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Deutscher Buchpreis 2015 – ein Mann der Nischen

© Claus Setzer/BörsenvereinFrank Witzel – Deutscher Buchpreis 2015 – Ein Mann der Nischen | © Claus Setzer / Börsenverein

Frank Witzels Geschichten sind unkonventionell und haben ihren eigenen Sound. Jetzt wurde der Schriftsteller mit dem Deutschen Buchpreis 2015 ausgezeichnet. Eines seiner Erfolgsrezepte: Er ist sich immer treu geblieben.

Damit hatte Frank Witzel nicht gerechnet. Der deutsche Autor sitzt im Oktober 2015 gemeinsam mit zahlreichen anderen Gästen im Römer, dem Rathaus der Stadt Frankfurt am Main. Er wartet darauf, dass der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2015 verkündet wird und ist sich sicher, dass er den Preis nicht bekommt. Doch dann wird sein Name genannt. Ungläubig erhebt sich Frank Witzel von seinem Stuhl. Er weiß nicht, wohin er schauen soll und senkt den Blick zu Boden.

Ungewohnte Aufmerksamkeit

So reagiert einer, der laufende Kameras und klickende Fotoapparate ganz und gar nicht gewohnt ist. „Ich bin mit dem sicheren Gefühl hingegangen, den Preis nicht zu bekommen. Ich war halt der chancenlose Witzel“, erzählt der Preisträger später. Frank Witzel ist zweifellos ein Überraschungssieger – und trotzdem kein Newcomer der Branche. Schließlich ist er bereits 60 Jahre alt, hat schon mehrere Romane, auch Gedichte, veröffentlicht. Wer die Szene genau beobachtet hat, weiß, dass sich sein großer Durchbruch bereits vor drei Jahren ankündigte. Da bekam er in Frankfurt am Main den Robert-Gernhardt-Preis, eine gut dotierte Auszeichnung, die es Schriftstellern ermöglichen soll, angefangene Projekte abzuschließen. Geehrt wurde er für die damals unvollendete Fassung des Werks, das ihm 2015 den Deutschen Buchpreis bescheren sollte: Die Erfindung der Roten Armee-Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Das kam gerade zur rechten Zeit, denn Frank Witzel hatte schon ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sein Mammut-Projekt aufzugeben. Bereits damals bemerkten die Juroren, dass Witzel „völlig an den Konventionen vorbei“ schreibe.

Impulse aus Kunst und Musik

Das erlaubt sich eigentlich nur jemand, der souverän auf erfolgssicherem Boden steht oder jemand, der ohnehin nichts zu verlieren hat. Witzel gehört zur zweiten Kategorie, hatte er sich doch „bereits mit einem Leben arrangiert, das man vielleicht als erfolglos bezeichnen könnte“. Frank Witzel lebt seit 25 Jahren in Offenbach bei Frankfurt am Main, einer wenig glamourösen Stadt. Sein Wohnort passt zu ihm: Er ist kein Mensch für Metropolen, für die Welt des Glamours.

Geboren wurde Witzel in großer Beschaulichkeit, in der Nähe der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. „Da war alles sehr geordnet und überschaubar“, sagt er. Das Verhältnis zum Vater, der Organist war, scheint eng gewesen zu sein. Der Buchpreisträger spielt selbst Orgel. „Das war für mich ein prägendes Instrument.“ Die Musik war schon in seiner Kindheit wichtig: Der spätere Schriftsteller lernte Klavier, Cello und klassische Gitarre.

Frank Witzel ist ein Kind der Nachkriegszeit, in der noch ein streng konservativer Wind wehte. Häufig, so schreibt er auf seiner Website, spazierte er in das Museum Wiesbaden, schaute sich fasziniert die Gemälde des expressionistischen Künstlers Alexej von Jawlensky an und begann selbst malerisch und grafisch zu arbeiten. Animiert von einem Freund entdeckte er den Surrealismus als treibende Kraft. „Darum ging es: um die Auflösung unserer spröden kleinbürgerlichen Realität. Und das konnte nur die Kunst“, schreibt Frank Witzel rückblickend. Einen wichtigen Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen nahm auch die Popmusik, vor allem die Beatles, für Witzel standen sie für die Gegenkultur der 1960er-Jahre.

Eine Zeitreise durch Deutschland

Viele von diesen Einflüssen finden sich auch in Die Erfindung der Roten Armee-Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 wieder. Das verwundert kaum, schließlich ist der Roman eine Zeitreise in die Bundesrepublik der 1960er- und 1970er-Jahre. Witzel macht kein Geheimnis daraus, dass er darin viel Autobiografisches verwebt. „Für mich ist die Realität oft absurder, als ich es mir ausdenken kann“, sagt Witzel. Und doch hat er sich eine Menge kühner Sachen überlegt und lässt sie im Roman mit den realen Geschehnissen dieser Epoche reagieren. Der kindliche Erzähler erweckt den Kosmos der damaligen Bundesrepublik Deutschland in seinen Geschichten zum Leben. Die politischen Ereignisse dieser Zeit hielten die Menschen in Atem. So etwa die Kaufhausbrandanschläge vom April 1968, an denen die späteren Mitgründer der linksextremistischen terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF), Andreas Baader und Gudrun Ensslin, beteiligt waren. Auf solche Ereignisse macht sich der junge Erzähler einen ganz eigenen Reim. Gudrun Ensslin ist bei ihm eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung. Die unterschiedlichsten Elemente fügen sich zu einem verwegenen Patchwork-Roman, in dem es um Terrorismus und Popkultur geht. Anekdoten und philosophische Diskurse wechseln in wildem Tempo, ganz ähnlich einem Musik-Arrangement.

Der Sound des Autors

Dieser spezielle „Sound“ ist auch typisch für die zuvor erschienenen Bücher von Frank Witzel. Sie heißen Bluemoon Baby, Revolution und Heimarbeit oder Vondenloh. Veröffentlicht wurden sie im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, alle mit einem ähnlichen Ton und dem gleichen Mix aus bizarren Geschichten, Weltverschwörungstheorien und kruden Figuren. Doch damals war die Zeit noch nicht reif, um damit die Gunst sowohl des Feuilletons als auch des Publikums zu erobern. Frank Witzel hat das nichts ausgemacht. Er hat weiter in seinen Nischen gelebt, als Musiker, Künstler und Schriftsteller. Den unerwarteten Ruhm hat er dennoch genossen. Eine Weile noch wird er sich darin sonnen, bevor er sich neuen Projekten zuwendet. Im Jahr 2016 wird Die Erfindung der Roten Armee-Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 als Hörspiel produziert, mit von ihm komponierter Musik. Und auch ein neuer Roman ist in Planung. In einem aber bleibt sich der Schriftsteller in jedem Fall treu: „Das Geld, das ich für das Buch und den Preis bekomme, erlaubt es mir, in Ruhe arbeiten zu können. Ich würde mich daher freuen, wenn mein Leben wieder an den Schreibtisch und in die Normalität zurückführt.“ Man nimmt ihm das sofort ab.

Martin Maria Schwarz
arbeitet als Redakteur und Moderator in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.

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November 2015

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