Auftakt zum Mord 2

Marmormänner

von Matthias Wittekindt

Copyright © 2013, Edition Nautilus, Hamburg

Zwei miteinander verwickelte Geschichten: Die Legende der Marmormänner, ein alter ungelöster Fall, der zurück auf das Jahr 1970 geht und eine junge Frau, die verschwunden ist, nachdem der Vater ihrer Tochter sie entführen wollte. Eine Herausforderung für Roland Colbert und sein Team.


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Die Körper der Männer liegen wie tot da, aber ihre Haut glänzt, als hätten sie sich gerade noch angestrengt. Vielleicht sind sie gerannt, ehe sie sich hingelegt haben. Und ihre Augen! Die sind starr, aber doch klar, wie die von Lebenden. Ihr eigener Körper dagegen ist alt. Er riecht nach Wachs und Weihrauch. Sie beugt sich über die Männer und flüstert jedem von ihnen etwas ins Ohr. Sie kommen alle dran. In der Reihenfolge, wie sie vor ihr auf dem glatten, geäderten Stein liegen. Kaum, dass sie gesprochen hat, werden die Männer zu Stein. Es ist in letzter Zeit nicht viel nötig, um sie zum Weinen zu bringen. Oder wenigstens zum Nachdenken. Einem verzweifelten Nachdenken, das den Tod aufhalten oder sie endlich erlösen soll. Aber sie hat ja keinen Einfluss auf diese Dinge. Und so hat sie begonnen, ihren Schmerz und ihre Träume für einen Ausdruck von Liebe zu halten. Darum ging es doch! Und darum, dass sie ihn nie gefragt hat, was damals geschehen ist. Es ist richtig gewesen, dass sie ihre Fragen ihrer Liebe geopfert hat, und sie weiß, dass für ihn die gleichen Gründe galten wie für sie. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ausschalten. Jetzt haben ihre Fragen und ihre Angst sie bis in den Schlaf verfolgt. Als sie aufwacht, ist sie weder erleichtert noch beunruhigt. Trotzdem entsteht in ihrem Kopf eine Art Dialog, der das Geträumte erklären soll. Sie spricht nicht laut und ist auch nicht verrückt. Es ist das erste Mal, dass sie es wagt, sich den Ereignissen von damals zu nähern, und es ist der erste Tag seit langem, an dem sie nicht weint. Aber das reicht ihr nicht. Und so wendet sich ein Gedanke, der dreiundvierzig Jahre lang unerschütterlich feststand, in sein Gegenteil. Von nun an hofft sie nicht mehr, dass ihr Geheimnis unentdeckt bleibt. Diese Einstellung verschafft ihr endlich die Erleichterung, auf die sie so lange gehofft hat. Sie muss nichts mehr bewahren oder aufhalten.


Über den Autor

Foto: Wenke Seemann Matthias Wittekindt wurde 1958 in Bonn geboren. Nach dem Studium der Architektur und Religionsphilosophie arbeitete er in Berlin und London als Architekt. Es folgten einige Jahre als Theaterregisseur. Seit 2000 ist er als freier Autor tätig, schreibt u.a. Radio-Tatorte für den NDR. Für seine Hörspiele, Fernseh-Dokumentationen und Theaterstücke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Marmormänner wurde er mit dem 3. Platz des Deutschen Krimipreises 2014 ausgezeichnet.