

In ihrem nächsten Buch soll es um Ballett gehen, dafür recherchiert die Autorin gerade. Was sie daran fasziniert, sind vor allem Unterschiede zwischen der Ausbildung zur Tänzerin in verschiedenen politischen Systemen: „Ich glaube ja, dass Ballett in Diktaturen am besten funktioniert“, erklärt sie. Die Auffassung, dass Tanz in Deutschland Hobby ist und in erster Linie Spaß machen soll, war neu für sie. Grjasnowa selbst tanzt nicht: „Als meine Eltern mich zur Ballettstunde anmeldeten, hat es genau zwei Wochen gedauert, bis ich wieder draußen war“, sagt sie und lacht. Neulich hat es dann noch mal einer versucht: An ihrem letzten Abend in Rio de Janeiro wollte ihr ein Brasilianer auf einer Samba-Party das Tanzen beibringen. „Er hat dann aber schnell gemerkt, dass da nichts zu machen ist. Ich habe weder Musikalität noch Rhythmusgefühl“. Und trotzdem: ein Buch über Ballett. Weil sie in der Theorie meistens genau die Dinge interessieren, die sie in der Praxis nie machen will. „Kunstgeschichte zu studieren war für mich zum Beispiel genau das Richtige, weil etwas selbst zu malen oder ein Foto zu machen für mich der größte Horror ist“, sagt sie.

Wenn sie nicht gerade recherchiert, bereitet sich Grjasnowa auf die nächste Lesung vor, bei der man sie wieder fragen wird, ob sie Mascha ist und ob sie sich wurzellos fühlt. Auch ein Theaterstück will sie bald schreiben. Und dann ist da noch der Traum vom Bernhardiner. So einen „großen, fetten Hund“ möchte sie schon, seit sie fünf ist. Die Berliner Wohnung, in der sie derzeit wohnt, ist dafür jedoch zu klein. Und eigentlich wünscht sich die Schriftstellerin ja auch, in einer Stadt zu leben, die einen Strand hat – so wie Rio. Ein Wunsch, den nicht jeder Lawinenhund teilt.
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