Auftakt zum Mord 2

Trotzkis Narr

von Ulrich Ritzel

Copyright © 2013 btb Verlag, München

Vorwahlkampfatmosphäre in Berlin. Zwei Morde, begangen mit derselben Waffe, folgen innerhalb von 24 Stunden aufeinander. Die Opfer: Ein Polizeihauptkommissar und ein Senatsangestellter. Die Untersuchungen der Staatsanwältin kreuzen sich mit denen des Ex-Kommissars Hans Berndorf, der bereits aufgrund eines anderen Falles aufgetreten ist.


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ERSTER TEIL

Berlin, ein Mittwoch im Oktober

Zwischen Immergrün und verblühten Herbstblumen stakst wippend eine Amsel, verharrt plötzlich mit hoch gestrecktem Kopf und äugt, ganz still und starr, hüpft aber gleich darauf einen oder zwei Schritte weiter und pickt etwas aus dem Boden, einen Wurm oder ein Kerbtier. Und schon wieder muss sie äugen, wohin? Hinauf zu den Falken oder was sonst aus dem blaugrauen Himmel herabstoßen kann auf den Neuen Städtischen Friedhof? Was ist das überhaupt, was dieser Vogel aus dem Boden holt?
Das, denkt Jonas Regulski, will ich lieber nicht so genau wissen. Der Boden unter Cotoneaster und welchem Gesträuch bietet allerhand Getier Nahrung. Warum nicht auch der Amsel? Es ist ein Amselmännchen, falls die einen gelben Schnabel haben. Und auf seinem Kopf ist eine kahle Stelle, vielleicht von einem Schnabelhieb, vielleicht von einem Treffer aus Luftgewehr oder Steinschleuder. Nein, denkt Regulski, die Welt ist nicht freundlich. Nicht zu Amselmännchen uns auch zu niemandem sonst.
Er wendet sich ab, etwas zu abrupt, so dass die Amsel missversteht und hochflattert. Nix für ungut, denkt Regulski und blickt zu Hintze. Der stet ein paar Schritte weiter, vor dem Grab mit dem Findlingsstein und dem kurz geschnittenen Rasen, und betrachtet seine Arbeit, die Rasenschere in der Hand. Aber er ist nicht zufrieden, und so lässt er sich wieder auf seine Knie sinken und macht sich daran, auch die Grashalme rund um den Findlingsstein auf gleiche Höhe zu stutzen.


Über den Autor

Foto: Peter von Felbert Ulrich Ritzel ist 1940 geboren. Er studierte Jura und arbeitete jahrelang für verschiedene Zeitungen, 1981 erhielt er für seine Gerichtsreportagen den renommierten Wächter-Preis. Seine Kommissar-Berndorf-Krimis Schwemmholz und Der Hund des Propheten waren preisgekrönt; Beifang wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2010 ausgezeichnet. Ulrich Ritzel lebt seit 2008 in der Schweiz.