Auftakt zum Mord 1

Düstermühle

von Stefan Holtkötter

Copyright © 2012 Piper Taschenbuch, München

Eine Fabrik geht in Flammen auf und zwei Männer werden dabei getötet: Das x-te Kapitel in der Geschichte einer Familienfehde, die ihre Ursprünge weit in der Vergangenheit hat. Des Rätsels Lösung zu finden, wird nicht einfach.



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Draußen zog die Dämmerung herauf. Ein neuer Tag. Siegfried Wüllenhues stand am Fenster der Werkstatt und blickte hinaus. Dunst lag über den Wiesen, Raureif überzog Gräser und Zweige, und hinter den kahlen Wipfeln der Bäume konnte er den alten Kirchturm von Düstermühle sehen. Ein weiterer grauer Wintertag kündigte sich an. Es war nicht mehr lang bis zur Wintersonnenwende, und dann würde irgendwann die eisige Kälte hinzukommen. Wann hatte er angefangen, sich vor dem Winter zu fürchten? Vor der Dunkelheit und der Kälte? Wann hatte er begonnen, sich zu fragen, wie viele Sommer er noch vor sich haben mochte? Er wandte sich vom Fenster ab. Es hatte keinen Sinn, über diese Fragen nachzugrübeln. In der Werkstatt war es still, abgesehen vom Pendelschlag der alten Wanduhr. Auf der Werkbank lagen Scheren, Zangen und Messer. Weidenruten, abgeschälte Rinde und mittendrin eine begonnene Korbarbeit. Ein Ring abstehender Stöcke, die durch ein Flechtmuster gehalten wurden. Der Raum strahlte Behaglichkeit aus, hier drinnen herrschten Ruhe und Frieden. Aber damit war es nun vorbei. Siegfried Wüllenhues machte sich an seine Arbeit. Er stieg über die Blutlache am Boden und durchschritt den Raum. Den Toten beachtete er nicht. Schmerz durchfuhr seinen Körper. Das Rheuma würde ihn noch einmal umbringen. Bei diesem kalten Wetter war es immer am schlimmsten. Es gab Tage, an denen war er kein Mensch mehr, so groß wurden die Schmerzen.


Über den Autor

Der Blick des Autors, Entwicklungssoziologe, analysiert mit dem Vergrößerungsglas die Verhaltensweisen einer kleinen, scheinbar friedlichen agrarischen Gemeinschaft auf dem Land an der Grenze zu Holland. Der Protagonist gräbt tief in der Vergangenheit, einer Vergangenheit, auf der der Schatten des Nationalsozialismus liegt.