Auftakt zum Mord 2

Täuscher

von Andrea Maria Schenkel

Copyright © 2013 Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Landshut 1922: Zwei Leichen, Mutter und Tochter, werden in ihrer Wohnung aufgefunden. Der Hauptverdächtige ist Hubert Täuscher, der Verlobte der jungen Frau. Auch wenn alle Indizien auf ihn verweisen, beteuert er seine Unschuld: Ist er ein skrupelloser Mörder oder das Opfer eines Justizirrtums, vielleicht sogar einer Rache?


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Dienstag, 14. März 1922,
Landshut, Königsfeldergasse,
Kreszentia und Josef Wurzer,
10.15 Uhr nachts

»In einen solchen brutalen Film bringst mich nicht mehr rein, Josef, das sag ich dir.« Kreszentia Wurzer lag neben ihrem Mann im Bett, die Arme über der Bettdecke verschränkt. »Jetzt hab dich nicht so, Zenzerl, war doch alles halb so schlimm.« »Du, du bist ja bei der Polizei, da ist das normal, aber ich bin jetzt noch ganz aufgewühlt. Wie der Dolch am Boden gelegen ist und das Blut nur so runtertropft ist.« Josef Wurzer drehte sich im Bett zur Seite und sah seine Frau im Halbdunkel an. »Jetzt übertreibst aber, wie kann das Blut runtertropfen, wenn der Dolch am Boden liegt? Tropfen kann’s nur, wenn was in der Höhe ist, deshalb heißt es ja auch heruntertropfen.« »Ich übertreib nicht, Josef. In dem Film hat man doch sehen können, wie das Blut auf den Boden runter ist, dann ist es halt nicht getropft, sondern geflossen, wo ist da der Unterschied? Aber weißt, was für mich am schlimmsten war? Wie der Wind die Tür zur Terrasse aufgestoßen hat, als die Gräfin ganz allein im Zimmer war. Und wie sie zur Tür hin ist und sie hat schließen wollen und plötzlich der Mörder vor ihr steht. Wie die da g’schaut hat, das Gesicht ganz groß auf der Leinwand. Die Augen hat s’ aufgerissen. Da ist mir das Blut in den Adern gefroren.«


Über die Autorin

Foto: Jürgen Bauer Andrea Maria Schenkel, geboren 1962, lebt in Regensburg. Ihr Debütroman Tannöd, 2006 erschienen, wurde 2007 mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Friedrich-Glauser-Preis und der Corine und 2008 mit dem Martin Beck Award für den besten internationalen Kriminalroman ausgezeichnet. Das Buch wurde in zwanzig Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Für ihr zweites Buch Kalteis (2007) erhielt sie zum zweiten Mal in Folge den Deutschen Krimi Preis.