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„Alternative Geschichtsschreibung“ – der Schriftsteller Robert Löhr im Gespräch

Robert Löhr; © Piper Verlag/ Peter von FelbertRobert Löhr; © Piper Verlag/ Peter von FelbertRobert Löhr widmet sich mit Vorliebe historischen Stoffen, die dann unter seiner Feder ein beachtliches Eigenleben entfalten. Im Gespräch mit Goethe.de erklärt der Autor, was für ihn den Reiz von Geschichten mit Geschichte ausmacht.

Herr Löhr, im Februar 2010 erschien mit „Das Hamlet-Komplott“ Ihr dritter historischer Roman. Der erste, „Der Schachautomat“, erzählt vom brillantesten Betrug des 18. Jahrhunderts. In Ihrem „Erlkönig-Manöver“ lassen Sie Goethe, Schiller, Kleist und andere in geheimer Mission gegen Napoleon ziehen. Und im „Hamlet-Komplott“?

Der Roman ist eine Fortsetzung des Erlkönig-Manövers. Wieder zieht eine Gruppe um Goethe und Kleist gegen Napoleon. Diesmal tarnen sie sich allerdings als fahrender Schauspieltrupp – und auch Shakespeare mischt mit.

Was reizt Sie an historischen Stoffen?Cover von „Das Hamlet-Komplott“; © Piper Verlag

Zum einen das Eskapistische: Historische Stoffe entführen den Leser wie auch mich in eine andere Welt. Da gibt es nicht unbedingt weniger Probleme als heutzutage – aber andere. Kunst muss aufwühlen, sicherlich. Aber ich räume ein, dass ich bei der Lektüre die Unterhaltung in den Vordergrund stelle.

Zum anderen sind die Themen, die verhandelt werden, im Geschichtlichen fundamentaler: Es geht um archaische Dinge wie Liebe, Ehre, Tod, Rache. Dagegen sind die Gegenwartsprobleme doch meist recht banal. Ich schließe aber nicht aus, demnächst auch mal einen Gegenwartsroman zu schreiben ...

Zeitmaschine auf „Weimar, 1800“

Sie wenden sich in Ihren Romanen der klassisch-romantischen Epoche zu ...

Ja. Wenn Deutschland je ein Goldenes Zeitalter gehabt hat, dann war es diese Epoche: die Goethezeit. Politisch war Deutschland am Boden, aber kulturell, insbesondere literarisch-philosophisch, auf dem Olymp. Manchmal kommt es mir vor, als hätte die Hälfte aller bedeutenden Dichter und Denker in den Jahren um 1800 gelebt. Hätte ich eine Zeitmaschine, ich würde sie zweifellos auf „Weimar, 1800“ einstellen.

Kann man sich Goethe und Schiller denn nach über 200 Jahren Literaturunterricht und -wissenschaft überhaupt noch unbefangen nähern?

Ich hab’s getan, ohne mir die Frage zu stellen. Und ich habe es genossen. Wenn ich Goethe und Schiller als Pistolenhelden gegen Napoleon über den Rhein schicke, würde ich das schon als „unbefangen“ bezeichnen.

Goethe und Schiller neu gedacht

Cover von „Der Schachautomat“ ; © Piper VerlagWelche Quellen haben Sie genutzt?

Neben einschlägigen Biographien habe ich vor allem die Werke der handelnden Personen gelesen; das Gesamtwerk freilich nur von Kleist und Schiller. Die sind nicht nur früh gestorben, sondern auch durchweg lesenswert. Fast ein Jahr lang habe ich nur gelesen. Man merkt es daran, dass meine Sprache sich verändert hat und antiker wurde.

Ihr Roman „Das Erlkönig-Manöver“ beginnt mit einer Prügelszene im Wirtshaus, bei der Goethe und Schiller munter mitmischen. Wie würden Sie „Ihren“ Goethe und „Ihren“ Schiller mit wenigen Worten beschreiben?

Goethe ist der altersweise Beobachter, der hin und wieder spöttische Spitzen auf seine Umwelt abschießt. Politisch ist er, der „Fürstendiener“, pragmatisch bis stoisch. Mein Schiller hingegen erweckt im Lauf der Geschichte das revolutionäre Feuer seiner Jugend und kämpft für die Aufklärung und die Wahrheit. Er ist deutlich hoffnungsvoller als Goethe – und wird am Ende umso mehr von der Politik enttäuscht.

Im Zweifel gegen die Historie

Cover von „Das Erlkönig-Manöver“ ; © Piper VerlagWie viel ist wahr an Ihren Geschichten?

Die politische Situation, auf deren Hintergrund meine Geschichten spielen, also Deutschland zur Zeit von Napoleons Feldzügen, ist ebenso wahr wie das Verhältnis der Figuren untereinander. Dies betrifft die Freundschaft von Goethe und Schiller; Kleists ambivalentes Verhältnis zu Goethe; die Menage à trois mit Goethe, Bettine Brentano und Achim von Arnim. Von da an beginnt die Fiktion oder vielmehr die „alternative Geschichtsschreibung“.

Und wie viel liegt Ihnen an geschichtlicher Wahrheit?

Im Zweifelsfall gebe ich immer der Story den Vorzug, nicht der Historie. Wenn ich mich streng an geschichtliche Fakten halten würde, kämen konventionelle historische Romane heraus. Und bei denen hat man während der Lektüre oft das Gefühl, ein Sachbuch in der Hand zu halten. Oder, um es mit Schiller zu sagen, dessen Dramen ja die Historie fortwährend beugen: „Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie, und die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Händen werden.“

Aus den Mündern Ihrer Dichter-Figuren quellen Zitate aus den Texten der wahren Vorbilder. Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass Weltliteratur so zu Kalauern verkommt?

Literatur bleibt nur dann lebendig, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Und sei es kalauernd! Wer seinen Goethe nur museal hinter Glas und in Alkohol eingelegt erleben will, sollte die Finger von meinen Büchern lassen.

Planen Sie schon etwas Neues?

Ich werde mich voraussichtlich einem deutschen Mythos widmen: der Wartburg. Ich bleibe also in Thüringen. Es geht insbesondere um Luthers Aufenthalt auf dieser „deutschesten aller Burgen“ – und um den sagenhaften Sängerkrieg im Mittelalter.

Dagmar Giersberg
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Februar 2010

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