Auftakt zum Mord 2

Wem sonst als Dir

von Uta-Maria Heim

Copyright © 2013 Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen

Christian Schöller wurde wegen des Mordes an seiner Mutter zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und nach seiner Entlassung in ein psychiatrisches Zentrum überführt. 20 Jahre später nimmt der damalige Staatsanwalt K. Kontakt mit Schöller auf. K. ist sich über nichts mehr sicher und forscht in der Vergangenheit; zu spät begreift er seine tragische Rolle in alledem.


Seite 1


Prolog

"Tötet ihn nicht! Dieser Mann hat eine Geschichte zu erzählen."*


Ich kann hier nicht bleiben. Hier nicht und auch nicht anderswo. Und die Zeit der Gefügigkeit hat bald ein Ende. Ich bin der Sanftmütigen keiner, ich döbere, wann und wie ich will. Der Vater, sagt die Mutter, sei ganz der Gleiche gewesen. Ich kenne diesen Vater noch. War ein kleiner Stöpsel, und er hatte diese Wunde auf der Stirn, über dem einen Auge, abartig, die platzte auf und blutete und da wurde eine fleischige Sichel daraus. Irgendwie steckte was im Kopf, ein Splitter. Russland. Er nahm mich auf sein Knie, der Vater. Hoppe, hoppe Reiter, / wenn er fällt, dann schreit er, / fällt er in den Graben, / fressen ihn die Raben. Kopfüber bin ich auf die Platten geknallt. Dann war es doch das Herz, der Versager. Wo der Vater gestorben ist, war ich schon ein Schulerbub, und ich sag, den hätte man einweisen müssen, so gesponnen hat er, wenn es Nacht war und mit der Mutter. Hiebe gab es keine. Von ihm nicht, der Irrlichternden. Niemals auch von mir. Hab ich so gelernt, und das bleib einem. Das andere durchaus. Sobald einer aus der Anstalt kommt und mir nachstellt, lernen sie mich kennen. Ich haue auf den Putz. Sie können mir gestohlen bleiben, die Wucherer des halben Herzens.

*Aus dieser Motivation rettete der schwerverletzte Leo Trotzki seinem Mörder Ramón Mercader 1940 das Leben. Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert. Bei Padura steht, Trotzki habe den Leibwächtern zugerufen, nachdem Mercader ihn hinterrücks überfallen, ihm mit dem Eispickel die Schädeldecke zertrümmert und er einen infernalischen Schrei ausgestoßen habe, „ sie sollten ihn nicht töten, er müsse zum Sprechen gebracht werden“. Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Zürich 2011, S. 638


Über die Autorin

Foto: Robert Hak Uta-Maria Heim, 1963 in Schramberg/Schwarzwald geboren, studierte Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Soziologie in Freiburg und Stuttgart. Journalistin, Kritikerin, Schriftstellerin, lebt und arbeitet sie als Hörspieldramaturgin und Autorin u. a. in Baden-Baden. Sie debütierte 1985 mit einem Gedichtband, seitdem 26 Buchveröffentlichungen, darunter 16 Kriminalromane. 1992 und 1994 erhielt Uta-Maria Heim den Deutschen Krimi-Preis.