Auftakt zum Mord 1

Nibelungenmord

von Judith Merchant

Copyright © 2011 Droemer Knaur Verlag, München

Dem Fund einer Frauenleiche folgt das unerklärliche Verschwinden einer Person. Für Kommissar Jan Seidel bedeutet dies den Anfang eines Rätsels.



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Als sie wieder zu sich kam, war es dunkel. Nässe kroch ungehindert durch ihr wollenes Kostüm, und kurz dachte sie an die Reinigung und daran, was sie wieder einmal kosten würde. Sie konnte nicht wissen, dass ihr der Ärger darüber erspart bleiben würde. Der Boden, auf dem sie lag, war hart und sandig, aber draußen befand sie sich nicht, denn das Prasseln des Regens klang gedämpft. Und da war noch etwas. Sie lauschte. Plätscherndes Wasser. Das Gurgeln eines Baches. Sie versuchte, etwas zu sagen. Ein gutturales Stöhnen hallte durch den kleinen Raum, vielfach zurückgeworfen. Es klang so fremdartig, dass es unmöglich von ihr stammen konnte. Plötzlich zuckte eine Erinnerung durch das Dunkel wie ein Blitz, und sie wusste, wo sie war. Die Drachenhöhle. Sie war hier gefangen, ein ungerufener, fremder Fötus im steinernen Bauch dieses bösen alten Berges. Die Höhle maß vielleicht sechs mal vier Meter, man konnte aufrecht darin stehen, und die Wände waren hart und rauh. Das wusste sie, weil sie schon einmal hier gewesen war. Damals war sie staunend ringsum gegangen und hatte einen zweiten Ausgang, eine Spalte, irgendetwas gesucht, aber da war nichts gewesen außer der undurchdringlichen Wand aus Tuffgestein, jahrtausendealt, geformt aus der erstarrten Asche längst erloschener Vulkane.


Über den Autor

Nibelungenmord ist der Debütroman von Judith Merchant, die sich bis dahin nur an Kurzgeschichten herangewagt hat. Ein sympathischer Krimi, der von Liebe, Hass und Verrat handelt, mit einigen Parallelen, nicht nur geographischer Art, zur traditionellen Epik altdeutscher Literatur.